Sofern er nicht Opfer einer Unpässlichkeit werden sollte, wird Sandro Schwarz (40) auf der Trainerbank sitzen. Davon war vor zwei Wochen nicht zwangsläufig auszugehen, hatte er doch gerade drei Spiele in Folge verloren und war mit seiner Mannschaft immer näher an die Abstiegszone gerutscht. Umso erstaunlicher, was dann beim kommenden Gegner von Hertha BSC geschah.

Die Mainzer Verantwortlichen um Sportvorstand Rouven Schröder verlängerten entgegen den Gepflogenheiten der Branche den Vertrag mit dem Trainer und sprachen ihm damit auch faktisch ihr Vertrauen aus. Schröder begründet den ungewöhnlichen Schritt mit „absolutem Vertrauen“ in die Arbeit des Trainers: „Er hat bereits schwere Situationen gemeistert und ist daran gewachsen. Ihn langfristig zu binden, ist für uns ein wichtiger Schritt für die Stabilität und Entwicklung von Mainz 05“, sagt Schröder.

Neuer Vertrag nach drei Niederlagen in Folge

Schwarz rechtfertigte den Zuspruch mit einem 3:0 gegen Schalke am vergangenen Wochenende. So kommt es, dass am Sonnabend im Berliner Olympiastadion zwei der dienstälteren Trainer der Bundesliga aufeinandertreffen. Herthas Pal Dardai, seit ziemlich genau vier Jahren im Amt, liegt in dieser Statistik hinter Freiburgs Christian Streich auf Platz zwei, der Mainzer Schwarz ist – obwohl erst seit 2017 im Amt – bereits Siebter.

Mainz und Hertha mögen in vielerlei Bereichen sehr unterschiedliche Vereine sein. In Sachen Führungspersonal setzen beide auf Kontinuität, nicht bei den Trainern. Rouven Schröder ist seit 2016 als Sportvorstand tätig, davor kümmerte sich Christian Heidel 24 Jahre lang um diesen Bereich. Herthas Manager Michael Preetz ist seit zehn Jahren im Amt, vor ihm hatte Dieter Hoeneß die Geschicke zwölf Jahre geleitet.

Bereits vier Sportvorstände sind nicht mehr im Amt

Ähnlich wie im Fall von Schwarz stellte sich Herthas Manager Preetz um die Jahreswende hinter Trainer Dardai, nachdem der Hinrundenausklang verpatzt wurde. Preetz kritisierte die Mannschaft, gab aber gleichzeitig die weitere Zusammenarbeit mit Dardai für die kommende Spielzeit im Januar bekannt. Intern war der Schritt bereits um Weihnachten herum beschlossen worden. Ein deutliches Signal, dass die Berliner gewillt sind, weiterhin auf eine stetige Entwicklung der Mannschaft zu bauen und nicht die Geduld zu verlieren.

In dieser Bundesligasaison ist ein Wechsel der Mentalitäten zu erkennen, auch über Mainz und Berlin hinaus. Der FC Augsburg moderiert gerade unaufgeregt eine Krise und bei Fortuna Düsseldorf ließ man sich auch von einem Fehlstart zum Saisonbeginn nicht aus der Reserve locken. Klubs aus dem mittleren oder unteren Segment der Bundesliga agieren deutlich differenzierter bei der Bewertung sportlicher Missstände, auch aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel, die nicht für Abfindungen und Neuanstellungen ausgegeben werden sollen. Trainer sind längst nicht mehr die Alleinschuldigen, wenn es schlecht läuft.

Michael Preetz hat gelernt

Bisher mussten in Tayfun Korkut (Stuttgart), Heiko Herrlich (Leverkusen), Andre Breitenreiter (Hannover) und Michael Köllner (Nürnberg) erst vier Trainer ihr Amt vorzeitig aufgeben. Zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison waren es doppelt so viele, ebenso im Jahr davor, wo bis zum Februar bereits acht Trainer ihren Platz räumen mussten. Deutlich stärker in den Fokus sind inzwischen Manager, Sportdirektoren oder Sportvorstände gerückt. In dieser Saison mussten Michael Reschke (VfB Stuttgart), Jonas Boldt (Bayer Leverkusen), Andreas Bornemann (1. FC Nürnberg) und Christian Heidel (FC Schalke) entweder ihren Posten auf­geben oder taten das freiwillig.

Die Zusammenstellung einer Mannschaft, Kaderplanung und Transfers nehmen inzwischen einen immer größeren Stellenwert ein. Wer in diesem Bereich danebengreift, bekommt während der Saison automatisch Probleme. Herthas Manager Preetz kennt das noch gut, ihm wurden vor allem während der zwei Abstiege personelle Fehlentscheidungen nachgesagt. Zuletzt galt Herthas Transferpolitik als extrem erfolgreich, immer wieder gelang es den Berlinern, Spieler zum Klub zu lotsen, die andere übersahen und die nun das Gerüst der Mannschaft bilden. Gleiches gilt für Schröder in Mainz, der trotz zahlreicher Abgänge regelmäßig eine konkurrenzfähige Mannschaft ins Rennen schicken konnte.

Die Trainer als Verwalter von Manager-Problemen

Abseits von Berlin und Mainz wird bei den dauerkriselnden Klubs Stuttgart und Schalke als ein Argument für die sportliche Misere jeweils der fehlerhaft zusammengekaufte Kader genannt. Die Trainer werden in diesem Zusammenhang immer stärker als Verwalter des Übels betrachtet, das ihre Vorgesetzten verantwortet haben.

Beim VfB Stuttgart wurden der einst in Leverkusen und beim FC Bayern für seine Transfers gerühmte Reschke entlassen, Schalkes gab Heidel am Sonnabend nach einem 0:3 in Mainz entnervt auf. Just an dem Ort, wo er zuvor über zwei Jahrzehnte lang in aller Ruhe seiner Arbeit nachgehen konnte.