Ihre Klassenkameraden hatten ihr die gruseligsten Dinge erzählt. Die hauen dir die Beine weg, meinten sie zu Vivian Bahlmann. Doch die damals Elfjährige ließ sich nicht einschüchtern. Tapfer erschien sie am nächsten Tag trotzdem zusammen mit einer Freundin zum Rugby-Probetraining. Am Ende waren die beiden Mädchen die einzigen, die dabei blieben, während die Jungen schon bald wieder Abstand nahmen von diesem intensiven Sport.
Eigentlich sind in ihrer Familie alle fußballverrückt und große Fans des 1. FC Union. Doch mit dem runden Leder konnte Vivian Bahlmann nie etwas anfangen. „Fußball ist so vage“, sagt sie. Die Regeln würden eigentlich einen allzu intensiven Körperkontakt verbieten, aber dann werde man trotzdem umgehauen. Beim Rugby würde hingegen jeder wissen, worauf er sich einlässt und dass der Gegenspieler selbstverständlich auch mit der Schulter in den Gegner gehen darf. „Das ist einfach konsequenter“, meint Bahlmann.
Fortschritte machte die 27-Jährige im Ausland
Die 27-Jährige spielt auf der zentralen Position des Verbinders, sie agiert quasi als eine Art Spielmacher. „Meine Aufgabe ist es, das Spiel zu lesen und die Lücken zu sehen beziehungsweise selbst zu kreieren, in die meine Mitspielerinnen dann hineinstoßen können“, erklärt sie. Und auch wenn sie dabei versucht, Körperkontakt so weit wie möglich zu vermeiden: ganz ohne blaue Flecken und Prellungen geht es beim Rugby nicht. „Im Sommer kann ich mich eigentlich nicht in kurzer Hose blicken lassen“, sagt sie. Einmal brach sie sich sogar die Nase, ein anderes Mal war sie aufgrund einer langwierigen Fußverletzung fast zwei Jahre lang außen vor. Doch die Friedrichshainerin ließ sich davon nicht abschrecken. Stattdessen war ihre Lust auf Rugby nach der langen Pause umso größer.
Bahlmann begab sich auf Welttournee. Mit einer Auswahlmannschaft der ostdeutschen Landesverbände reiste sie für zwei Ländervergleiche mit dem Iran sogar bis nach Teheran. In Australien schloss sie sich den Tribe Sevens an, einer der besten Mannschaften der Welt in der 7er-Rugby-Variante. Lehrreich war auch der Aufenthalt in England, dem Mutterland des Sports, wo sie jede Woche gleich zwei Spiele auf höchstem Niveau absolvierte – eines mit dem Verein und eines mit dem Auswahlteam ihrer Hochschule. In Deutschland findet dagegen oft nur alle paar Wochen ein Spieltag statt.
In Berlin wird Rugby nur zu siebt gespielt
„Diese Zeit war unheimlich wichtig für meine Entwicklung“, sagt Bahlmann. Die Berlinerin kann deshalb bis heute nicht verstehen, dass sie der deutsche Verband wegen ihrer Auslandsaufenthalte aus der 7er-Nationalmannschaft verbannte. Die Begründung lautete: Bahlmann sei für das Nationalteam ja nicht mehr verfügbar gewesen. Dass sie im Ausland enorme Fortschritte machte, was in der einheimischen Liga in dieser Form kaum möglich gewesen wäre, spielte dabei keine Rolle.
Erst im Oktober 2018 wurde Vivian Bahlmann für das Länderspiel in Berlin gegen Tschechien erstmals wieder für die DRV-Auswahl berücksichtigt. Dieses Mal allerdings in der klassischen Variante mit 15 Spielern (Rugby Union). Die Nominierung kam durchaus überraschend: Immerhin hatte Bahlmann seit zwei Jahren gar kein Rugby Union mehr gespielt. In Berlin wird im weiblichen Bereich lediglich 7er-Rugby angeboten und selbst das nur in vier Vereinen.
Bei der EM im März spielt Deutschland in Liga zwei
Doch Bahlmann hatte bei ihrem Klub RK 03 aus Weißensee zusätzlich das Training der Männermannschaft mitgemacht, was offenbar auch dem neuen Bundestrainer nicht entgangen war. „Das war vermutlich die beste Vorbereitung“, sagt sie. Zwischen der Version mit sieben und der mit 15 Spielern bestehen deutliche Unterschiede. Zwar ist das Spielfeld in beiden Fällen gleich groß. Beim 7er-Rugby kommt es jedoch stärker auf das Passspiel an, während es beim klassischen Rugby Union dafür körperlich umso mehr zur Sache geht. „Wenn man nur schnell genug ist, kann man dem Kontakt beim 7er-Rugby ganz gut aus dem Weg gehen. Beim 15er-Rugby muss man ihn dagegen regelrecht suchen, um den Gegenspieler zu binden und damit Freiräume für seine Mitspieler zu schaffen“, sagt Bahlmann.
Rugby Union ist weltweit die am weitesten verbreitete Rugby-Art. Hierzulande setzte der Verband bis vor kurzem jedoch ganz auf die 7er-Version, die seit 2016 auch olympisch ist. Erst vor zwei Jahren wurde das 15er-Nationalteam der Frauen reaktiviert. Seit anderthalb Jahren wird nun bundesweit an wechselnden Standorten ein spezielles Stützpunkttraining angeboten. Bei der Europameisterschaft ab März – Deutschland spielt allerdings nur in der zweiten Liga – soll das Projekt erste Früchte tragen. Vivian Bahlmann ist stolz darauf, dass sie ihren Teil zum Neuaufbau beitragen darf. „Ich hoffe, dass wir bald noch mehr Mädchen dafür gewinnen können“, sagt sie. Frauen wie sie, die sich selbst von Gruselgeschichten und Klischeedenken nicht beirren lassen.


