Heute vor 25 Jahren

Van Almsicks WM-Gold 1994: Ein Drama in vier Akten

Vor 25 Jahren schwimmt die Berlinerin in Weltrekordzeit zu Gold, weil Teamkollegin Dagmar Hase auf ihren Startplatz verzichtet.

Vom Vorlauf-Aus zum Weltrekord: Franziska van Almsick präsentiert ihre Goldmedaille über 200 Meter Freistil.

Vom Vorlauf-Aus zum Weltrekord: Franziska van Almsick präsentiert ihre Goldmedaille über 200 Meter Freistil.

Foto: Carsten Rehder / picture-alliance/ dpa

Hamburg. Franziska van Almsick war zwar erst 16 Jahre alt, doch der schnelle Aufstieg zum ersten gesamtdeutschen Sportstar hatte sie bereits abgehärtet. Was allerdings an jenem 6. September 1994 im spätsommerlich warmen Rom passierte, toppte nochmal alles und war für den Teenager nur schwer zu verkraften. „Ich war in der Hölle und im Himmel“, sagt die frühere Ausnahmeschwimmerin rückblickend.

Im monumentalen Foro Italico ereignete sich während der Schwimm-WM 1994 ein achtstündiges Drama in vier Akten, in den Hauptrollen van Almsick und Dagmar Hase. Applaus bekamen am Ende beide, doch nur van Almsick wurde Weltmeisterin und Weltrekordlerin. Hase blieben nur ein Blumenstrauß, ein warmes Dankeschön und ein paar Tränen. „Ich war in Rom der Depp“, sagte die Olympiasiegerin einmal.

Chinesinnen „sehen furchteinflößend aus“

Das war passiert: Im Vorlauf am Vormittag über 200 Meter Freistil will van Almsick, die im Jahr zuvor sechs EM-Goldmedaillen und bei Olympia 1992 Silber gewonnen hatte, ins Finale schwimmen. Doch die Konkurrenz schüchtert sie ein, die Chinesinnen zum Beispiel „sahen furchteinflößend aus“, sagte van Almsick der „Bild am Sonntag“: „Auf dem Startblock war ich schon fix und fertig.“

Das Ausnahmetalent schlägt nur als Neunte an - raus im Vorlauf! Absolut niemand im Team hatte damit gerechnet. Am wenigsten van Almsick selbst. Wütend flüchtet sie ins Hotel, schließt sich ins Badezimmer ein und bekommt nicht mit, dass die DSV-Verantwortlichen eine Lösung finden. Die für den Endlauf qualifizierte Hase verzichtet kurz vor Meldeschluss auf ihren Startplatz.

Für Hase gibt es nur einen Blumenstrauß

Gerüchte machen die Runde, Hase sei von van Almsicks Management unter Druck gesetzt oder gar bezahlt worden. „Einen Blumenstrauß“ habe es gegeben, verriet Hase einmal, „aber keine Urlaubsreise eines Sponsors“, wie oft geschrieben wurde. Der Verzicht hatte auch taktische Gründe: „Ich wollte am nächsten Tag Weltmeisterin über 400 Meter werden. Und die Konstellation mit Franzi passte.“

Was aber nicht passte, war Hases Form im 400-Meter-Rennen. Sie verpasst als Neunte das Finale, „aber mir bleibt nicht die Möglichkeit, das Pech zu korrigieren“, sagt Hase: „Da platzt mein Traum wie eine Seifenblase.“ Die Tränen fließen.

Auf der Außenbahn zum Weltrekord

Van Almsick hat das Glück, ihren Fauxpas vom Vorlauf korrigieren zu können. Aber sie hat auch einen fast unmenschlichen Druck. Das junge Mädchen will nicht starten. Ihre Mutter findet damals die richtigen Worte, als sie die im Badezimmer eingeschlossene Tochter zu beruhigen versucht: „Wenn dir jemand eine zweite Chance gibt, dann hast du sie zu nutzen.“ Hase drückt ihr kurz vor dem Start die Hand und baut sie auf: „Ich weiß, dass du das kannst.“

Doch van Almsick spürt auch Missgunst. „Selbst für viele in den eigenen Reihen war es ein gefundenes Fressen, dass das kleine gefeierte Küken versagt hat“, sagt die Berlinerin. Diese Stimmung motiviert sie. Sie überwindet ihre Angst vor einem erneuten Versagen, schwimmt auf der Außenbahn in Weltrekordzeit (1:56,78 Minuten) zu Gold. Danach setzt sie sich im Pressebereich auf einen Stuhl und weint unentwegt.

Bei der Siegerehrung zeigt die Weltmeisterin kaum Freude. „Ich habe an diesem Tag so unfassbar emotional gelitten wie noch nie“, sagt van Almsick. Dagmar Hase sei sie bis heute sehr dankbar, sie werde „immer einen festen Platz in meinem Herzen haben“.