Handball

Kretzschmar: „Es ist nicht mehr möglich, zu polarisieren“

Der Ex-Handballprofi über fehlende Aushängeschilder im Handball, seine Wertschätzung für die Füchse und das Ost-Derby am Sonntag.

Stefan Kretzschmar wirbt als WM-Botschafter in Berlin für die Handball-WM im Januar.

Stefan Kretzschmar wirbt als WM-Botschafter in Berlin für die Handball-WM im Januar.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin.  Stefan Kretzschmar sitzt im Auto. Der frühere Handballspieler, der zwischen 1996 und 2007 mit dem SC Magdeburg deutscher Meister wurde und Champions League sowie EHF-Cup gewann, ist gerade in ganz Deutschland unterwegs, um sein jüngst erschienenes Buch „Hölleluja!“ vorzustellen. Für ein Interview hat der einstige Nationalspieler und Linksaußen trotzdem Zeit. Der 45-Jährige spricht über sein Buch, warum niemand mehr das Aushängeschild des deutschen Handballs sein will und was der Name Kretzschmar mit seiner Tochter macht.

Herr Kretzschmar, „Hölleluja!“ ist nach „Anders als erwartet“ (2008) bereits Ihr zweites Buch. Hat man als Ex-Handballer immer noch so viel erzählen?

Stefan Kretzschmar: Es ist ja keine typische Biografie, sondern eine Hommage an meinen Sport. Ich habe jetzt alle Stationen, die man im Handball durchleben kann, in den vergangenen 25 Jahren durchlebt – als Experte, Aufsichtsrat, Spielerberater oder Sportdirektor. Ich hab jetzt einen 360-Grad-Blick auf den Sport. Und durch die Handball-WM im Januar (10.-27./d.Red.) ist das Buch auch eine ganz gute Möglichkeit, um den Leuten Appetit auf die WM zu machen.

Was hat es mit dem Namen „Hölleluja!“ auf sich?

Das ist ein Synonym für den Sport. Auf der einen Seite Erlebnisse, die ich in meinem Leben mit dem Sport hatte und die wahnsinnig schön waren. Auf der anderen Seite sehr tragische Momente, bittere Niederlagen. Es ist aber auch eine Anlehnung an bestimmte Handballhallen in Deutschland, wo es laut und emotional zugeht, wo man buchstäblich in einer gewissen Hölle spielt.

War es für Sie auch die Hölle, für das Buch Ihre Karriere nochmal zu durchleben?

Nein, wir, Nils Weber (der Autor, d.Red.) und ich, haben uns etliche Abende getroffen, ‘ne Flasche Rotwein getrunken und stundenlang erzählt. Das Diktiergerät lief immer mit. Und daraus haben wir dann diesen Sommer das Buch geschrieben. Da kamen schon viele Erinnerungen wieder hoch, mal schöne und mal weniger schöne.

Ein Detail, das nebenbei erwähnt wird, ist Ihre Liebe zum 1. FC Union. Weil der Klub zum Handball passen würde. Inwiefern?

Union ist das Berliner Stiefkind. Hertha BSC ist die Königin der Stadt, Union dagegen der Arbeiterverein, wo die Fans mithelfen, das Stadion zu bauen und die Spieler noch nah an den Fans sind. Das Image von Union kommt dem Handball schon sehr nah. Der Verein ist nicht ganz so versaut wie manch anderer.

Sie haben Ihre Karriere vor zehn Jahren beendet, sind aber immer noch das Aushängeschild des deutschen Handballs. Warum gibt es da bisher keinen Nachfolger?

Das ist eine gute Frage, die wir uns auch im Handball stellen. Denn wir brauchen zwingend Persönlichkeiten oder Aushängeschilder. Aber wir können in allen Sportarten beobachten, dass außer im Fußball kaum mehr einer raussticht. Alle zehn Jahre gibt es jemanden, der seine Sportart prägt: Dirk Nowitzki im Basketball, Michael Schumacher in der Formel 1, Boris Becker im Tennis.

Woran liegt das?

Das hat mit einer gewissen Aura und Ausstrahlung zu tun, die solche Menschen, wie Franz Beckenbauer oder Vitali Klitschko, haben, wenn sie einen Raum betreten. Das ist wenigen gegeben. Wir suchen im Handball natürlich auch nach solchen Typen. Da gibt es tolle Jungs wie Uwe Gensheimer oder Silvio Heinevetter. Aber es gehört viel dazu, um aus der Masse herauszustechen.

