Billard

Poolbillard: Die Berlinerin Ivanovskaia gehört zu den Besten

In Deutschland bildet Veronika Ivanovskaia als Billard spielende Frau eine Ausnahme.

Veronika Ivanovskaia hat das Ziel im Visier

Veronika Ivanovskaia hat das Ziel im Visier

Foto: Alison Chang

Berlin. Das Billardspielen hat in der Familie von Veronika Ivanovskaia eine lange Tradition. Bereits ihr Urgroßvater hatte diese Sportart betrieben, später auch ihr Großvater und ihr Vater. Wenn die Mutter arbeiten war und keine Zeit hatte, auf sie aufzupassen, nahm der Vater sie kurzerhand mit zum Training. Veronika Ivanovskaia war damals acht Jahre alt und konnte gerade so über den Billardtisch lugen.

„Ich hatte deshalb immer meine eigene Cola-Kiste dabei. Dort bin ich einfach hinaufgeklettert und war dadurch groß genug, um die Bälle zu spielen“, erzählt sie. Die Kiste existiert heute noch. Ihr erster Trainer hat sie sich als Erinnerungsstück gesichert. Es ist gut möglich, dass er sie im Sommer noch einmal hervorgekramt hat. Bei der Europameisterschaft in den Niederlanden sicherte sich Ivanovskaia in diesem Jahr den Titel in der Disziplin 8-Ball und feierte damit ihren bislang größten internationalen Erfolg.

Im Finale traf sie ausgerechnet auf eine Holländerin, die vom Publikum entsprechend lautstark unterstützt wurde. „Ich mag das, wenn die ganze Halle gegen mich ist, weil es mich zusätzlich motiviert“, sagt sie. „In solchen Situationen zeige ich stets mein bestes Billard.“ 2013 war die gebürtige Russin aus Sankt Petersburg schon einmal Junioren-Europameisterin geworden. Zudem holte sie bereits mehrfach den nationalen Meistertitel. Als sie 2010 erstmals deutsche Meisterin bei den Erwachsenen wurde, war sie damals gerade 15 Jahre alt.

Die Europameisterin tritt für den BFC Fortuna Berlin an

Aktuell kämpfen die besten deutschen Poolbillard-Spielerinnen in Bad Wildungen in Hessen um Meisterehren, wobei Veronika Ivanovskaia gleich in vier Disziplinen antritt. An ihrem Sport fasziniert die 23-Jährige vor allem die hohe Präzision, mit der die Spieler arbeiten. Jeder Stoß werde mit höchster Konzentration durchgeführt. „Auf diesem Level sind technisch alle so gut ausgebildet, dass am Ende der Kopf entscheidet“, sagt sie.

Als studierte Psychologin hat Veronika Ivanovskaia da durchaus einen Vorteil: „Ich kann meine Gegner gut lesen und merke sofort, wenn sie durchhängen.“ Neben der mentalen Stärke komme es beim Billard allerdings auch auf die Physis an, was oft unterschätzt wird. „Wir haben nicht selten vier, fünf Spiele am Tag, jedes davon kann sich bis zu drei Stunden hinziehen. Wenn man da nicht fit ist, hat man keine Chance. Wenn der Körper müde wird, ist man ganz schnell auch geistig nicht mehr frisch. Das geht Hand in Hand“, erklärt Ivanovskaia. Sie lebt mittlerweile in Hannover, tritt aber nach wie vor für den BFC Fortuna Berlin an. „Die Unterstützung durch den Verein und den Verband ist in Berlin einfach besser“, findet sie.

Seit Februar als Profi vor allem in Asien unterwegs

In Deutschland bildet Veronika Ivanovskaia als Billard spielende Frau eine Ausnahme. International ist das anders. Vor allem in China hält sich der Anteil männlicher und weiblicher Spieler nahezu die Waage – dort assoziiert man mit Poolbillard keine Kneipenbeschäftigung, sondern knallharten Leistungssport. „Billard ist dort Volkssport“, sagt Ivanovskaia, was sich auch in den Preisgeldern niederschlägt. Bei den großen Turnieren in China und Taiwan erhält die Siegerin bis zu 50.000 Euro – in Europa ist es ein Bruchteil davon. Fast jeden Monat fliegt Ivanovskaia deshalb nach Asien, wo auch die meisten ihrer Sponsoren beheimatet sind, die es ihr ermöglichen, dass sie sich seit Februar als Profi verdingt.

„In den nächsten drei Jahren möchte ich in die Top Ten der Weltrangliste vorstoßen“, sagt sie. In Europa gehört sie längst zu den Besten. Ihre stärkste Disziplin bleibt trotz des jüngsten EM-Titels im 8-Ball die Variante 14 und 1 endlos. Dort bekommen die Spieler für jede versenkte Kugel einen Punkt. Wenn 14 Kugeln gespielt wurden, wird das Rack wieder aufgebaut und man darf solange weiterspielen, bis man einen Fehler macht. Ivanovskaias Rekord liegt bei 83 Bällen hintereinander. Und das ganz ohne Cola-Kiste.