Rudern

Die Kehrseite des Spitzensports

Die Berliner Ruder-Olympiasieger Schulze und Gruhne werden zum Umzug nach Hamburg gezwungen. Das sorgt für Probleme.

Karl Schulze (r.) und Hans Gruhne (r.) auf dem Weg zum Gold in Rio

Karl Schulze (r.) und Hans Gruhne (r.) auf dem Weg zum Gold in Rio

Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Berlin.  In seinen Gedanken klammert sich Hans Gruhne an das Ziel. Gut zwei Jahre in der Zukunft und weit im Osten liegt es. Tokio 2020, Olympia. Er will es nochmal probieren, wieder ganz oben zu stehen. So wie 2016 in Rio, Gold im Doppelvierer. Der Berliner Ruderer lebt für diesen Traum. Ein schönes Leben ist das aber gerade nicht, weil nur ein großer Umweg zu diesem Ziel führt. Durch den rauen Norden.

Es ist kein natürliches Hindernis, das sich vor Gruhne ausbreitet, sondern ein politisch erschaffenes. Es verkörpert die andere Seite des Spitzensports, jene abseits des Ruhms, des Edelmetalls. Es zwingt Entbehrungen auf, ist Sinnbild dafür, wie viel der Sport von Athleten fordert, wenn sie nicht gerade im in finanzieller Sorglosigkeit schwelgenden Fußball unterwegs sind. Gruhne und auch Karl Schulze, mit dem er in Rio in einem Boot saß, müssen künftig in Hamburg trainieren. „Ich bin alles andere als glücklich“, sagt Gruhne. Es stellt für die Berliner Ruderer alles auf den Kopf.

Nur noch zentrales Training

Die beiden Olympiasieger gehören zu den ersten, die die Auswirkungen der deutschen Spitzensportreform direkt zu spüren bekommen. Der Ruderverband stellt sich im Zuge dieser Reform strategisch neu auf, an vier großen Stützpunkten wird in den einzelnen Rudersektionen ab November ausschließlich zentral trainiert. Der Männer-Riemenbereich mit dem Achter ist nach wie vor in Dortmund. Frauen-Riemen hat seine Heimat in Potsdam, die Skull-Frauen werden in Berlin zusammengefasst und die Skull-Männer nun in Hamburg/Ratzeburg. „Von Dienstag bis Sonnabend herrscht Anwesenheitspflicht. Uns wurde klar zu verstehen gegeben, dass es keine Chance auf Olympia gibt, wenn man nicht mitzieht“, sagt Gruhne. Für individuelle Bedürfnisse bleibt kein Raum mehr im Ruderboot.

Auf ihr Rio-Gold hatten sich Schulze und Gruhne in Berlin vorbereitet. Schulze zog aus Dresden her, weil die Bedingungen in Berlin für ihn ideal sind. Gruhne ist gebürtiger Berliner, lebt aber in Potsdam und trainierte gemeinsam mit Schulze am Berliner Ruderstützpunkt am Hohenzollernkanal. „Ich hatte ein gut funktionierendes Umfeld, der Standort war super“, erzählt Gruhne. Solche Argumente zählen aber nicht mehr. Die Zentralisierung wurde zum Prinzip erhoben. Das machte auch die Lebensumstände der Athleten letztlich belanglos.

Der eine zieht um, der andere pendelt

Gruhne wohnt in Potsdam mit seiner Freundin zusammen. Vor zwei Jahren erst zog sie dorthin, baute sich alles neu auf, hat einen Job. „Das kann sie nicht einfach so canceln“, so Gruhne. Ihm bleibt jetzt nur das Pendeln am Wochenende. Eine harte Belastung für das persönliche Wohlbefinden. Schulze hat es in dieser Hinsicht etwas leichter. Er und seine Frau sind kürzlich Eltern geworden. „Ich habe lange geschwankt“, erzählt er, „und war teilweise eher davor, meine Karriere zu beenden, als nach Hamburg zu ziehen.“ Doch seine Frau kannte seinen großen Wunsch. Und weil die Situation sich anbot, entschied sie sich, mit in den Norden zu gehen. „Sie kann die Elternzeit bis Olympia ziehen“, sagt Schulze.

Geld gibt es in der Elternzeit nur in den ersten Monaten. „Wir werden natürlich finanzielle Engpässe haben“, so Schulze (30). Ihre Wohnung in Berlin haben sie aufgegeben, sich aber keine in Hamburg gesucht, weil es dort viel zu teuer ist für sie. Nach Glinde, vor die Tore der Stadt, sind sie gezogen.

Finanziell muss Gruhne Einbußen hinnehmen

Gruhne dagegen muss ins Wohnheim. „Eine zweite Wohnung in Hamburg kann ich mir nicht leisten. Ich bekomme ein Zimmer am Olympiastützpunkt. Das ist mein größtes Problem“, sagt der Ruderer. Kein eigenes Bad, keine eigene Küche, kein TV-Gerät. Mit 30 Jahren fühlt er sich dem Jugendherbergsalter entwachsen. Und umsonst ist das Zimmer natürlich auch nicht. 270 Euro muss er zahlen. Zuschüsse vom Verband erhält er nicht. „Das ärgert mich, dass ich finanziell Miese mache“, sagt Gruhne. Mit Sponsoren ist er schließlich nicht groß gesegnet.

Noch überwiegt der Ehrgeiz. Nach einer Saison Pause stieg Gruhne dieses Jahr wieder ein, gewann mit dem Doppelvierer zwei Weltcup-Medaillen und wurde mit dem neu formierten Boot WM-Achter. „Ich habe gemerkt, dass ich noch gut genug bin, körperlich und ruderisch“, sagt der Berliner, für den das Umfeld eine große Rolle spielt. Rudern ist eine riesige Schinderei, wenn man es zu olympischem Gold schaffen will.

Eine Gefahr für den Traum

Um das durchzuhalten, muss es auch Spaß machen. Ob das gewährleistet ist unter den neuen Bedingungen, darüber ist sich Gruhne nicht im Klaren. Die Situation „kann auf die Motivation und Freude schlagen und die Pläne ändern“. Er muss sich ein paar Monate anschauen, wie es sich mit dem Norden so fügt für ihn und dann entscheiden, „ob ich mir vorstellen kann, das durchzuziehen“, sagt Gruhne. Der Traum von Tokio 2020 ist durchaus in Gefahr.

Kollege Schulze hat schon angeboten, dass er ab und zu bei ihm und seiner Familie unterkommen kann, wenn es ihm im Wohnheim zu viel wird. Vielleicht hilft das, die Entbehrungen des Spitzensports zu ertragen.