Biografie

Die Karriere des Mario Basler – Zu verrückt, um wahr zu sein

Mario Basler erzählt in seiner Biografie von einem Fußballer-Leben, das es so nie wieder geben wird – und von wilden Jahren in Berlin.

Mario Basler (50) mit seiner Biografie.

Mario Basler (50) mit seiner Biografie.

Foto: Christoph Soeder / picture alliance/dpa

Berlin.  Als die Pflicht vorbei ist, gibt es noch mal Basler pur. „Rauchst Du?“, fragt der frühere Fußballprofi nach dem Gespräch über seine neue Biografie. Die kopfschüttelnde Antwort nutzt er zu einer perfekt gesetzten Kunstpause, dann die Pointe wie auf Knopfdruck: „Ich aber.“ Kurzes Lächeln, Treffer nach Standard. Fast wie früher auf dem Platz.

Die Zigarette danach darf bei Mario Basler (50) natürlich nicht fehlen, stehen die Glimmstängel doch stellvertretend für das, was ihn als Fußballer so besonders gemacht hat. Ein Musterprofi war er nie, stattdessen wild, unangepasst und unvernünftig, aber eben der Mann für das gewisse Etwas, die warmen Genuss-Momente.

„Im Grunde seiner Seele ist er ein lieber Kerl“, schreibt Trainer-Legende Otto Rehhagel in Baslers Buch, „und auf dem Rasen hat er Dinge getan, die bis heute unvergessen sind.“ Sein früherer Coach bei Hertha, Bernd Stange, drückte es einst etwas anders aus: „Bis zum Hals Weltklasse, darüber Kreisklasse.“

Zwischen „Holst am Zoo“, Casino, Bordell und Training

Auch wenn dieser Satz aus Baslers Berliner Zeiten (1991 bis 1993) wenig charmant sein mag: An seine Jahre in der Hauptstadt denkt er gern zurück. An die Besuche in der einstigen Kult-Kneipe „Holst am Zoo“, wo ihm Präsident Heinz Roloff die Bargeld-Prämien in Kuverts über den Tisch schob. An durchzechte Casino- und Bordell-Nächte nach erfolgreichen Heimspielen, die er mit seinen Kollegen Uli Bayerschmidt und Christian Hausmann erst am nächsten Morgen ausklingen ließ – beim Auslaufen wohlgemerkt.

Herthas Status quo kann er indes wenig abgewinnen, aber das ist ein Thema für sich, Basler ist schließlich in Berlin, um sein Buch zu bewerben. Geschrieben hat er „Eigentlich bin ich ein Supertyp“ (18,95 Euro, Edel Books) mit Autor Alex Raack, der schon Kult-Kicker Uli Borowka auf die Bestsellerlisten verhalf. Herausgekommen sind 300 unterhaltsame Seiten aus dem Leben des Fußballers Basler, allzu Privates bleibt außen vor.

Spektakulär liest sich der Ritt durch seine Vita trotzdem, erst recht nach heutigen Maßstäben. Neben den stromlinienförmigen Profis der Gegenwart mit ihren akkurat gestylten Frisuren und nichtssagenden Field-Interviews wirkt Enfant terrible Basler so herrlich unperfekt, dass man sich mitunter dabei ertappt, wie man ungläubig lächelnd auf „die guten alten Zeiten“ zurückblickt. Ein Lebemann wie er im Finale der Champions League? Nicht zu fassen.

Kreisliga-Charme mit Frischpils und Fluppe

Wenn die Erzählung Mario Basler funktioniert, dann ja nur mit reichlich Kreisliga-Charme, mit Frischpils und Fluppe. Seine Kritiker mögen den heutigen TV-Experten für einen ewig gestrigen Macho halten, der sein Talent eher verschleudert hat, als es zu nutzen. Andere schätzen ihn seit jeher für seine markigen Worte, die „Leck‘ mich am Arsch“-Attitüde und seinen Größenwahn, der natürlich nur deshalb tragbar war, weil neben den Sprüchen oft auch die Schüsse saßen. „Ich glaube, dass es in den vergangenen 15 Jahren keinen Spieler in der Liga gab, der so extrem war wie ich“, sagte Basler gegen Ende seiner Karriere. Die meisten sahen es ähnlich.

Inzwischen liegt sein letztes Bundesligaspiel mehr als 15 Jahre zurück. Warum er ausgerechnet jetzt eine Biografie veröffentlicht? Nun, vielleicht, weil die Kippe nach dem Karriereende ziemlich lang werden kann; ganz sicher aber, weil er schon immer ein Faible für Unterhaltung hatte.

Früher begeisterte er mit seinen begnadeten Füßen, heute gibt Basler, Dampf-Inhalierer, Dampf-Plauderer, anders den Entertainer, sei es in TV-Formaten oder bei seinem Bühnen-Programm „Basler ballert“. Auf seiner Tournee sei er immer wieder auf eine Biografie angesprochen worden, erzählt er. „Kommt da mal was?“ Eine Steilvorlage, die er gern annahm. Und mehr als sicher verwandelte.

Auch Matthäus, Effenberg oder Hitzfeld kommen zu Wort

Zu erzählen hat Basler freilich genug. Von seiner Kindheit in der Pfalz, in der er seinem größten Helden – seinem Vater – teuer zu stehen kam, weil jener ihm für jedes Tor fünf Mark versprochen hatte. Vom konspirativen Anwerbe-Gespräch mit Werder-Coach Rehhagel am Waschbecken einer Herren-Toilette und der „hervorragenden Bremer Kneipenszene“. Vom „Warmliegen“ während der WM 1994, oder den FC-Hollywood-Tagen in München mit dem folgenschweren „Da Fernando“-Schlagabtausch, Stichwort „Pizzeria-Affäre“. Wer wissen will, wie’s wirklich war, wird bei Basler bedient.

Nicht fehlen darf natürlich das tragische Königsklassen-Finale 1999, in dem Torschütze Basler bis zu seiner Auswechslung in der 89. Minute wie der Matchwinner aussah, ehe sein Moment für die Ewigkeit zwei Minuten später zerplatzte. Geschichten, die eigentlich viel zu verrückt sind, um wahr zu sein. Aber für Gewöhnliches war Basler eben noch nie gut.

Champions-League-Finale 1999

Sicher, viele der Basler’schen Anekdoten sind bekannt und längst Teil der deutschen Fußball-Folklore. So pointiert zusammengetragen, so lebendig und detailreich erzählt, wurden sie jedoch noch nie. Autor Raack gibt dabei den literarischen Sechser, schreibt mit Fachwissen und Gespür jene Löcher zu, die Basler nicht mehr beackern will oder kann. Zudem kommen etliche namhafte Weggefährten zu Wort, von Marco Bode über Lothar Matthäus und Stefan Effenberg bis Ottmar Hitzfeld.

Langweilig wird die Rückschau mit Basler nie. „Mal war ich oben, mal war ich unten“, schreibt er am Ende seines Buches, „aber ich war immer ganz nah bei mir selbst.“ Und dann, na klar, hat er sich „erstmal eine Kippe verdient“.