Eine tropfende Nase bei voller Fahrt, der Einschlag in eine Hauswand mit 55 Stundenkilometern: Christopher Froomes fürchterlicher Trainingssturz hat rund drei Wochen vor der Tour de France den Radsport-Zirkus gehörig in Aufregung versetzt. Während der Brite nach sechsstündiger OP am vergangenen Donnerstag mittlerweile auf dem Weg der Besserung ist, muss sich sein Ineos-Team für die anstehende Frankreich-Rundfahrt neu sortieren.
„Chris hat unglaublich hart daran gearbeitet, in fantastische Form zu kommen. Er war auf dem besten Weg zur Tour“, sagte Ineos-Teamchef Dave Brailsford: „Wir lenken unseren Fokus jetzt darauf, ihn bei seiner Genesung zu unterstützen.“ Die Genesung des viermaligen Tour-Champions nach dem Crash beim Zeitfahr-Training während des Critérium du Dauphiné am Mittwoch wird dauern. Mindestens sechs Monate, wie einer seiner Ärzte aus den Krankenhaus Saint-Etienne mitteilte.
Thomas und Bernal wollen ihre Chance nutzen
„Das ist natürlich eine schwierige Zeit, aber ich habe in den letzten Tagen viel Kraft aus der Unterstützung gezogen“, ließ Froome am Sonnabend über sein Team mitteilen. Angesichts der Schwere der Verletzungen – Bruch des rechten Oberschenkels, des rechten Ellbogens, mehrerer Rippen sowie einige innere Verletzungen – wird Froome im Jahr 2019 aber wohl kein Rennen mehr fahren. Und danach? „Chris zeichnen mentale Stärke und Widerstandsfähigkeit aus“, sagte Brailsford. Doch ob dies reichen wird, im gesetzteren Radsportalter in alter Stärke zurückzukommen, um sich den Traum vom fünften Tour-Sieg zu erfüllen, steht infrage. Mit 2020 dann 35 Jahren wäre Froome der älteste Tour-de-France-Champion der Geschichte.
Mit Vorjahressieger Geraint Thomas (33) und Toptalent Egan Bernal (22) hat Froome zudem große Konkurrenz im eigenen Team. Und die wird sich auf der anstehenden Frankreich-Rundfahrt (6. bis 27. Juli) – die erste ohne Froome seit 2012 – beweisen wollen. Denn das Aus des langjährigen Dominators verschiebt die Kräfteverhältnisse, ist die große Chance für Thomas und Bernal – auch wenn dies für die Kontrahenten in den Hintergrund trat. „Was für eine Scheiß-Nachricht! Es ist immer schrecklich, von einem schlimmen Sturz zu hören, aber noch schlimmer ist es, wenn es einen guten Kumpel betrifft!“, twitterte Thomas.
Doppelspitze im ehemaligen Team Sky möglich
Für Ineos, unter dem alten Namen Sky Sieger bei sechs der vergangenen sieben Tour-Auflagen, geht es allerdings auch um die nun schwindenden Erfolgsaussichten. Froomes Ausfall ist rein sportlich ein Rückschlag – und nicht der erste: Kurz vor dem Giro d’Italia im Mai brach sich Kolumbiens Supertalent Bernal, dem die Kapitänsrolle für die Italien-Rundfahrt zufallen sollte, das Schlüsselbein. Bernal könnte nun bei der Tour mit Titelverteidiger Thomas die Ineos-Doppelspitze bilden.
Hinter ihrer Form stehen aber einige Fragezeichen: Wie hat Bernal die Zwangspause verkraftet? Findet Thomas, in diesem Jahr bisher eher durchwachsen unterwegs, zur Vorjahres-Stärke zurück? Ersten Aufschluss wird die Tour de Suisse bringen, die das Duo ab diesem Sonnabend (beim Einzelzeitfahren zum Auftakt landeten Thomas als 13. und Bernal auf Rang 26 hinter der Spitze) als Härtetest für den Saisonhöhepunkt bestreitet.
Computerdaten geben Aufschluss über den Unfall
Froomes Unfall wird das Team aber auch dort wohl noch ein wenig begleiten. Die Analyse des Unglücks läuft und hinterließ bei Teamchef Brailsford die Erkenntnis, dass sich Geschehnisse unglücklich verketteten. „Chris kam eine anspruchsvolle Abfahrt herab Richtung eines geraderen Straßenstücks mit Häusern auf beiden Seiten“, sagte Brailsford. Dann habe Froome seinem Teamkollegen Wout Poels signalisiert, dass er sich die Nase putzen wolle. „Dazu hat er eine Hand vom Lenker genommen. In dem Moment hat eine Windböe sein Vorderrad erfasst, er hat die Kontrolle verloren und ist geradewegs in die Hauswand“, so Brailsford. Mit Tempo 55, so die Auswertung der Computerdaten.
Brite plant im Krankenhaus schon sein Comeback
Ein Unfall, der auch die Konkurrenz geschockt zurückließ. Der Ire Dan Martin (UAE Team Emirates) fuhr hinter Froome, als der in das Haus krachte. „Ich sehe es immer noch vor mir“, sagte Martin dem Portal „Cyclingnews“. „Ich bin beim Teamwagen geblieben, und wir haben gefragt, ob wir etwas tun können. Aber ich dachte, es hätte viel schlimmer kommen können. Ich dachte, er hätte tot sein können. So etwas zu sehen, ist nicht angenehm.“ Erinnerungen kamen hoch an den Belgier Wouter Weylandt, der einen ähnlich heftigen Aufprall in eine Mauer beim Giro 2011 mit dem Leben bezahlte. Vielleicht ist Froome letztlich also sogar glimpflich davongekommen.
Trösten wird ihn das wenig, zumindest was seine jüngst zerstörten Karriereziele angeht. Aufgeben kommt für den Briten aber offenbar trotzdem nicht infrage. „Dies ist zwar ein Rückschlag, aber ich konzentriere mich auf die Zukunft. Der Weg zur Genesung ist noch weit, aber diese Genesung beginnt jetzt und ich bin voll und ganz darauf konzentriert, wieder zu meinem Besten zurückzukehren“, schrieb Froome .
BM


