Sie haben dieselben Initialen und fuhren in den Pyrenäen fast wie Zwillinge: Egan Bernal (22) und Emanuel Buchmann (26) bewältigten bei der 106. Tour de France, die am Sonntagabend mit dem Etappensieg von Sprintstar Caleb Ewan in Paris endete, nicht nur den mythischen Tourmalet zeitgleich, sondern später auch die steile Rampe des Prat d’Albis in Foix. In den Alpen war dann Bernal besser. 58 Sekunden nahm er Buchmann am Col de l’Iseran ab.
Wegen Hagelstürmen und eines Erdrutschs war das Dach der Frankreich-Rundfahrt (2770 Meter) erst nachträglich zum Etappenziel bestimmt worden. Bei normalem Etappenverlauf am ursprünglich geplanten Gipfel in Tignes wäre Bernal vielleicht noch von seinen Verfolgern gestellt worden, doch Buchmann – ganz fairer Sportsmann – gab sich keinem Wenn und Aber hin: „Es hat der Stärkste gewonnen“, sagte er, „Bernal ist ein verdienter Sieger.“
Buchmann selbst fehlten bei der Tour am Ende 25 Sekunden auf Platz drei. Enttäuscht über diese „Holzmedaille“ war der Schreinersohn aus Ravensburg aber nicht. „Platz vier ist richtig geil. Wir hatten die Top Ten als Ziel, jetzt ist es der vierte Platz. Ich habe gesehen, dass ich mit den Allerbesten mitfahren kann“, zog er eine positive Bilanz.
Thomas: „Bernal kann noch viele Male gewinnen“
Entschlossen blickte er in die Zukunft: „Ich denke, ich bin mit meiner Entwicklung noch nicht am Ende. Ich habe mich jetzt Jahr für Jahr gesteigert. Und schauen wir mal, was in den nächsten Jahren noch möglich ist.“

Während Buchmann sich in kleinen Schritten verbesserte, schlug Bernal wie eine Bombe in den internationalen Straßenradsport ein. Im letzten Jahr schon, als Helfer von Toursieger Geraint Thomas (33), wirkte er stärker als der nominelle Boss. Die Teamtaktik, und wohl auch eigene Schüchternheit, hielten ihn jedoch zurück.
In dieser Saison rückte er in die Führungsebene vor. Formal war er gleichberechtigt mit Thomas, leistungsmäßig aber von Beginn an stärker. So wie Buchmann erkannte schließlich auch Thomas die Überlegenheit seines Teamkollegen an.
Als Teenager auffällige Werte bei Belastungstests
„Er kann noch viele Male die Tour de France gewinnen“, meinte der Tourzweite dieses Jahres und Toursieger von 2018. Er prophezeite für die Zukunft, dass Chris Froome (34) noch stärker als gewohnt zurückkommen werde und fasste auch schon die Plätze eins, zwei und drei für sich und seine Teamkollegen ins Auge. Behält er recht, wird die nächste Tour wohl im Teambus von Ineos ausgewürfelt.
In diesem Trio ist Bernal der Talentierteste. 2015, er hatte bei der Junioren-WM im Mountainbike gerade die Bronzemedaille gewonnen, fuhr sein damaliger Trainer Pablo Mazuera mit ihm zum Trainingszentrum des Weltradsportverbands UCI in Aigle.
„Er machte einen Belastungstest. Die Leute dort sagten mir, dass es die besten Werte waren, die sie jemals in dieser Alterskategorie gemessen hatten“, erzählte Mazuera dieser Zeitung am Rande der Tour.
Ein Talent, auf das der Radsport gewartet hat
Der Coach versuchte damals noch, seinen Rohdiamanten in der europäischen Mountainbike-Szene unterzubringen. „Die Teams hatten aber schon alle Plätze besetzt“, erzählt Mazuera. Zum Glück für den Straßenradsport.
In dieser Phase der Ungewissheit trat Gianni Savio auf den Plan. Der weißhaarige Rennstallbesitzer aus Italien ist ein Grandseigneur im Straßenradsport, ein Entdecker vor allem von Talenten aus Südamerika. Er hat allerdings auch einige Dopingfälle in seinen Teams. Savio verpflichtete Bernal für vier Jahre, bildete ihn aus.

Noch heute sagt Bernal: „Straßenradsport habe ich vor allem in Italien gelernt.“ Nach zwei Jahren kaufte ihn Sky aus dem Vertrag heraus. „Er ist das Talent, auf das alle gewartet haben“, sagte Carsten Jeppesen, der Technische Direktor beim Team Ineos.
Buchmann fordert Verstärkung im Team
Nach einer Saison Anpassung nur an die Gepflogenheiten im britischen Rennstall stieg Bernal zum Chef auf. Der neuen Rolle ist er sich bereits bewusst. „Wenn man eine Tour gewinnt, will man danach auch eine, zweite, dritte, fünfte Tour gewinnen. Es ist wie eine Droge“, meinte er – und machte damit den Rivalen innerhalb und außerhalb des eigenen Rennstalls gehörig Angst.
Weitere Entwicklungsschritte hat auch Buchmann vor. Er fordert dafür „mehr Fahrer für das Hochgebirge im Team“. Der Kapitän von Bora-hansgrohe entwickelte Selbstbewusstsein bei der Tour. Er weiß aber auch, dass seine Ambitionen mit denen des vier Jahre jüngeren Burschen aus Kolumbien kollidieren.
Für die Zukunft verspricht dieses Duell viel Freude: Beide sind Kletterer, beide wollen die Siege im Kampf Mann gegen Mann erringen. Die Pyrenäen-Zwillinge mit den gleichen Initialen sind ein Gewinn für diesen Sport.


