Nach Gewaltvorfällen

Berlins Schiedsrichter streiken: Alle Amateurspiele abgesagt

| Lesedauer: 4 Minuten
Im Berliner Amateurfußball ruht an diesem Wochenende der gesamte Spielbetrieb des Erwachsenen- und Jugendbereiches aufgrund des Schiedsrichter-Streiks.

Im Berliner Amateurfußball ruht an diesem Wochenende der gesamte Spielbetrieb des Erwachsenen- und Jugendbereiches aufgrund des Schiedsrichter-Streiks.

Foto: Daniel Reinhardt / picture alliance / Daniel Reinha

Immer öfter werden Schiedsrichter in den unteren Berliner Fußball-Ligen Opfer von Gewalt. Nun setzten sie ein Zeichen.

Berlin. Das Präsidium des Berliner Fußball-Verbandes (BFV) hat alle Wochenend-Spiele im Berliner Amateurfußball abgesagt. Das teilte der BFV am Freitagnachmittag mit. Die Absage gelte demnach für alle vom BFV angesetzten Pflicht- und Freundschaftsspiele, für alle Spiele im BFV-Futsalbereich und für alle Spiele im Freizeit- und Betriebssportspielbetrieb.

Damit ruht an diesem Wochenende der gesamte Spielbetrieb des Erwachsenen- und Jugendbereiches im Berliner Amateurfußball. Der Verband reagierte damit auf einen geplanten Ausstand der Schiedsrichter wegen der gestiegenen Gewalt auf den Fußball-Plätzen.

Die Spiele des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) und des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sind von der Entscheidung nicht betroffen.

Berliner Schiedsrichter streiken: "Schon 109 Vorfälle von Gewalt und Diskriminierung"

Zuvor hatte der Schiedsrichterausschuss des Berliner Fußball-Verbandes entschieden, dass für das Wochenende alle Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter von ihren Spielen abgesetzt werden.

Zur Begründung führt der Vorsitzende des Schiedsrichterbereiches, Jörg Wehling, aus: „Die Gewalt auf Berlins Plätzen ist in dieser Saison gegenüber der Vorsaison gestiegen. Bereits jetzt nach wenigen Spieltagen haben wir 109 Vorfälle von Gewalt und Diskriminierung auf den Berliner Plätzen zu verzeichnen. In 53 Fällen wurden die Schiedsrichter als Opfer gezählt. Das sind alarmierende Zahlen, hier ist Handlungsbedarf gefordert und ein deutliches Stop-Zeichen zu setzen.“

Berliner Fußball-Verband kritisiert Vorgehen der Schiedsrichter

In einer Telefonkonferenz des Verbands am Freitagmittag kritisierte eine deutliche Mehrheit des Präsidiums das eigenmächtige Vorgehen des Schiedsrichterausschusses.

Die überwiegende Mehrheit im Präsidium sah sich laut Mitteilung dennoch dazu veranlasst, aus organisatorischen Gründen alle Spiele für das Wochenende abzusagen. Durch das eigenmächtige Handeln des Schiedsrichterausschusses seien bereits Spekulationen, Informationen und Absprachen innerhalb der Vereine erfolgt, die nur schwer zu korrigieren seien. Daher halte es das Präsidium für geboten, ein mögliches Chaos zu vermeiden und aus organisatorischen Gründen alle Spiele abzusagen.

BFV-Präsident: "Noch nicht alle Möglichkeiten der Präventionsarbeit ausgeschöpft"

BFV-Präsident Bernd Schultz teilte mit: "Die zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber Schiedsrichtern sehe auch ich mit großer Sorge. Hier gilt es konsequent und gemeinsam gegen die Täter vorzugehen und alle Möglichkeiten der Sportgerichtsbarkeit auszuschöpfen. Gleichzeitig kann ein Ausstand von Schiedsrichtern immer nur die letzte Konsequenz sein. Aus meiner Sicht sind noch nicht alle Möglichkeiten der Präventionsarbeit und die enge Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedsvereinen ausgeschöpft worden. Daher appelliere ich an alle Verantwortlichen im Berliner Schiedsrichterbereich, den gesamten Spielbetrieb des BFV im Blick zu haben und sich der Verantwortung bewusst zu sein. Die Probleme und Herausforderungen der zunehmenden Gewaltbereitschaft können nur gemeinsam gelöst werden.“

Berliner Clubs äußern Verständnis für Absage

Vertreter von Fußball-Clubs aus der Berlin-Liga reagierten dagegen mit Verständnis auf den Schiedsrichter-Streik und die daraus resultierende Absage aller unterklassigen Partien an diesem Wochenende. „Ich habe beinahe mit solch einer Entscheidung gerechnet und bin absolut dafür. Ich bin selbst seit vielen Jahren auch als Schiri-Beobachter unterwegs und habe zuletzt bei mehreren Spielen erlebt, dass Referees beleidigt und fast angegriffen wurden“, sagte Werner Natalis, Präsident von Tabellenführer SV Sparta Lichtenberg, der „Berliner Zeitung“ und dem „Berliner Kurier“. „Man muss einmal mit der Faust auf den Tisch hauen, damit sich etwas zum Positiven verändert.“

Stefan Teichmann, Präsident von Berlin-Liga-Aufsteiger Berlin United, betonte, dass er „nicht gerade glücklich über diese Art Generalstreik der Schiedsrichter“, sei, „da viele Leute notwendig sind, ein Spiel zu organisieren. Alle sind ja ehrenamtlich tätig.“ Aber auch er könne die Entscheidung verstehen. „Vielleicht sollte man zügig einen Runden Tisch einberufen – mit den Vereinen, dem Verband und den Referees − und alle Probleme diskutieren“, sagte Teichmann.

Heinz Schmidt, 2. Vorsitzender des VfB/Einheit zu Pankow aus der Kreisliga A, verweist zudem auf die Zukunft. „Wir müssen auch an den Nachwuchs denken, der abgeschreckt wird, Schiedsrichter zu werden, wenn die Unparteiischen auf dem Platz angegriffen werden“, sagte Schmidt der Deutschen Presse-Agentur. Darum sei es laut Schmidt richtig, „dass sich die Schiedsrichter Gehör verschaffen.“

( BM )