Pferdesport

Otto Becker: „Die Top-Pferde werden weggekauft“

Springreit-Bundestrainer Otto Becker beklagt vor dem Nationenpreis in Aachen den Mangel an erfahrenen Paaren in Deutschland

Springreit-Bundestrainer Otto Becker führte die deutsche Équipe 2018 beim Nationenpreis in Aachen zum viel umjubelten Sieg.

Springreit-Bundestrainer Otto Becker führte die deutsche Équipe 2018 beim Nationenpreis in Aachen zum viel umjubelten Sieg.

Foto: Volker Essler/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Sendenhorst/Aachen.. Otto Becker könnte beim CHIO in Aachen einfach nur gut gelaunt sein. Doch der Bundestrainer der deutschen Springreiter warnt. Denn obwohl er gemeinsam mit Breido Graf zu Rantzau, dem Präsidenten der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), pünktlich zum Weltfest des Pferdesports in der Aachener Soers den Top-Reiter Christian Ahlmann zurück ins Nationenpreisteam geholt hat, stimmt ihn etwas nachdenklich. Im Interview spricht der 60-Jährige über den Weg zu Ahlmanns Rückkehr, die Erwartungen an seine Reiter beim Nationenpreis in Aachen, der am Donnerstagabend stattfindet (20.15 Uhr, WDR), und er stellt eine Forderung an den Internationalen Verband FEI auf.

Berliner Morgenpost: Herr Becker, pünktlich zum CHIO ist es gelungen, Christian Ahlmann zur Unterschrift unter die Kadervereinbarung zu bewegen. Wie erleichtert sind Sie, dass nach Daniel Deußer auch Christian Ahlmann wieder für Deutschland reiten möchte und darf?

Otto Becker: Ich bin sehr erleichtert und sehr froh, dass nach Daniel auch Christian wieder zurück im Team ist. Es war ein langer und teils schwieriger Weg, den wir in den vergangenen Wochen und Monaten gehen mussten. Vor allem unser Präsident Breido Graf zu Rantzau hat sich auf diesem sehr eingebracht. Er hatte es sich auf die Fahnen geschrieben, Daniel und Christian wieder zurückzuholen – und er hat es geschafft. Ich freue mich, dass ich beide wieder einsetzen kann.

Können Sie erklären, an welchen Passagen der Kadervereinbarung sich die beiden besonders störten?

Es waren einige Punkte – und am Ende haben sich beiden Seiten angenähert und sind Kompromisse eingegangen. Die Kadervereinbarungen sind sehr strikt, aber das liegt nicht nur an unserem Verband. Das Thema Gerichtsbarkeit, das Christian moniert hat, war zum Beispiel ein Punkt, der für Diskussionen sorgte.

Sie betonten die Rolle von Breido Graf zu Rantzau, dem Präsidenten der FN. Aber war Ihre nicht wesentlich wichtiger, als Antreiber und Vermittler?

Ich war immer dabei, und mir war es wichtig, dass die beiden in die Mannschaft zurückkehren. Aber Zusagen, die nötig waren, konnte ich nicht tätigen. Das war die Aufgabe des Verbandes und des Präsidenten, der sich wirklich sehr eingebracht hat. Wir haben vor einem Jahr in Aachen zu dem Thema im kleinen Kreis zusammengesessen, dann in Warendorf und später nochmal in Leipzig. Jetzt sind Breido und ich erneut herumgefahren und haben letztendlich die Zusagen bekommen. Eins möchte ich aber betonen: Die Kadervereinbarungen sind für alle Reiter gleich.

In Aachen bieten Sie jetzt Daniel Deußer, Christian Ahlmann, Marcus Ehning, Maurice Tebbel und Simone Blum als Weltmeisterin auf. Vorsichtig gesagt: Die Namen hören sich vielversprechend an.

(lacht) Unser Team ist diesmal sehr erfahren und hört sich von den Namen her sehr gut an. Dass sich der eine oder andere Reiter gerade neue Pferde aufbaut, ändert daran nichts. Unser Blick geht jetzt nach Aachen, dann zur EM nach Rotterdam – aber über allem stehen die Planungen für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

In Aachen siegte Ihre Mannschaft 2018 im Nationenpreis sensationell. In dieser Saison hätten die Ergebnisse bislang besser sein können, oder?

