Stefan Kretzschmar

„Es war richtig, am Bundestrainer festzuhalten“

Handball-Ikone Stefan Kretzschmar über die Zweifel an Christian Prokop, das zweite WM-Spiel gegen Brasilien und deutsche Titelchancen.

Dass Bundestrainer Christian Prokop die Mannschaft nach dem Scheitern bei der EM 2018 weiter betreuen darf, ist für Kretzschmar die richtige Entscheidung.

Dass Bundestrainer Christian Prokop die Mannschaft nach dem Scheitern bei der EM 2018 weiter betreuen darf, ist für Kretzschmar die richtige Entscheidung.

Foto: O.Behrendt / imago/Contrast

Berlin.  Ganz kurz durfte er ihn dann doch mal in der Hand halten. Diesen goldenen Pokal, den der Handball-Weltmeister am Ende dieser Titelkämpfe in Deutschland und Dänemark überreicht bekommt. Bei der Eröffnungsfeier am Donnerstag trug Stefan Kretzschmar die Trophäe gemeinsam mit anderen deutschen Handball-Größen in die Mercedes-Benz Arena. So nah war der 45-Jährige, immer noch Deutschlands bekanntester Handball-Profi, dem WM-Pokal in seiner aktiven Karriere nie gekommen. Ein zweiter Platz 2003 blieb sein größter WM-Erfolg. Umso größer ist nun seine Begeisterung für diese WM, die er als Botschafter für den Standort Berlin begleitet. Vor dem zweiten Gruppenspiel heute gegen Brasilien (18.15 Uhr, ZDF) spricht er im Interview über die Chancen der deutschen Mannschaft, den Heimvorteil und warum es richtig war, an Bundestrainer Christian Prokop festzuhalten.

Herr Kretzschmar, die deutsche Nationalmannschaft ist mit einem Sieg in die Handball-WM gestartet, alle Spieler haben von der beeindruckenden Atmosphäre vor heimischem Publikum geschwärmt. Wie besonders ist so ein Turnier im eigenen Land für einen Spieler?

Stefan Kretzschmar: Das ist das Größte, das du als Handballer erleben kannst oder darfst. Wenn du in deinem eigenen Land – und ich hab die Bilder von der letzten Heim-WM 2007 noch im Kopf – vor deinen eigenen euphorischen Fans spielen kannst. Und dann wie 2007 vielleicht noch Weltmeister wirst.

Kann diese Nationalmannschaft von 2018 den Erfolg von 2007 wiederholen?

Ich glaube, dass wir über Jahre hinweg Spieler und eine Mannschaft haben, die in der Lage sein können, um Medaillen mitzuspielen. Das können aber sieben andere Teams auch. Wenn aber unsere Mannschaft eine Mannschaft wird wie 2016, als sie Europameister wurde, ist viel möglich. Und mit der Euphorie und dem Rückenwind im eigenen Land haben wir durchaus eine Chance aufs Halbfinale. Der Bundestrainer macht das aber ganz richtig, indem er die Erwartungen erst einmal flach hält.

Bundestrainer Christian Prokop stand nach der EM 2018 in Kroatien sehr stark in der Kritik. Sie kennen ihn aus Leipzig, dort war er Trainer, und Sie haben damals schon gemutmaßt, dass der Job vielleicht ein bisschen früh für ihn kommt. War das der Grund für seinen schwierigen Start?

Nein! Ich persönlich glaube, dass man als Mannschaft nicht das Bestmögliche abrufen konnte. Aus irgendwelchen Gründen hatten viele Spieler nicht das Selbstvertrauen, das man von ihnen kennt. Was eher psychologischer statt handballerischer Natur ist. Und an diesem Misserfolg in Kroatien ist die Mannschaft jetzt gewachsen und weiß, was es braucht, um erfolgreich zu sein. Da muss man einer Mannschaft mit einem neuen Trainer auch eine gewisse Entwicklungszeit zugestehen. Prokop ist ein Trainer mit einer ganz eigenen Philosophie. Da braucht eine Mannschaft Zeit, um das zu verinnerlichen. Diese Zeit hatten sie jetzt.

Also war es richtig, an ihm festzuhalten?

Absolut. Man musste sich die Frage stellen, was hat Prokop gemacht, was der DHB nicht wollte? Und die Frage musste man sich beantworten mit: Eigentlich hat er all das gemacht, was sie von ihm erwartet haben, und eigentlich hat er all das gemacht, weswegen sie ihn auch verpflichtet haben. Es hat dann eben beim ersten großen Turnier nicht geklappt. Daraus muss man dann lernen, und dann geht es weiter.

Ist der Erfolgsdruck, der jetzt auf Prokop lastet, bei einer WM im eigenen Land nicht sogar noch größer?

Das ist der maximale Druck. Für jeden Trainer und für jeden Spieler. Eine WM im eigenen Land ist Druck. Die Frage ist, wie man persönlich mit Druck umgeht. Bob Hanning (DHB-Vizepräsident, Anm. d. Red.) sagt immer, wir benutzen Druck als Rückenwind. Toller Satz! Dazu ist nur nicht jeder in der Lage. Trotzdem muss man diesen Druck umwandeln in Stärke, und dafür ist es zwingend notwendig, dass man nach dem Erfolg im Eröffnungsspiel gegen Korea auch die Partie gegen Brasilien erfolgreich gestaltet, dass man sich da Selbstvertrauen holt. Dann kann man in so einen Turnierflow kommen.

