Schach

Carlsen vs. Caruana – Duell der Temperamente

Schach-Weltmeister Magnus Carlsen muss seinen Titel gegen ein anderes Wunderkind verteidigen: Fabiano Caruana

Seit 2013 ist Magnus Carlsen Weltmeister, so nah wie sein WM-Rivale Caruana kam ihm seither nach Elo-Punkten noch niemand.

Seit 2013 ist Magnus Carlsen Weltmeister, so nah wie sein WM-Rivale Caruana kam ihm seither nach Elo-Punkten noch niemand.

Foto: JOEL MARKLUND / imago/Bildbyran

Berlin/London.  Es war im August, beim Sinquefield Cup in St. Louis, als Magnus Carlsen (27) und Fabiano Caruana (26) zuletzt aufeinander trafen und es beim Duell der beiden derzeit besten Schachspieler der Welt zu einer ungewöhnlichen Situation kam. Es war der 27. Zug, Carlsen führte die weißen Steine und hatte seinen Gegner in eine fast aussichtslose Defensive gebracht, für Caruana schien kein Gegenspiel in Sicht. Erkennbar siegessicher machte Carlsen seinen Zug und stand auf.

Der Norweger begab sich, ganz gegen seine sonstigen Gewohnheiten, in die „confession booth“. Das ist ein kleines Kabuff mit einer Kamera. Die Spieler können dort Kommentare oder auch strategische Geheimnisse mit dem Publikum vor den Bildschirmen teilen, ohne dass ihr Gegner etwas davon mitbekommt. Carlsen setzte sich nur kurz hin und beschränkte sich auf eine Geste: Er legte den Finger auf die Lippen, als wollte er Schweigen einfordern. Man sieht dieses Zeichen sonst öfter beim Basketball oder auch beim Fußball. Es bedeutet: Seid still, ihr Kritiker. Ich kann es noch. Seht hin: Ich gewinne.

Das Problem war nur, dass er eben nicht gewann. Carlsen hatte den falschen Zug gemacht.

Bei US-Star Caruana ist niemals Hast zu erkennen

Nach zäher Abwehrschlacht endete die Partie remis der sichtlich entnervte Weltmeister musste sich anschließend vom Computer den Gewinnzug zeigen lassen. Caruana dagegen blieb ruhig wie immer. Im Gegensatz zu Carlsen erschien er wohlwollend konzentriert, wie ein Student in der Vorlesung des Lieblingsprofessors. Er lächelte.

Der Sinquefield Cup, das seit 2013 jährlich ausgetragene Turnier für Großmeister, sah am Ende drei Sieger: den Armenier Lewon Aronian, den Norweger Carlsen und eben Caruana, der die italienische und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Weil sich Caruana bereits im Frühjahr beim Berliner Kandidatenturnier gegen sieben Mitbewerber durchsetzte, war schon vorher klar, dass er im November in London gegen Carlsen um die Weltmeisterschaft kämpfen würde. Eine Million Euro Preisgeld. Zwölf Partien, abwechselnd Schwarz und Weiß und 100 Minuten Bedenkzeit für die ersten 40 Züge. Wer am Schluss nach Punkten vorn liegt, kann sich für zwei Jahre Weltmeister nennen. Am Freitag geht es los. Aber wer von beiden ist der Favorit?

In der direkten Bilanz liegt der Weltmeister nur leicht vorne. Aber Carlsen steht zweifellos unter dem größeren Druck. Seit er 2013 dem 20 Jahre älteren Inder Viswanathan Anand in dessen Heimat Chennai den Titel entriss, steht er nicht nur für den Generationswechsel am Schachbrett. Mit seinem jugendlichen, unkomplizierten Auftreten hat er seinen Namen auch als international erfolgreiche Marke etabliert, kann lukrative Werbeverträge abschließen, verkauft eine eigene Schach-App und tritt regelmäßig bei Simultanveranstaltungen auf. Ästheten des Schachspiels preisen seinen variablen Stil, der die ausgetretenen Pfade klassischer Eröffnungen gern schnell verlässt, im Mittelspiel immer wieder für Überraschungen sorgt und im Endspiel an Berechnungspräzision für menschliche Gegner oft unschlagbar erscheint (die Computer spielen längst in einer eigenen Liga).

2016 rettet sich Carlsen nur im Schnellschach-Tiebreak

Aber nichts muss bleiben, wie es ist, auch wenn sich Carlsens Jahresbilanz mit Siegen in Wijk am Zee beim Tata-Steel-Turnier, beim Shamkir Chess in Aserbaidschan und eben beim Sinquefield Cup sehen lassen kann. Bei seiner letzten Titelverteidigung 2016 musste er sich gegen den gleichaltrigen Russen Sergej Karjakin in den Tiebreak mit dem für ihn leichter spielbaren Schnellschach retten. Und der vier Monate jüngere Caruana scheint derzeit in der Form seines Lebens, trotz acht Niederlagen in diesem Jahr. Am deutlichsten stellte er das im Frühsommer unter Beweis, als er Carlsen trotz Niederlage im direkten Duell beim Norway Chess in Stavanger hinter sich ließ – ausgerechnet in Carlsens Heimat.

Caruana ist ein Schach-Wunderkind wie Carlsen. Als Sohn italienischer Einwanderer, geboren in Miami, wurde er schon mit fünf Jahren entdeckt und gefördert. „Ich spiele weniger intuitiv als andere Top-Spieler“, hat er kürzlich gesagt: „Den besten Zug finde ich nicht mit Hilfe meines Gefühls. Ich gehe ein Spiel eher vom wissenschaftlichen Standpunkt her an.“ Man kann das für Koketterie halten: Alle möglichen Stellungen durchzurechnen, ist keinem Menschen gegeben, ohne Intuition geht es nicht. Aber wer Caruana am Brett beobachtet, kann doch zu dem Eindruck kommen, dass er seine Impulse besser unter Kontrolle hat - wenn er sie denn überhaupt verspürt.

Der Norweger stürmt schon mal wortlos vom Brett

In seinem Spiel ist keine Nervosität erkennbar, keine Hast. Wenn Carlsen eine Partie verliert, sieht man ihn danach oft hadernd, fast beleidigt. Manchmal stürmt er auch wortlos davon. Ganz anders Caruana. Noch die eigene Niederlage scheint ihn zu faszinieren: Woran hat das jetzt gelegen? Ah, der Turm wäre besser auf d4 platziert gewesen. Interessant. Man sieht ihm an, dass er sich das merken wird.

So treffen nun in London zwei grundverschiedene Temperamente aufeinander. Ein seit fünf Jahren amtierender Champion, dem der Ruf nach Wachablösung an die Nieren zu gehen scheint. Der die Kritiker verstummen lassen möchte. Und ein bescheiden auftretender Spitzenspieler, der diese Belastung nicht verspürt. Wer auch immer aus den zwölf Partien siegreich hervorgehen mag: Es wird sich lohnen, hinzuschauen.