Sie haben in Ihrem Buch ja auch geschrieben, dass die Bundesliga viele gute Typen, aber nur wenige Superstars hat. Gibt es deshalb kaum Persönlichkeiten, die polarisieren, so wie Sie es immer getan haben?

Es ist heute gar nicht mehr möglich, zu polarisieren. Du kannst dich heute ja nicht mehr polarisierend äußern, ohne einen großen Shitstorm aushalten zu müssen. Ich bin in einer Zeit groß geworden, da gab es kein Social Media. Da war das wichtigste Medium die Zeitung, vielleicht noch ein bisschen das Fernsehen. Darauf bist du heute nicht mehr angewiesen. Jeder ist sein eigenes Medium. Für uns war damals die größte Schwierigkeit, wenn wir aus dem Hotel ausbrechen wollten, am Trainer vorbeizukommen. Heutzutage fängt dann erst der Stress an. Du kommst in irgendeine Kneipe oder einen Club und da steht jemand mit seinem Handy, macht ein Foto, und schon ist das Problem da.

Liegt genau darin der Grund, warum eben kein Spieler ein Aushängeschild sein will?

Hundertprozentig, das kann ich verstehen. Keiner will sich aus dem Fenster lehnen, den Kopf weiter rausstrecken als die anderen, um nicht mit dem Hammer einen drüber zu bekommen.

Sie sind seit einigen Jahren TV-Experte. Damit Sie weiter so nah wie möglich an der Handball-Bundesliga dran sein können?

Ja. Auch nicht ganz uneigennützig, ich verdiene damit ganz gutes Geld. Aber es ist natürlich der Traumjob schlechthin für mich. Ich kann bei meiner Lieblingssportart hautnah dabei sein, mehr oder weniger schlaue Kommentare abgeben und werde dafür noch bezahlt.(lacht) Was gibt es für ein geileres Leben?

Nebenbei sind Sie beim SC DHfK Leipzig Mitglied des Aufsichtsrats. Haben aber auch lange für den SC Magdeburg gespielt.

Ja, da schlagen einige Herzen in meiner Brust. Das ist aber auch nicht schlimm. Das macht mir keine Kreislaufschwierigkeiten. Für mich ist der SC Magdeburg immer noch der geilste Verein der Welt. Trotzdem bin ich mittlerweile seit zehn Jahren in Leipzig und sehr stolz darauf, wie wir das hochgezogen haben. Aus der sechsten Liga innerhalb kürzester Zeit in die Bundesliga. Mein alltägliches Herzblut hängt am SC DHfK.

Am Sonntag trifft Leipzig auf die Füchse (16 Uhr, Schmeling-Halle). Die haben sich von ihrer Verletztenmisere erholt. Könnte ein schweres Spiel werden, oder?

In den vergangenen Wochen hätten alle gern gegen die Füchse gespielt. Das war ja tragisch, was da in Berlin abgegangen ist, mit zehn Verletzten. Aber man hat zuletzt gesehen, dass die Füchse auch ohne die Verletzten eine klasse Bundesliga-Mannschaft haben. Je mehr zurückkommen, desto besser werden sie auch. Das wird für Leipzig nicht einfach.

Sie kennen Füchse-Geschäftsführer und DHB-Vizepräsident Bob Hanning ganz gut und liefern sich gern verbale Scharmützel vor den Duellen. Hatten Sie schon Kontakt?

Leider ist unser Verhältnis zu gut geworden. (lacht) Ich habe viel Respekt vor seiner Arbeit. Sei es beim DHB, sei es in Berlin. Als Handball-Fan sehe ich die Entwicklung in Berlin sehr positiv. Es wäre katastrophal, wenn die Hauptstadt keinen Bundesligisten hätte.

Ihre Kinder sind genauso handballverrückt wie Sie. Ihre Tochter Lucie-Marie spielt schon im Jugend-Nationalteam. Steht ihr auch eine solche Karriere bevor wie Ihnen?

Das ist ganz schwer zu sagen. Sie spielt mit genau der gleichen Leidenschaft wie ich. Aber sie hat mit dem Namen schon Druck genug. Man erwartet immer was Besonderes von ihr. Das hätte ich ihr gern erspart, aber das geht bei dem Namen eben nicht. Solange es ihr Spaß macht, ist alles cool. Ob dann irgendwann mal erste Liga oder Nationalmannschaft rauskommt, ist völlig egal.

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