Berliner Champions

Alen Rahimic und der Kampf seines Lebens

Der Berliner Boxer will trotz seiner Behinderung für Bosnien bei den Olympischen Spielen 2020 starten.

Boxer Alen Rahimic kämpft für Hertha BSC.

Boxer Alen Rahimic kämpft für Hertha BSC.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Seine Chancen standen bei eins zu fünf. Auf 20 Prozent bezifferten die behandelnden Ärzte die Wahrscheinlichkeit, dass Alen Rahimic jemals richtig laufen würde. An Leistungssport dachte damals wohl niemand, stattdessen stand ihm ein Leben im Rollstuhl bevor. Rahimic kam mit Klumpfüßen auf die Welt. Bereits im Alter von vier Monaten wurde er acht Stunden operiert, zahlreiche weitere Eingriffe folgten, der letzte 2015. Erst mit drei Jahren unternahm der Berliner überhaupt die ersten Gehversuche.

Gute Beinarbeit gestaltet sich bei ihm schwierig

Heute träumt er als Boxer von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio. Welche Genugtuung wäre es, so sagt er, wenn er von dort im nächsten Jahr eine Postkarte an seine damaligen Ärzte schreiben könnte: Seht her, ich habe es geschafft! Rahimic tritt in der Klasse bis 56 Kilogramm an.

Und wie in allen niedrigeren Gewichtsklassen kommt es dort ganz besonders auf Geschwindigkeit an, ist gute Beinarbeit besonders wichtig. Aufgrund seiner Vorgeschichte kann der 20-Jährige allerdings nicht auf dem Vorderfuß tänzeln, sondern nur auf dem ganzen Fuß stehen – ein klarer Nachteil gegenüber der Konkurrenz.

Mentale Stärke ist sein großer Vorteil

Alen Rahimic hat dafür andere Trümpfe. Boxen sei zu 80 Prozent Kopfsache, sagt er. Mit Taktik, mentaler Stärke und Selbstvertrauen lasse sich fast jeder Kampf gewinnen. Davon hat Rahimic genug, die Behinderung hat ihn nur zusätzlich motiviert.

„Ich danke Gott dafür“, so der gläubige Muslim, „denn diese Sache hat mich nur noch selbstbewusster gemacht.“ Und er ist sich seiner Vorbildfunktion bewusst: „Ich möchte anderen Menschen zeigen, was möglich ist, wenn man nicht aufgibt und eine Sache durchzieht“, sagt er. Denn immerhin war die Behinderung nicht die einzige Herausforderung, die es zu meistern galt.

In Deutschland erhält seine Familie erst kein Bleiberecht

Die Familie von Rahimic stammt ursprünglich aus Bosnien-Herzegowina. Er selbst ist aber in Berlin geboren. Als der Bürgerkrieg in Jugoslawien ausbrach, bekam die Familie in Deutschland kein Bleiberecht; sie zogen nach Frankreich, weil sie dort Verwandte hatten.

Zwölf Jahre lebte Rahimic in Paris. Sein Vater gab ihm den Tipp, es doch einmal mit Boxen zu versuchen. Wenige Monate später kehrte die Familie nach Berlin zurück, und Rahimic schloss sich dem BC Olympia 75 aus Friedenau an. Bald feierte er im Ring erste Erfolge, obwohl er durch erneute Operationen an den Füßen immer wieder zurückgeworfen wurde.

2015 wurde er schließlich zweimal deutscher Jugendmeister. Doch international war er nicht startberechtigt, weil er trotz seines Geburtsortes und erfolgreich absolviertem Sprachtest keinen deutschen Pass bekam. Vier Jahre lang blieb die Teilnahme an Welt- und Europameisterschaften ein Traum. „Das war eine verlorene Zeit“, sagt er.

Finanzieren muss der Berliner viel aus eigener Tasche

Das deutsche Nationalteam wäre seine erste Wahl gewesen, so Rahimic, „einfach, weil ich in Deutschland zu Hause bin“. So aber entschied er sich im vergangenen Jahr, für Bosnien anzutreten. „Jetzt kann ich endlich an großen Turnieren teilnehmen“, sagt er. Organisatorisch ist das nicht immer einfach. Sein Trainer in Berlin, Mike Hanke, bemüht sich zwar, doch die Kosten für Trainingslager übernimmt der Deutsche Boxverband natürlich nicht.

Vieles muss Rahimic aus eigener Tasche zahlen, weshalb er sich im Internet mittels Crowdfunding um finanzielle Unterstützung kümmert. Zudem kann Hanke auch nicht bei allen Wettkämpfen dabei sein.

Ende März wird dieser die Boxer von Hertha BSC betreuen, die zum Saisonabschluss gegen das als deutscher Meister feststehende Team von Traktor Schwerin antreten, während Rahimic auf einem Turnier in Bosnien weilt. Auch er kämpft für Hertha in der Bundesliga, doch internationale Aufgaben gehen vor.

In Russland kämpft er für seinen Olympiatraum

Und da kommen die wichtigsten Wettkämpfe erst noch: die Europaspiele in Minsk und im September die WM der Aktiven in Jekaterinburg – die erste Olympiaqualifikation. Nur die besten Acht haben das Ticket für Tokio sicher, alle anderen müssen weiter hoffen. „Das wird ein harter Weg. 40 oder 50 Kämpfer haben das gleiche Ziel wie ich“, sagt Rahimic. Am Ende werde es darauf ankommen, wer einen kühlen Kopf bewahrt. Mentale Stärke ist gefragt, und die hat der Berliner bereits mehrfach bewiesen.