Das ist dann diese eigene Dynamik, die sich auch bei der EM 2016 und bei der WM 2007 entwickelt hat?

Ganz genau. Deutschland ist eine Turnier-Mannschaft. Das habe ich oft gehört über deutsche Teams. Nicht nur im Fußball. Und das ist nicht nur eine Floskel, es ist tatsächlich so. In mentaler Stärke machen uns nur wenige Nationen etwas vor. Was Zusammenhalt angeht, was füreinander einstehen angeht. Auf genau diese Maxime muss man sich besinnen. Jeder hat seine Rolle in der Mannschaft, und jeder muss diese Rolle akzeptieren. Und wenn ich reinkomme, gebe ich eben alles, was ich habe. Das Schlimmste ist, wenn man scheitert und nachher sagen muss, dass man vielleicht nicht alles gegeben hat, was man kann.

Das deutsche Team spielt die erste WM-Woche komplett in Berlin. Wie wichtig ist der Standort für eine erfolgreiche WM?

Das ist die ideale Ausgangsbasis. Es gab ja viele Diskussionen, wo die deutsche Mannschaft spielen soll – Magdeburg, Kiel, Flensburg, Göppingen. Ich finde es großartig, dass man sich für Berlin, für die Mercedes-Benz Arena entschieden hat. Es kann eine tolle Erfolgsgeschichte von Berlin ausgehend werden. Ich rechne hier mit einer maximalen Euphorie, mit einem begeisterten Publikum, das unsere Mannschaft ordentlich nach vorne peitschen wird.

Welche Rolle spielen dabei die Füchse-Spieler Fabian Wiede, Silvio Heinevetter und Paul Drux, die in Berlin zu Hause sind und Heimvorteil genießen?

Das sind drei wichtige Spieler. Prinzipiell sind wir mit denen besser als ohne sie. Sowohl Wiede als auch Drux haben sich einen Status erarbeitet, der dem eines Stammspielers in der Nationalmannschaft nahe kommt. Silvio Heinevetter gibt dir immer das gewisse Etwas, er ist ein unberechenbarer Torwart, der immer in den Kopf des Gegners gucken kann, der von seiner Emotionalität lebt.

Taugt Heinevetter gerade wegen dieser Emotionalität auch als Anführer der Nationalmannschaft?

Ich will den Begriff Anführer nicht überstrapazieren. Wir sprechen da immer noch von einem Torwart. Es gab in der Vergangenheit wenige Torhüter, die Anführer von Mannschaften waren. Sie sind wichtige Persönlichkeiten, die auch entscheidend sind für Erfolg und Misserfolg. Die Torhüterposition macht ja bekanntlich 50 Prozent des mannschaftlichen Erfolges aus. Heinevetter ist ein starker Charakter, der weiß, was er will und der sich nicht scheut, auch mal unbequeme Sachen anzusprechen. Deshalb glaube ich schon, dass er ein wichtiger Faktor im Team sein kann.

Welchen Spielern trauen Sie diese Vorreiter-Rolle auf dem Feld dann zu?

Unsere Kreisläufer Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler sind zwei, die immer ihren Mann stehen. Finn Lemke war der emotionale Turm bei der EM 2016, an dem sich alle aufgerichtet haben. Ich hoffe, dass er diese Rolle wiederfindet. Und natürlich muss Kapitän Uwe Gensheimer Verantwortung übernehmen. Ich hoffe, dass die Jungs das hinbekommen und nicht erdrückt werden von der Last der Heim-WM.

Klingt so, als sei eine WM im eigenen Land eine Last. Es heißt aber doch Heimvorteil.

Das stimmt. Man muss sich bei einem Turnier im eigenen Land keine Sorgen machen, dass man Pfiffe gegen sich bekommt. Du spielst eben nie gegen den Veranstalter, weil du das selbst bist. Und es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass man es gerne sieht, wenn der Veranstalter so lang wie möglich im Wettbewerb bleibt.

Da haben dann auch die Schiedsrichter einen entsprechenden Einfluss, oder? Sie haben das 2002 im EM-Finale in Schweden erlebt, als Ihnen gegen den Gastgeber der entscheidende Treffer aberkannt wurde.

Um die Attraktivität hochzuhalten, wird man jetzt nicht extrem bevorteilt, aber mit dem einen oder anderen Pfiff kann man rechnen. Und vor allem kann man damit rechnen, dass die Schiedsrichter nicht gegen einen pfeifen.

Das Finale findet aber ja in Herning, in Dänemark statt. Da fehlt der Heimvorteil.

Sollten wir nach Dänemark kommen, lass ich schon die Sektkorken knallen. Das würde ja bedeuten, dass wir im Finale sind, und da sprechen wir nicht mehr über Erfolg oder Misserfolg.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.