Sein Trikot weist ihn als Sportler mit einer weiten Anreise aus. Andreas Müller trägt rote und weiße Farben, welche die österreichische Flagge repräsentieren. Doch das führt in die Irre, kein anderer Athlet beim Berliner Sechstagerennen hat einen kürzeren Heimweg. Nicht einmal einen Kilometer vom Velodrom entfernt wohnt Müller.
Daher überrascht es nicht, dass kaum einer die Radrennbahn an der Landsberger Allee besser kennt als er. „Wir haben damals schulfrei bekommen für die Grundsteinlegung“, erzählt Müller. Seinerzeit war er Sportschüler, mit der Aussicht auf eine Karriere als Profiradfahrer. Mittlerweile ist er 39 Jahre alt und dreht seit Donnerstag zum 100. Mal seine Runden bei einem Sechstagerennen. Zum 19. Mal in Serie tritt Müller in seiner Heimatstadt an.
Ziel Olympia 2020 - in einer Doppelrolle
Nicht ohne Stolz erwähnt der Berliner, dass er im Velodrom „jedes Mal ins Ziel gekommen“ ist. Einmal sogar als Erster, gemeinsam mit dem Belgier Kenny de Ketele. Das war 2013, es war auch sein einziger Sieg bei einem Sechstagerennen. Dass noch einer hinzukommen wird, ist nicht unbedingt wahrscheinlich. Dazu trainiert er nicht mehr genug auf der Straße und fährt zu wenige dieser Sixdays. Durchaus auch des Alters wegen, sechs Tage durchzuhalten, ist eben sehr anstrengend. Doch Müllers Hauptgrund ist ein anderer. Er will zu Olympia 2020 nach Tokio. Sogar in einer Doppelrolle.
Für ihn als Fahrer gilt derzeit „volle Konzentration auf die Weltcups“. Dort sammelt er Punkte für die Qualifikation gemeinsam mit Andreas Graf, seinem Partner im Zweier-Mannschaftsfahren. Die beiden sind ein eingespieltes Duo, seit Müller sich 2008 wegen der besseren Perspektive dem österreichischen Verband anschloss, haben die beiden etliche Rennen absolviert. Im März 2018 wurden sie WM-Fünfte.
Auf der anderen Seite ist Müller seit über einem Jahr Teamchef der österreichischen Bahnfahrer. „Der Bahnbereich dort ist natürlich nicht so groß, aber ich versuche, ihn wieder auf Vordermann zu bringen. Der wurde ein bisschen vernachlässigt“, erzählt der Berliner, der dort neue Strukturen aufbauen soll. Sein Schützling Stefan Matzner feierte jüngst sogar seinen ersten Weltcupsieg im Scratch und gewann zuvor Bronze im Punktefahren bei der EM.
19 Mal in Serie in Berlin am Start
„Dass es so schnell geht, ist ein bisschen Glück. Er hat viele Jahre trainiert, aber nicht annäherungsweise diese Erfolge gehabt“, so Müller, für den es in beiden Positionen eine olympische Premiere wäre. Als er noch für Deutschland fuhr, war er zu jung für eine Teilnahme. Später verpasste er wegen einer Nationenwechsel-Sperre einmal die Spiele. Dann war seine Spezialdisziplin, das Zweier-Mannschaftsfahren, zweimal nicht im Programm. „Das waren leider meine besten Jahre“, sagt der Radprofi.
In seinen besten Jahren fuhr Müller einmal sechs Sechstagerennen in sechs Wochen. „Das würde ich jetzt nicht mehr schaffen“, so der Berliner, der im Velodrom, wo heute wieder ab 17 Uhr geradelt wird, zu den Publikumslieblingen zählt und der die Entwicklung des Sechstagerennens nach schwierigen Jahren mit Wohlwollen zur Kenntnis nimmt. „Das Konzept hat sich nicht überholt. Die neuen Veranstalter haben das Programm weiterentwickelt. Ich denke, Berlin ist wieder auf einem guten Weg“, so der Lokalmatador mit dem rot-weißen Trikot. Mit dem will er auch noch ein 20. Mal für sechs Abende auf seiner Heimbahn unterwegs sein.


