Es sollte kein Zufall sein. Vor dem Elfmeterschießen bekam Werder Bremens Torhüter Jiri Pavlenka einen kleinen Zettel zugesteckt. Darauf vermerkt waren die Präferenzen der gegnerischen Schützen – ein Trick, der schon Nationalkeeper Jens Lehmann beim Sommermärchens 2006 half. „Ich war mir sicher, dass ich die ersten beiden Elfmeter halte“, sagte Pavlenka später, und genauso war es auch gekommen. Der Tscheche parierte gegen die BVB-Schützen Paco Alcácer und Maximilian Phililpp. Der Anfang vom Ende der Dortmunder Pokalträume. Und die Geburt der Bremer Cup-Fantasien.

In der Hansestadt herrscht seit Dienstagabend emotionaler Ausnahmezustand, denn der Zeitpunkt für die Pokal-Sensation hätte besser kaum sein können. Einerseits, weil Werder nach dem mauen 1:1 gegen Abstiegskandidat Nürnberg dringend einen Stimmungsaufheller benötigte; vor allem aber, weil der spektakuläre 7:5-Coup nach Elfmeterschießen (3:3, 1:1, 1:1) genau in die Jubiläumswoche des Klubs fällt. Seit Montag ist der Traditionsverein 120 Jahre alt, und seit Dienstag um ein denkwürdiges Fußball-Drama reicher.

Der Peruaner setzt einen weiteren Meilenstein

Dass Werder den Favoriten in dessen Dortmunder Wohnzimmer stürzte, war neben Pavlenka besonders der alten Bremer Garde zu verdanken. Mannschaftskapitän Max Kruse (30) gab den verbalen Rädelsführer und bereitete die Treffer von Milot Rashica (5. Minute) und Martin Harnik (119.) vor, ehe er den finalen Elfmeter in Chef-Manier höchstselbst versenkte.

Letzteres wäre aber wohl gar nicht erst möglich gewesen, hätte Claudio Pizarro nicht zum x-ten Mal seinen Bremer Heldenstatus zementiert. Der 40 Jahre (!) alte Peruaner wurde in der 91. Minute eingewechselt und traf in der turbulenten Verlängerung nach dem vermeintlichen 1:2-K.o. zum 2:2 (108.) – gedankenschnell, technisch brillant und kaltschnäuzig wie eh und je. Nur der Ex-Bremer Manfred Burgsmüller (40 Jahre, 148 Tage) und ein gewisser Karl Lambertin von der Spielvereinigung Frechen (44 Jahre, 164 Tage) waren bei ihren Pokaltreffern älter als Pizarro, der seine Nervenstärke auch beim ersten Bremer Elfmeter bewies.

„Ich muss meiner Mannschaft ein riesiges Kompliment machen, wie sie mit Rückschlägen umgegangen ist“, sagte Werder-Coach Florian Kohfeldt (36), der von „Cleverness und Leidenschaft“ schwärmte. Eigenschaften, die niemand besser verkörpert als Kruse und Pizarro, die ihr Team allein schon durch ihre Präsenz mitreißen.

Erinnerungen an Rocky Balboa

Dass die Bremer in der heißesten Phase der Partie abgezockter wirkten als der BVB, war nicht zuletzt das Verdienst der schlachterprobten Routiniers, die sich auch von zwei späten Rückständen (1:2 durch Christian Pulisic/105., 2:3 durch Achraf Hakimi/113.) nicht verrückt machen ließen. Kämpfen, beißen, weiter, immer weiter – Pizarro und Kruse strahlten derart viel Willen und Entschlossenheit aus, dass es an Rocky Balboas Boxkämpfe erinnerte. Die Gegner mögen zwar jünger oder fitter sein, aber in Sachen Zuversicht und Kämpferherz sind es immer noch die Oldies, die die Maßstäbe setzen.

Und am Ende ihres Weges wähnen sich die Altmeister noch lange nicht. „Das Finale in Berlin ist etwas Besonderes“, sagte Pizarro, „ich habe allen in der Mannschaft davon erzählt.“ Fünf Mal hat der Stürmer-Methusalem den deutschen Cup mit dem FC Bayern gewonnen, einmal – 2009 – mit dem SV Werder. Ein Erfolg, den sie an der Weser dieser Tage nicht oft genug beschwören können, steht er doch in einer markanten Zehn-Jahres-Reihe, die 2019 ihre logische Fortführung finden soll. 1989 standen die Bremer im Finale, 1999 und 2009 holten sie den Pott. Wer soll da noch an Zufall glauben?

Jörn Lange