Mehr namhafte Fußball-Tradition geht kaum: Die NOFV-Oberliga wartet in der Spielzeit 2019/20 mit gleich drei früheren Bundesligisten auf – nach Tennis Borussia (1974/75, 1976/77 im Oberhaus) und Blau-Weiß 90 (1986/87) komplettiert Aufsteiger SV Tasmania (1965/66) das Berliner „Promi-Trio“. Dass die am Freitag startende Saison enorme Spannung verspricht, ist jedoch nicht nur der Rivalität der drei Hauptstadtklubs geschuldet. Wer die größten Aufstiegschancen hat, in welchem Klub die größte Sprengkraft steckt und welchem Team eine Überraschung zuzutrauen ist.
Blau Weiß 90: Die Anpassungsphase ist für den Vorjahres-Neuling definitiv vorbei. Nach einem katastrophalen Saisonstart 2018/19 fand die Mannschaft von Trainer Marco Gebhardt (46) in der Rückrunde in die Spur, am Ende reichte es sogar noch zu Platz sechs. Da nahezu alle tragenden Säulen gehalten wurden, darf es nun ein bisschen mehr sein, zumal der Kader noch verstärkt wurde.
Zu den Zugängen dieses Sommers zählt Florian Kohls (24), einst Profi bei Hertha BSC und zuletzt beim Drittligisten Würzburger Kickers unter Vertrag. Nach einem Kreuzbandriss hat sich der zentrale Mittelfeldspieler von höheren Ambitionen verabschiedet, will dafür aber auf kleiner Bühne groß aufspielen.
Die Favoritenrollen wollen sie in Mariendorf trotzdem nicht annehmen. „Wir trainieren nur vier Mal in der Woche, TeBe trainiert acht Mal“, sagte Präsident Michael Meister der „Fußball-Woche“. Dennoch: Angesichts der finanziellen Mittel zählt Blau-Weiß zu den Topfavoriten. Erster Gratmesser ist an diesem Sonnabend Lok Stendal (13 Uhr, Volkspark Mariendorf).
Hertha Zehlendorf: Wer die „Großen“ ärgern kann? Vielleicht ja die kleine Hertha aus Zehlendorf. Trainer Markus Schatte verfügt in seinem Team jedenfalls über ein ordentliches Gerüst.
Torwart Philip Sprint (26, 1,96 Meter) machte einst zwei Zweitligaspiele für Hertha BSC, Stürmer Sebastian Huke (29) beendete die vergangene Saison als Torschützenkönig (30 Treffer). Die große Frage ist, wie sich der Vorjahresvierte schlägt, wenn der Torjäger mal Ladehemmung hat, aber ein Platz unter den Top Fünf ist den Zehlendorfern durchaus zuzutrauen.
SC Staaken: Dass die Spandauer ein hervorragender Ausbildungsverein sind, ist kein Geheimnis. Ob Maximilian Mittelstädt (Hertha BSC), Manuel Schmiedebach (1. FC Union) oder Marvin Knoll (FC St. Pauli) – sie alle haben in der Jugend in Staaken gekickt.
Was den Teamerfolg betrifft, fällt die Bilanz nicht ganz so positiv aus. Im zweiten Oberliga-Jahr sicherte sich das Team von Coach Jeffrey Seitz den Klassenerhalt erst mit einem couragierten Schlussspurt. Ein Nervenkitzel, auf den der Trainer in dieser Saison gern verzichten würde: „Wir wollen konstanter spielen und auch gegen die vermeintlich schwächeren Teams punkten.“ Der erste Gegner zählt am Sonntag (14 Uhr, Sportpark Staaken) allerdings zu den stärkeren: TSG Neustrelitz.
SV Tasmania: Es ist vollbracht! Nach 20 Jahren meldet sich der Traditionsklub im überregionalen Fußball zurück. Mehrfach hatten die Neuköllner, die zwischenzeitlich bis in die Bezirksliga abgedriftet waren, den Aufstieg in die Oberliga knapp verpasst. Dass Trainer Tim Jauer (37) trotz des zunächst verpassten Ziels weiterarbeiten durfte, sollte sich jedoch auszahlen – mit zwei Zählern Vorsprung auf Sparta Lichtenberg gelang „Tas“ der Sprung über die Berliner Stadtgrenze.
