Schach

Diese Schach-WM soll den Westen zurückerobern

Carlsen gegen Caruana: Nie gab es so viel Wachstumspotenzial.

Foto: Dilip Vishwanat / picture alliance/AP Photo

London.  Seit dem Kandidatenturnier, das er im März in Berlin überlegen vor sieben Konkurrenten gewann, ist Fabiano Caruana (26) in Topform. In der Weltrangliste ist der Amerikaner mit italienischen Wurzeln so nah an Magnus Carlsen herangerückt wie kein anderer, seit der Norweger 2011 die Nummer eins im Schach wurde. Dass von Freitag an die beiden unbestritten stärksten Spieler des Planeten den Weltmeister ausspielen, hat die Schachwelt lange nicht mehr erlebt, letztmals 1990 zwischen Garri Kasparow und Anatoli Karpow. Anders als in seinen vorigen drei WM-Kämpfen geht Carlsen nicht als haushoher Favorit in den Zweikampf. Keiner hat ihn so oft, nämlich fünf Mal, in einer Partie mit langer Bedenkzeit geschlagen wie Caruana.

Für Carlsen sprechen neben Match­erfahrung und Fitness (nur an jedem dritten Tag wird nicht gespielt) seine Schnellschachstärke, die im Falle eines 6:6 nach zwölf Partien im Stechen mit kürzerer Bedenkzeit zum Tragen käme. In Interviews hat der Titelverteidiger zudem Hoffnung geäußert, dass Caruana unter Druck patzt. In den ersten Partien will er den Herausforderer mit gezielten Schlägen mental in die Enge treiben.

Erstmals seit Bobby Fischer 1972 ist ein US-Spieler dabei

Für schwache Nerven ist der umgängliche Caruana allerdings bisher nicht bekannt. Auch an Kampfgeist steht er Carlsen kaum nach. Hinter seiner schmaleren Statur verbirgt sich ein durchtrainierter Körper. Wobei er im Unterschied zu Carlsen weniger auf Ballspiele setzt als etwa auf Yoga, womit ihn sein usbekischer Trainer Rustam Kasimdschanow vertraut machte. Kasim­dschanow gilt als Kenner und Analytiker der Eröffnungen. Caruanas Chancen steigen, wenn es ihm in der ersten Partiephase gelingt, Stellungen zu kriegen, die er besser kennt und in denen er die Initiative hat. In der Verteidigung gilt er als nicht so stark, in diesem Jahr hat er bereits acht Partien verloren.

Erstmals seit 1921, als der einzige deutsche Weltmeister Emanuel Lasker seinen Titel an den Kubaner José Raul Capablanca abtrat, ist kein Spieler aus dem Osten mit von der Partie. Die Erwartungen an das auf zwölf Partien angesetzte Match sind enorm. Trotzdem beträgt das Preisgeld für beide zusammen nur eine Million Euro. Zu Kasparows Zeiten waren Titelkämpfe weit besser dotiert. Auch jetzt wäre in Amerika oder Norwegen mehr herauszuholen gewesen. Carlsen und Caruana konnten sich allerdings nicht zu einer Rebellion durchringen wie 1993 Kasparow und sein englischer Herausforderer Nigel Short. Weil Funktionäre ihr Duell damals unter Wert nach Manchester verkauften, nahmen die beiden die Vermarktung selbst in die Hand, wie es einst Emanuel Lasker tat, und sie brachen mit dem Weltschachbund. Von dieser Abspaltung hat sich das Schach bis heute nicht erholt.

Public Viewing im Haus des Sports in Berlin

Mit westlichen Sponsoren tut sich der Weltverband Fide seitdem schwer. Finanziert wird das Londoner WM-Match hauptsächlich aus Russland. Der Anfang Oktober zum neuen Fide-Präsidenten gewählte Arkadi Dworkowitsch war vorher 17 Jahre in Russlands Regierung. Der Mann aus dem Kreml hat versprochen, westliche Sponsoren wieder für Schach zu gewinnen. Mit einem Amerikaner als möglichem Weltmeister (Caruana ist der erste US-Spieler im WM-Finale seit Bobby Fischer 1972) und mit Carlsen, der drei der reichsten Männer des Planeten Bill Gates, Mark Zuckerberg und George Soros jeweils wiederholt traf, sollten die Aussichten hervorragend sein.

Public Viewing aller WM-Partien im Haus des Sports, Böcklerstraße 1, 10969 Berlin-Kreuzberg, an den Spieltagen jeweils ab 16 Uhr.

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