Die Rezeptionisten im russischen Teamhotel sind schon genervt. Da ist sich Sergej Gorpishin sicher. Die Handball-Weltmeisterschaft ist zwar erst wenige Tage alt, trotzdem hat der 21 Jahre alte Nationalspieler schon viele Male mit den Mitarbeitern am Empfang telefoniert. „Ich bin der einzige, der Deutsch spricht und muss deshalb alles für meine Teamkollegen bestellen“, sagt Gorpishin lachend. Einen Mitternachtssnack, Handtücher, Thermopflaster – die Wünsche der russischen Handballer sind vielfältig.
Zumindest was das Leben im Hotel angeht. Denn auf dem Spielfeld hat das Team von Trainer Eduard Kokscharow und Deutschlands Gegner am Montag (18 Uhr, ARD) nur ein Anliegen. „Unser Ziel ist es, in die Hauptrunde zu kommen“, sagt der Coach, der als Spieler 1997 mit den Russen den WM-Titel holte und 2000 Olympiasieger wurde. Der 43-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, die russische Mannschaft dorthin zurückzuführen. Zu diesen alten Erfolgen, die das Team in den 1990er-Jahren zu einer der führenden Handball-Nationen gemacht hatten.
Bei der vergangenen WM reichte es nur für Rang 12
Doch zuletzt bröckelte die Dominanz. Die Qualifikation für die EM 2018 wurde verpasst, ein Jahr zuvor sprang bei der WM nur ein 12. Platz heraus. Dafür spielten sich die Handball-Frauen in den Mittelpunkt – WM-Titel 2009, Vizeeuropameisterinnen 2018, Olympiasieg 2016. Deshalb haben Russlands Männer bei dieser WM eine Mission, wollen das Kräfteverhältnis wieder umkehren.
Mit einem Remis gegen Serbien (30:30) und einem Sieg gegen Korea (34:27) ist der Start schon recht gut gelungen. „Natürlich hätten wir gern vier Punkte gehabt. Aber es hätte auch schlimmer kommen können und wir hätten nur zwei oder gar keine Punkte haben können“, sagt Sergej Gorpishin. Mit diesen drei Punkten, die sich die Russen bisher erspielt haben, könnten sie die Gruppe A ordentlich aufmischen. Aktuell stehen sie auf dem dritten Rang, nur einen Punkt hinter Deutschland und Frankreich. Und gerade der Titelverteidiger hat noch nicht vollends überzeugt. „Es ist alles gar nicht so eindeutig. Das wird eine interessante Gruppe“, sagt Gorpishin. Der zwei Meter große Kreisläufer wurde in Erlangen geboren, spielt dort in der Bundesliga beim HC und lebt „seinen Traum“, wie er strahlend sagt. „In dem ich bei einer Weltmeisterschaft aufwache.“ Es soll kein böses Erwachen werden.
Linksaußen Timur Dibirov überzeugt mit Tempo
Doch auf die Russen warten in der Mercedes-Benz Arena nun größere Herausforderungen – am Montag zunächst die deutsche Auswahl, am letzten Vorrundensieltag am Donnerstag dann Frankreich. „Gegen Deutschland werden wir mit breiter Brust antreten. Vielleicht sind da 500 für uns, aber 13.000 für die Deutschen. Das müssen wir ausblenden können“, sagt Gorpishin. „Wir müssen perfekt spielen und uns auf unsere Stärken besinnen.“ Diese Stärken haben sie schon in den ersten Vorrundenspielen eindrucksvoll präsentiert.
Da wäre nämlich ihre Größe. Kaum ein Spieler ist kleiner als 1,90 Meter, die Kreisläufer und der Mittelblock bilden gar eine durchgängige Zwei-Meter-Mauer. Würfe aus dem Rückraum werden gegen diese russischen Riesen zu Hochseil-Akten. Und wenn dann mal einer etwas kleiner ist, überzeugt er mit seiner Schnelligkeit. So wie Timur Dibirov. Der 35-Jährige verwandelte bislang einen Tempogegenstoß nach dem anderen, zählt zu den Leistungsträgern im Team. Auf ihn gilt es auch für die deutsche Mannschaft aufzupassen. Der flinke Linksaußen mit der Glatze und dem Bart könnte ihnen am Montag sonst gehörig auf die Nerven gehen.