„Erstmal geht es um den Klassenerhalt“, sagt Präsident Detlef Wilde, „aber wenn es gut läuft, kann auch ein einstelliger Tabellenplatz möglich sein.“ Die Fan-Szene wird alles daran setzen, dass es so kommt. Das markante „Ra-ra-ra, Tasmania“ dürfte in diesem Jahr noch etwas lauter durch den altehrwürdigen Werner-Seelenbinder-Sportpark schallen als sonst. Vor allem an diesem Sonntag (14 Uhr), wenn das erste Highlight der Saison wartet: das Prestige-Derby gegen Tennis Borussia.
Hertha 06: Als wäre die Herausforderung in der Oberliga nicht schon groß genug, trennten sich die Charlottenburger zwei Wochen vor Saisonstart von Trainer Murat Tik. Grund war eine Meinungsverschiedenheit zwischen Coach und Klub-Boss Ergün Cakir, der als Nachfolger Tuurjalai Zazai (37) präsentierte. Der Deutsch-Afghane arbeitet erst seit drei Jahren als Trainer, hat sich in der Landesliga bei Brandenburg 03 und Novi Pazar (vormals 1. FC Neukölln) aber den Ruf eines Schleifers erarbeitet. Ein einstelliger Tabellenplatz sei durchaus möglich, meint Zazai – „wir möchten die großen Vereine ein bisschen ärger“.
Tennis Borussia: Blickt man auf die sportliche Bilanz, gibt es kaum etwas zu meckern. Platz zwei in der Oberliga, dazu ein knapp verlorenes Finale im Berliner Pokal (0:1 gegen Regionalligist Viktoria 89) – Tennis Borussia hat sich 2018/19 ordentlich geschlagen. Die aktive Fan-Szene des Klubs konnte sich daran jedoch kaum erfreuen, weil sie sich seit Jahren im Clinch mit Klub-Boss und Geldgeber Jens Redlich (38) befindet.
Spätestens seit der skandalösen Mitgliederversammlung im Januar, bei der Redlich seine Machtposition mittels angeheuerter Neumitglieder zementierte, ist das Tischtuch zwischen Vorstandsvorsitzendem und Fans endgültig zerschnitten. Die Folge: Die treuen Anhänger boykottierten fortan die Spiele ihres Herzensvereins und machten stattdessen auf anderen Plätzen Stimmung.
Für ihre „Caravan of Love“-Tour ernteten sie zwar bundesweit Aufmerksamkeit und Anerkennung, kamen in der Sache aber nicht weiter. Nach wie vor lehnt Redlich ein demokratisches Mitspracherecht der Fans ab. Am Dienstagabend folgte die überraschende Wendung: Wie der Klub per Pressemitteilung bekanntgab, ist Redlich nicht länger Teil des Vorstands.
Zu Hintergründen und Details wollte sich die TeBe-Fanszene zunächst nicht äußern. Dafür meldete sich Jens Redlich: „Es ist leider ein Putschversuch. Ich befinde mich in den USA und bin nicht zurückgetreten. Wir werden dieses jetzt rechtlich prüfen“ schrieb er als „Vorstandsvorsitzender Tennis Borussia Berlin“ auf Facebook.
Auch in der Mannschaft hat sich einiges getan. Die Altrocker um Karim Benyamina oder Thiago Rockenbach haben den Klub verlassen, stattdessen setzt Trainer Dennis Kutrieb (39) zunehmend auf die Abteilung jung und wild. Ganz ohne Rettungsanker wird’s allerdings nicht gehen. Routiniers wie Mittelfeldspieler Tino Schmunck (28), der über reichlich Regionalliga-Erfahrung verfügt, sollen dem Team die nötige Stabilität verleihen.
Unter den Zugängen befinden sich Chinonso Solomon Okoro (Preussen Eberswalde), der Torschützenkönig der Brandenburg-Liga, oder Max Nerlich aus der U19 von Hertha BSC. Trotzdem hatte Redlich tief gestapelt. Man sehe sich in der „Verfolgergruppe“, peile „einen Platz unter den ersten fünf“ an, hatte er gesagt. Ein braver Satz – vor seinem Abgang.


