Sebastian Stier
Zahlen räumt der Fußballtrainer Thomas Tuchel oft nur eine untergeordnete Rolle ein. Dabei sprechen sie ja alle für ihn. Mit Paris Saint-Germain gewann Tuchel am Wochenende 2:1 gegen Lille. Es war der zwölfte Sieg im zwölften Spiel in der französischen Meisterschaft. Rekord, natürlich. Wichtiger als diese Bestmarke war Tuchel aber die Art und Weise, wie der Erfolg zustande kam. „Ich denke, es war unser bestes Spiel in dieser Saison“, sagte der deutsche Trainer. „Das Team ist nach diesem Spiel zuversichtlich.“
Tuchel weiß längst, dass Siege in der mittelprächtigen Ligue 1 nicht als Maßstab an sein Wirken gelten. Sie sind mehr Pflichterfüllung als alles andere. Der nationale Wettbewerb ist zu schwach, die finanzielle Kluft zwischen seinem Klub und dem Rest der Liga zu groß, als dass Paris ernsthaft Gefahr laufen könnte, sich für den Meistertitel anstrengen zu müssen.
Ancelotti sieht zu wenig Erfahrung in Paris
Den Mangel an Konkurrenz bekommen die Pariser auf anderer Bühne schmerzhaft zu spüren. In der Champions League droht schon nach der Gruppenphase das Aus, dabei war Tuchel von den katarischen Eignern ausdrücklich dafür angeheuert worden, diesen Wettbewerb zu gewinnen. Dieses Ziel erscheint derzeit fern. Paris liegt nach drei Spielen nur auf Platz drei der Gruppe C hinter Liverpool und Neapel. In Neapel, das vom ehemaligen Bayern-Trainer Carlo Ancelotti verantwortet wird, muss am Dienstag (21 Uhr/DAZN) unbedingt gewonnen werden. Kein leichtes Unterfangen, gelten die Italiener doch als extrem heimstark. Schon beim 2:2 im Hinspiel vor zwei Wochen hatten sie Paris erhebliche Probleme bereitet. Angel di Maria gelang erst in der Nachspielzeit der Ausgleich.
Ancelotti, einst selbst in Paris Trainer, weiß um die Wünsche und Ziele des Klubs und konnte sich einen Seitenhieb auf seinen ehemaligen Arbeitgeber nicht verkneifen: „In der Champions League voranzukommen, ist nicht nur eine Frage der Qualität, sondern auch eine der Erfahrung“, sagte er im französischen Fernsehen. „Ich denke, Paris hat in den letzten Jahren für diesen Mangel an Erfahrung in großen Spielen bezahlt.“
Es fehlt eine ordnende Hand im Mittelfeld
Nicht nur Mangel an Erfahrung und der unzureichende Wettbewerb in der eigenen Liga bereiten Paris international Probleme. In den Spielen gegen den letztjährigen Finalisten Liverpool (2:3) und gegen die giftigen Neapolitaner hatte sich gezeigt, dass die Mannschaft für die absolute europäische Spitze schlecht austariert ist. Es fehlt mindestens ein geschickter Lenker, der im Mittelfeld das Bindeglied zwischen Offensive und Defensive darstellt. Auch in der Abwehrkette vermisst man immer dann eine ordnende Hand, wenn es Schlag auf Schlag geht. Richtige Achsenspieler abseits des grandiosen Angriffstrios Mbappé, Neymar und Cavani besitzt Paris nicht. Unter ihnen leidet die Statik der Mannschaft, auch wenn sie sportlich ihr größtes Pfand sind.
Thomas Tuchel hatte nach seiner Ankunft intern auf einige Missstände bei der Kaderzusammensetzung hingewiesen, mit der Bitte um Verstärkungen. Er wünschte sich den französischen Weltmeister N’Golo Kanté für das Mittelfeld und Jerome Boateng für die Verteidigung. Es kamen Thilo Kehrer und Maxim Choupo-Mouting, die sich qualitativ und positionell in anderen Bereichen bewegen. Die Vermutung, dass es mit dem aktuellen Kader eng werden könnte in der Königsklasse, war nicht unberechtigt.