Aachen haben wir im vergangenen Jahr gewonnen – und das ist auch in diesem Jahr unser Ziel. Allerdings ist es richtig, dass sich unser Erfolg in dieser Saison noch in Grenzen hält. Im Moment haben wir leider wenig erfahrene Top-Paare. Früher haben wir aus dem Vollen schöpfen und zwei, drei Teams stellen können. Aber diese Zeiten sind leider vorbei.

Woran liegt das?

Wenn irgendwo ein Top-Pferd auftaucht, steht das Telefon nicht mehr still und es wird weggekauft. Viele Reiter müssen verkaufen, um ihren Stall zu unterhalten.

Kann die FN in solchen Fällen nicht helfen, ein Top-Pferd in Deutschland zu behalten?

Helfen und Kontakte knüpfen ja, aber sie kann nicht die Pferde komplett kaufen. Es geht bei Top-Pferden schnell um siebenstellige Summen, da hört es irgendwann auf.

Das dürfte in den vergangenen Jahren aber kaum anders gewesen sein.

Nach Olympia in Rio mussten wir aus den verschiedensten Gründen ein ganz neues Team aufbauen und hatten das Glück, dass die Reiterinnen und Reiter, auf die wir gesetzt haben, die passenden Pferde hatten. Aber das ist nicht jedes Jahr möglich. Auch das vergangene Jahr war schwierig, weil das eine oder andere Pferd zu Beginn der Saison angeschlagen war. Wir haben auf die Weltreiterspiele gesetzt und hatten dort auch das nötige Quäntchen Glück. Olympia-Qualifikation, Teammedaille - und Simone Blums Einzeltitel als i-Tüpfelchen. Das war auch für uns als Trainerteam echt super, weil unser Konzept, auf die Jugend zu setzen, voll aufgegangen ist. Aber jetzt vor Aachen merke ich: Es ist dünn, echt dünn.

Sollte man in Aachen lieber keine zu großen Erwartungen an die Mannschaft haben?

Doch. Wir sind konkurrenzfähig und zählen zu den Favoriten - aber es darf keiner ausfallen.

Welchen Stellenwert besitzt die Nationenpreis-Serie zwischen Global Champions Tour oder Riders Tour überhaupt noch?

Für mich - und für die Reiter - ist der Nationenpreis die wichtigste Serie. Sie ist unsere olympische Zukunft. Es ist die einzige Serie, bei der man alle, die mit dem Reiten zu tun haben, vereinen kann. Ob Reiter, Pfleger, Züchter, Sponsoren, normale Zuschauer oder jemand, der gar nichts von Pferden versteht: Wenn es ums Land geht, fiebern alle mit und drücken die Daumen.

Trotzdem erliegen die Reiter auch immer wieder dem Reiz der enormen Preisgelder der anderen Serien.

Die anderen Serien haben sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Die Nationenpreis-Serie ist stagniert. Deshalb sehe ich die FEI mit ihrem Präsidenten Ingmar de Voss in der Pflicht, die Nationenpreis-Serie zu verbessern. Es müssen die besten Turniere in der Serie sein und sie müssen dementsprechend dotiert sein. Es darf für die Reiter keinen Unterschied machen, ob sie bei einem Nationenpreis starten oder zum Beispiel bei der Global Champions Tour. Dann wird es noch einfacher, die Reiter zu motivieren.

Ist das derzeit ein Problem?

Zum Glück nicht. Auch wenn es weniger Preisgeld zu gewinnen gibt, starten die Reiter trotzdem, weil sie für ihr Land reiten möchten. Etwas anderes bereitet mir mehr Kopfzerbrechen.

Was denn?

Durch die Vielzahl der Turniere sind wir jetzt an einem Punkt, an dem es für Reiter und Pferde zu viel ist. Die Global Champions Tour hat 20 Turniere, es gibt andere Top-Turniere und die Nationenpreis-Serie – es ist zu viel geworden. Wir müssen versuchen, den Kalender zu entzerren.

Wie soll das Ihrer Meinung nach funktionieren?

Die Nationenpreis-Serie könnte man auf sechs Top-Turniere reduzieren, die Global Champions Tour auf insgesamt 15, damit es wieder Luft im Kalender gibt. Das sehe ich nicht nur durch meine Brille als Bundestrainer. Auch für die Reiter wird es immer schwieriger, zu planen. So viele Top-Pferde haben sie gar nicht, um alle Verpflichtungen erfüllen zu können.