Das rechte Ohr von Christian Prokop war noch ein bisschen rot. Als der Handball-Bundestrainer am Montag in Rostock seinen vorläufigen Kader für die WM (10. bis 27. Januar 2019) in Deutschland und Dänemark bekannt gab, lag ein Telefonmarathon hinter ihm. Ein Gespräch nach dem nächsten hatte der 39-Jährige am zweiten Advent geführt – positive und weniger positive Nachrichten überbracht, bis die Ohren glühten.

28 Nationalspieler dürfen sich nun Hoffnungen machen, beim Saisonhöhepunkt im eigenen Land dabei zu sein. Die einen mehr, die anderen weniger. „Ich würde lügen, wenn ich sage, dass alle die gleichen Chancen haben“, sagte Prokop. Denn die 17 Spieler, die sich am Montag auf den Weg nach Rostock machten, hätten schon einen kleinen Vorsprung gegenüber den anderen.

Am Mittwoch steht Härtetest gegen Polen an

Paul Drux wird das freuen. Der Rückraumspieler der Füchse Berlin gehört nicht nur zum erweiterten WM-Aufgebot, Drux wurde auch nachträglich zum Lehrgang nach Rostock bestellt. „Er spielt eine wichtige Rolle in unserer WM-Planung. Deshalb möchten wir keine Zeit verstreichen lassen“, sagte der Bundestrainer. Denn der 23-Jährige hat erst vergangenen Donnerstag nach knapp zehn Wochen Verletzungspause sein Comeback gegeben. „Wir wissen nicht, wie stabil sich das entwickelt“, begründete Prokop den Schritt. Die kommenden drei Tage und der erste echte Härtetest gegen Polen am Mittwoch (19 Uhr) sollen Aufschluss darüber geben.

Drux ist dabei in guter Gesellschaft. Auch seine Berliner Teamkollegen Fabian Wiede (24) und Torhüter Silvio Heinevetter (34) stehen in der engeren Auswahl für die WM, die für das deutsche Team am 10. Januar mit dem Eröffnungsspiel gegen ein vereintes Korea (18.15 Uhr, Mercedes-Benz Arena) in der Hauptstadt beginnt. Heimspiel für die Nationalspieler der Füchse.

Weltmeister-Torwart Bitter von Prokop nominiert

Dabei könnte aus dem Berliner Trio sogar noch ein Quartett werden. Denn Drux’ Nominierung war nicht die einzige Überraschung aus Sicht der Füchse. Auch Kreisläufer Erik Schmidt gehört zum erweiterten Aufgebot. „Erik hat sich das mit guten Leistungen in der Bundesliga, mit hohem Ehrgeiz und guter Physis verdient“, sagte Prokop. Der 25-Jährige soll im Abwehrzentrum aushelfen, wenn sich einer der drei gesetzten Kreisläufer Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek (beide THW Kiel) oder Jannik Kohlbacher (Rhein-Neckar Löwen) verletzt. „Wir müssen immer Verletzungen einkalkulieren. Deshalb bin ich froh, dass ich erstmal einen so guten und breiten Kader habe“, sagte Prokop.

Zwölf Spieler, die 2016 den EM-Titel holten, sind dabei. Und einer, der 2007 Weltmeister geworden ist. Torwart Johannes Bitter (TVB Stuttgart). Der 36-Jährige punktet im Kampf um die Rolle als Ersatzkeeper hinter dem gesetzten Torhüter-Duo Andreas Wolff (THW Kiel) und Heinevetter mit seiner Erfahrung. „Er soll uns den Rücken stärken“, sagte Prokop.

Wiede soll als Spielmacher glänzen

Der Fokus des Bundestrainers liegt in den verbleibenden vier Wochen bis zum Turnierstart allerdings eher auf dem Angriffsspiel seines Teams. Etwas, was bei der vergangenen EM in Kroatien „nicht so funktioniert hat, wie es eigentlich sollte“, sagte Prokop. Was nach dem frühen Aus auch der Grund für die Kritik am Bundestrainer war.

Deshalb müssen jetzt taktische Anpassungen her. Im Mittelpunkt steht dabei Füchse-Spielmacher Wiede. Der 24-Jährige, eigentlich im rechten Rückraum unterwegs, soll auf der Mittelposition zusammen mit Martin Strobel (32/HBW Balingen-Weilstetten) die Fäden des deutschen Spiels ziehen. „Die zentrale Position birgt großes Potenzial. Mit Wiede und Strobel haben wir da zwei Spielmacher, die sich sehr gut ergänzen“, sagte Prokop.

Öffentliches Training am 8. Januar im Sportforum

Er hat „über den Sommer das Vertrauen in der Mannschaft weiter aufgebaut“ und nun einen Plan, will diese WM deutlich erfolgreicher gestalten als sein erstes Turnier als Bundestrainer. „Jetzt geht es darum, dass wir als Team noch weiter zusammenwachsen“, sagte Prokop. Die Mannschaft, angeführt von Kapitän Uwe Gensheimer (Paris St. Germain) solle den Schwung aus Rostock mitnehmen und langsam aber sicher die Euphorie auf die WM schüren.

Nach dem Testspiel gegen Polen trifft sich das deutsche Team zwischen Weihnachten und Silvester noch einmal zu einem Kurzlehrgang in Barsinghausen – keine Spiele, wenig Medien, volle Konzentration auf sich selbst. Am 4. Januar gegen Tschechien und am 6. Januar gegen Argentinien stehen dann die letzten Praxis-Tests vor dem WM-Start an. Ehe am 8. Januar in einem öffentlichen Training im Sportforum Hohenschönhausen noch einmal die Berliner auf das anstehende Event eingestimmt werden sollen.

„Nur noch ein Monat jetzt. Das Feeling wird immer kribbeliger“, sagte Prokop. Während seine Ohren nur glühten, ist es die Vorfreude, die beim Bundestrainer schon brennt.