Zaubern wie ihre literarischen Vorbilder aus den Harry-Potter-Romanen können sie nicht. Und fliegen auf ihren Besen selbstredend auch nicht. Dafür ist den Quidditch-Spielern der Berlin Bluecaps in diesem Jahr ein ganz eigenes Kunststück gelungen: Im Mai gewannen die Hauptstädter die zweite Division des Europapokals – es war der erste internationale Titel einer deutschen Mannschaft überhaupt.

16 Teams waren in Warschau am Start, doch am Ende wurde das Finale zu einer rein deutschen Angelegenheit, in der die Berliner gegen Looping Lux Leipzig als Sieger vom Platz gingen. Das Ergebnis passt zur allgemeinen Entwicklung dieser Sportart: „Das Niveau in Deutschland wird immer besser“, sagt Max Martens (25), Kapitän der Bluecaps und einer von drei Nationalspielern im Aufgebot. Mit dem Nationalteam hat er bei der EM in Bamberg gerade erst Platz vier erreicht, was ebenfalls die bisher beste Platzierung bedeutete.

Weltweit die Nummer zwei im Quidditch

Mit über 1000 Aktiven in rund 40 Mannschaften verfügt Deutschland weltweit mittlerweile über die zweitgrößte Szene nach den Vereinigten Staaten, dem Mutterland dieser Sportart. In den USA wird Quidditch vielerorts sogar als Wettkampfsport an den Universitäten angeboten.

Trotzdem wird Quidditch immer noch belächelt, was wohl hauptsächlich an den Besen liegt, die während der gesamten Partie zwischen den Beinen geführt werden müssen und sich bei genauerem Hinsehen als einfache PVC-Rohre aus dem Baumarkt entpuppen.

Keine Fanveranstaltung für Harry-Potter-Fans

„Am Anfang ist es noch ungewohnt, damit zu laufen, aber irgendwann merkt man das gar nicht mehr“, sagt Bluecaps-Trainerin Miriam Burchert (21). Die Besen sind jedoch mehr als bloß eine Hommage an die Romanvorlage, in der Quidditch hoch oben in der Luft gespielt wird. Sie sind auch ein zusätzliches Handicap.

Die Spieler müssen den Ball fangen und werfen, gegnerischen Attacken ausweichen und dabei irgendwie versuchen, den Besenstiel nicht fallen zu lassen. „Quidditch ist keine Fanveranstaltung in Verkleidung, sondern eine anspruchsvolle Sportart“, sagt Burchert. „Natürlich haben wir alle die Bücher gelesen oder die Filme geguckt. Die Leute kommen zwar wegen Harry Potter, aber sie bleiben wegen des Sports.“

Das Regelwerk ist über 200 Seiten lang

Am besten beschreibt man Quidditch als eine Mischung aus Handball, Völkerball und Rugby. Im Groben geht es darum, den Ball durch einen von drei unterschiedlich hohen Torringen zu werfen, was jeweils zehn Punkte einbringt, beziehungsweise den Gegner genau daran zu hindern. Körperkontakt ist dabei erlaubt, Angriffe von hinten sowie auf den Besen sind allerdings verboten.

Das genaue Regelwerk ist jedoch kompliziert und hat über 200 Seiten. „Quidditch ist für Außenstehende auch deshalb so schwer zu verstehen, weil so vieles parallel passiert. Da braucht man schon ein gewisses taktisches Verständnis“, sagt Miriam Burchert.

Vier Bälle gleichzeitig im Spiel

Von den sechs Spielern jedes Teams hat jeder eine andere Aufgabe. Vier Bälle sind gleichzeitig im Spiel, von denen aber nur mit einem gepunktet werden darf – die anderen dienen stattdessen dazu, Gegenspieler abzuwerfen. Ab der 18. Spielminute kommt zudem ein weiterer Ball ins Spiel, der sogenannte Schnatz, sowie je ein weiterer Spieler in jeder Mannschaft, deren einzige Aufgabe es ist, diesen Schnatz zu fangen.

Gelingt einem Spieler das, gibt es 30 Punkte und das Spiel ist beendet. Genau wie beim Besen ist beim Schnatz eine gewisse Kreativität gefragt: Handelt es sich in der Welt von Harry Potter um einen goldenen Ball mit silbernen Flügeln, der selbst herumfliegt, wird in der realen Variante einfach ein Tennisball in eine Socke gesteckt und im Hosenbund eines neutralen Spielers platziert.

Seit 2018 gehören die Bluecaps zum SC Charlottenburg

Als einzige Teamballsportart wird Quidditch von Frauen und Männern gemeinsam gespielt. Dabei dürfen nicht mehr als vier Spieler einer Mannschaft dem gleichen Geschlecht angehören. Sechs Regionalligen gibt es hierzulande, die besten Teams treffen sich anschließend zur deutschen Meisterschaft. Mit Platz sechs erreichten die Bluecaps dort in dieser Saison ihr bislang bestes Ergebnis.

„Die Spitzenteams in Deutschland rücken immer enger zusammen“, sagt Max Mertens. Seit 2014 gibt es die Bluecaps, die seit 2018 unter dem Dach des SC Charlottenburg firmieren. „Wir erhoffen uns durch die Marke SCC noch mehr Aufmerksamkeit“, sagt Mertens.

Auch die Trainingsbedingungen haben sich seitdem deutlich verbessert: Als einer der wenigen Mannschaften verfügen die Berliner über einen eigenen Platz, nachdem man anfangs noch in öffentlichen Parks trainieren musste. Im Herbst peilen die Bluecaps nun die erstmalige Qualifikation für die erste Division des Europapokals an, die Champions League des Quidditch-Sports. Es wäre der nächste sportliche Höhenflug für den Hauptstadtklub. Und das ganz ohne Zauberkraft.