Bayern

Ungewohnte Vorzeichen für Bayern vor dem Duell mit Dortmund

Bayerns Trainer Niko Kovac geht das womöglich auch für ihn schon vorentscheidende Spiel bei Tabellenführer Dortmund betont gelassen an.

Trainer Niko Kovac steht beim FC Bayern München unter Druck.

Trainer Niko Kovac steht beim FC Bayern München unter Druck.

Foto: dpa

München. Seinen Stuhl musste Niko Kovac zu Beginn der Pressekonferenz erst einmal nach oben justieren, als er am Freitag auf dem Podium Platz nehmen wollte. Wie der Trainer des FC Bayern vor dem Topspiel beim Tabellenführer Borussia Dortmund an diesem Samstagabend seinen sehr tief eingestellten Stuhl hochfahren muss, um auf eine normale Sitzhöhe zu kommen, war wieder so ein Bild, das sich für den thematischen Überbau heranziehen ließ. Dazu passten auch seine ersten Sätze. „Dortmund ist Favorit. Wir sind im Moment diejenigen, die Dortmund jagen müssen“, sagte Kovac und schloss sich damit den jüngsten Einlassungen von Uli Hoeneß an. Dem Präsidenten widersprechen? „Niemals“, sagte Kovac und lächelte.

So gelassen sich Kovac öffentlich gibt, so wenig kann ihm die derzeitige Situation behagen. Als sich der FC Bayern und Borussia Dortmund zuletzt in der Bundesliga gegenüberstanden, am 31. März, wurde der BVB mit einer 6:0-Packung nach Hause geschickt. Seit Kovac das Traineramt von Jupp Heynckes im Sommer übernommen hat, gab es nur einen Kantersieg, das 5:0 im ersten Pflichtspiel im Supercup bei Eintracht Frankfurt. Es folgten sechs Siege, dann vier sieglose Spiele, danach fünf Arbeitssiege und zwischendurch ein ernüchterndes 1:1 gegen Freiburg am vergangenen Samstag.

Kimmich und Hummels beklagen Ideenarmut

Vor allem aber folgte dem guten Start viel Unzufriedenheit in der Belegschaft, garniert von durchgesteckten Interna und einem Beitrag von Thomas Müllers Frau Lisa, die Kovac bei Instagram diskreditierte. Selbst loyale Kräfte wie Kapitän Manuel Neuer bezeichneten die zuletzt stets spielerisch dürftigen Darbietungen samt des knappen 2:1-Pokalsieges beim Viertligisten SV Rödinghausen als „nicht Bayern-like“. Nach dem 2:0 gegen Athen am Mittwoch sagte er, es sei „auf jeden Fall eine schwierige Zeit“. Andere maßgebliche Stimmen, wie die Defensivspieler Joshua Kimmich und Mats Hummels, beklagten öffentlich mehrfach die Ideenarmut. „Es ist nicht so, dass wir so viele Chancen versemmelt haben. Wir hatten einfach keine. Wir müssen uns schon Gedanken machen, wie wir Chancen kreieren können“, sagte Kimmich beispielsweise nach der 0:3-Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach. Hummels ergänzte: „Wir sind mit zu vielen Spielern in den ungefährlichen Räumen. Das heißt, wir haben zu wenige Leute da, wo es dem Gegner weh tut.“

Kovac weiß natürlich, dass auch seine Vorgesetzten nicht erfreut sind, wie die Mannschaft in den vergangenen anderthalb Monaten aufgetreten ist, trotz der zuletzt überwiegend gewonnenen Spiele. Und der Trainer war am Freitag entsprechend überrascht, als ihm die jüngsten und vermeintlich kleinlauten Aussagen von Hoeneß zugetragen wurden, wonach der FC Bayern nicht untergehen werde, falls der Meistertitel verpasst werden sollte. „Hat er das gesagt?“, fragte Kovac und entschloss sich danach, die nicht zum Selbstverständnis des Vereins passenden Hoeneß-Zitate als Rückendeckung umzudeuten. „Das zeigt, was ich gesagt habe: Dass ich das absolute Vertrauen des Klubs spüre“, befand er. Dass Hoeneß am Donnerstag auf einer Veranstaltung in Dresden en passant seinen Rückzug „in zwei, drei Jahren“ in Aussicht stellte und ankündigte, den Spiegel wegen der jüngsten Football-Leaks-Enthüllungen und der Berichterstattung über die angedachte Super League zu verklagen, ließ sich vielleicht auch als weitere Ablenkungsmanöver werten. Wie schon die missratene Menschenwürde-Pressekonferenz der Vereinsführung vor drei Wochen.

Wie es um die Befindlichkeiten und den Rückhalt für Kovac wirklich bestellt ist, wird sich womöglich nach dem Kräftemessen mit dem BVB vor der danach anstehenden Länderspielpause zeigen. Vor allem im Falle einer herben Niederlage, die den Bayern-Plan ins Wanken bringen könnte, vorerst weiter auf Kovac zu setzen. Der Trainer weiß zwar: „Es geht für uns um doch sehr viel.“ Aber er behauptet zugleich: „Mir geht’s gut.“ Und: „Ich verspüre keinen Druck.“ Anders als vor zweieinhalb Jahren in der Relegation mit Frankfurt, „da ging es um Existenzen. Das war Druck.“ Nun aber wolle man das Spiel in Dortmund vor allem „genießen“ und möglichst „gewinnen, dafür muss jeder alles geben“. Allen wenig verheißungsvollen Vorzeichen zum Trotz, zumal Arjen Robbens Einsatz wegen seiner Kniebeschwerden fraglich ist. Und falls es erstmals seit dem 19.11.2016 wieder eine Liganiederlage gegen den BVB setzen sollte? Damit beschäftige er sich nicht, weil er positiv denke, sagte Kovac, aber er weiß auch: „Sieben Punkten wären viel, ein Punkt wäre wenig.“ Das dritte Szenario wäre bei einem Remis der Bestand des aktuellen Rückstands von vier Zählern auf Lucien Favres Mannschaft.

Kovac lobt Borussia Dortmund

Bei der Borussia können sie den Spielereien mit der ungewohnten Rolleneinteilung in Favorit Dortmund und Außenseiter Bayern wenig abgewinnen. Und vermutlich sehen sie es auch nicht so wie Kovac, der befand: „Der BVB hat im Moment sehr viele Stärken und ganz wenige Schwächen.“ Diese seien gar so klein, „dass man die mit der Lupe suchen muss“. Da hatte er die Dortmunder wohl bewusst ein bisschen überhöht und sich sowie seine Bayern wie Hoeneß gezielt ein bisschen kleiner gemacht. Trotz der zuvor nach oben justierten Sitzhöhe.