Champions-Serie

Stefan Härtel ist der Lehrer mit Schlagkraft

Der Berliner Stefan Härtel will in Zukunft Schüler in Sport und Geschichte unterrichten. Aber vorher noch Profibox-Weltmeister werden.

Stefan Härtel wurde mit 31 Jahren Europameister – als schon niemand mehr damit rechnete.

Stefan Härtel wurde mit 31 Jahren Europameister – als schon niemand mehr damit rechnete.

Foto: Bernd Wende Sportfoto / picture alliance / Photowende

Berlin. Träume, Ziele, Realität. Mit diesen drei Begriffen lässt sich Boxprofi Stefan Härtel sehr gut beschreiben. Träume äußert der Berliner selten. Eine der raren Ausnahmen: „Ich würde gern gegen Callum Smith boxen“, sagt der 31-Jährige nach einer Trainingseinheit mit seinen Schüler-Schützlingen im Sportforum Hohenschönhausen. Smith, 29 Jahre alt und Brite aus Liverpool, ist amtierender Weltmeister im Supermittelgewicht nach Version der World Boxing Association (WBA). Warum gerade Smith? Später mehr.

Realitätssinn zählt zu Härtels Stärken

Eigene Ziele formuliert Härtel häufiger und erreicht sie „ziemlich oft“. Zuletzt am 11. Mai in Magdeburg, als er sich den EM-Gürtel in der 76-Kilo-Klasse gegen Titelverteidiger Robin Krasniqi (32, München) sicherte. „Mein bislang wertvollster Titel“, stellt Härtel vergleichsweise nüchtern fest und lässt dadurch eine seiner Stärken zum Vorschein kommen: Realitätssinn.

„Die EM hilft mir in den Ranglisten, denn ich möchte gern noch einen weiteren Schritt machen. Ich weiß, dass es heute sehr schwer ist, aus meiner Position gute Kampfangebote zu bekommen. An schlechten habe ich aber kein Interesse. Ich möchte nicht einfach Titelverteidigungen bestreiten, ohne sportlich weiterzukommen. Das könnte bedeuten: Die EM war mein Karriereende.“

Kein Megatalent, aber erfolgreich

Wirklich daran glauben mag Härtel nicht. Zu viel hat er investiert, seit er als Zehnjähriger erstmals ernsthaft beim SV Lichtenberg 47 mit dem Faustkampf Bekanntschaft gemacht hat. „Ich war kein Megatalent“, was ihn aber nicht gehindert hat, erfolgreich zu sein.

2007, bei der Militär-WM - Härtel war als deutscher Meister mittlerweile im Sportkader der Bundeswehr - gab es in Hyderabad (Indien) für ihn mit Bronze die erste international wichtige Medaille. Auf nationaler Ebene folgten bei den Amateuren nach 2007 die Titel 2009, 2010, 2013. Das einzige Weltklasse-Boxturnier in Deutschland, den Chemiepokal in Halle, gewann Stefan Härtel 2011, 2012 und 2013.

Statt Rio der Wechsel ins Profilager

Der Traum von einer EM-Medaille blieb ebenso unerfüllt wie der von einer WM-Plakette oder olympischem Edelmetall. Härtel scheiterte 2012 (Olympia in London), 2013 (EM in Minsk/Weißrussland) und 2014 (WM in Almaty/Kasachstan) jeweils im Viertelfinale – was im Amateurboxen gleichbedeutend mit Rang fünf ist.

Statt zu resignieren, schaute er nach vorn. „Ich habe mich gefragt, ob ich es schaffen würde, mich noch einmal für Olympia in Rio zu qualifizieren. Und die Antwort war eher nein. Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass es in Brasilien eine derart großartige Stimmung beim Boxen wie in London geben würde“, schildert Härtel seine damaligen Überlegungen, die ihn ins Profilager führten. Härtel unterschrieb beim Team Sauerland.

Philosoph Prechts Ideen gefallen ihm

Zu dieser Zeit leistete er sich eine im Lager der Boxprofis ungewöhnliche Besonderheit. Härtel studierte (und studiert) Sport und Geschichte mit Ziel Lehramt an der Humboldt-Universität in Berlin. „Mir war immer klar, dass es eine Zeit nach dem Sport geben wird. Ursprünglich wollte ich nur Sport studieren, habe aber gesehen, dass es im Schulbereich gute Berufsmöglichkeiten gibt und habe deswegen Geschichte als Fach dazugenommen.“

Und er setzt sich mit seinem zukünftigen Job auseinander. „Ich denke, dass sich meine Fächerkombination weiterentwickeln wird“, so Härtel, der hinzufügt: „Ich glaube nämlich, der Philosoph Richard David Precht hat recht mit seiner Frage, ob es immer eine strikte Fächertrennung geben und der Unterricht immer um acht Uhr anfangen muss. Die Dinge werden sich entwickeln. Für mich könnte das eine Kombination aus Politik, Geschichte und Erdkunde bedeuten.“

Am liebsten gegen Weltmeister Smith

Doch bis zum Eintritt in den Schuldienst möchte Härtel den Schritt in Richtung einer Weltmeisterschaft machen. Dabei war er schon einmal dicht dran am großen Business: im Rahmen der seit einigen Jahren laufenden Turniere um die Muhammad-Ali-Trophy. „Ich bekam das Angebot, als Ersatzmann bereitzustehen, sollte sich einer der gesetzten Turnierboxer verletzen oder krank werden. Das sollte mir eine Garantiesumme von 750.000 Euro bringen. Die wurde mal eben auf 250.000 gesenkt“, sagt Härtel heute schmunzelnd.

Vermutlich immer noch ein bisschen stolz auf seine Antwort: „Nein, danke, wir sind doch nicht auf dem Basar.“ Jürgen Brähmer konnte tatsächlich sein Duell mit dem Engländer Callum Smith nicht bestreiten. Statt Härtel boxte der niederländische Kickbox-Spezialist Niecky Holzken (36) – und verlor. Verständlich also, dass Härtel zu gern auf Weltmeister Smith treffen würde.

Karriereende wäre kein Drama

Die Zusammenarbeit mit dem Team Sauerland endete abrupt. „Es gab kein Geld, um die für bestimmte Kämpfe vereinbarten Börsen zu bezahlen. Aber ich hatte auch dort gute Zeiten und nehme die Dinge eben, wie sie sind“, sagt Härtel. Bemerkenswert ist aber, dass neben ihm auch Enrico Kölling (29), Brähmer (40), Jack Culcay (33) und Tyron Zeuge (27) ihre Sachen packten. Kölling zog es wie Härtel zum SES-Team des Magdeburgers Ulf Steinforth. Die Ex-Weltmeister Zeuge, Brähmer und Culcay schlossen sich dem Berliner Agon-Boxstall an und kämpfen als „Dreierpack“ am 15. Juni in Schwerin.

„Ich bereue keine meiner Entscheidungen. Ich könnte auch damit leben, wenn plötzlich Schluss wäre mit dem Boxen. Denn es macht nur Sinn, wenn ich ein Stück weiter vorankomme“, so Härtel, der als Trainer mit A-Lizenz sein Wissen an junge Boxer weitergibt. Blieben vorerst also einige „Alte“, die Härtel voranbringen könnten. „Kämpfe gegen Jürgen Brähmer oder Arthur Abraham? Sofort“, sagt er, bevor es ihn nach Hause zieht. Die Masterarbeit wartet.