Werner Gerhold machte das, was man im Pferderennsport eigentlich nie tun sollte. Er garantierte seinen Freunden, dass sie mit diesem Pferd Siege holen würden. Bei der Weihnachtsfeier von Galopptrainer Hans-Jürgen Gröschel hatte er soeben erfahren, dass Iquitos zum Verkauf stand. Gerhold kannte das Tier schon und wollte es unbedingt haben, doch er musste noch seine Stallkollegen überzeugen. Also versprach er ihnen: „Mit diesem Pferd gewinnen wir mindestens einen Ausgleich 1. Und nach oben können wir träumen.“

Iquitos kostete damals gerade einmal 10.000 Euro, in der Szene ein eher geringer Betrag für ein Rennpferd. Zudem ist er mit 1,56 Meter Stockmaß einer der Kleinsten auf der Bahn, weshalb manch einer womöglich nicht allzu viel von ihm erwartete. Doch Gerhold wusste um die Qualitäten des Pferdes und sollte Recht behalten. Schon sein zweites Rennen als Dreijähriger gewann Iquitos. Bei seinem dritten Start in Baden-Baden, einem Handicap-3-Rennen, siegte der Hengst mit einer halben Zielgerade Vorsprung.

2016 wird das Rennpferd Galopper des Jahres

Ein Jahr später, 2016, düpierte er beim Großen Preis von Baden-Baden die Konkurrenz, als er von ganz hinten noch an der gesamten Konkurrenz vorbeizog. Unter anderem wegen dieses Erfolgs wurde Iquitos erster Gewinner der German Racing Champions League. Am Ende des Jahres wurde er zudem mit deutlichem Vorsprung zum Galopper des Jahres gewählt.

Auch beim 28. Preis der Deutschen Einheit am Mittwoch (13.30 Uhr) – neben dem Grand Prix das wichtigste Rennen auf der Rennbahn in Hoppegarten – ist Iquitos der Favorit. „Er ist das Idealbild eines Rennpferds“, sagt sein Trainer Hans-Jürgen Gröschel, „ein absolut pflegeleichtes Tier. Wenn er ein Mensch wäre, dürfte er bei mir einziehen.“ Gröschel hat schon viele Pferde trainiert, aber keines war so wie Iquitos. Ohne ihn hätte er seinen Job wohl längst an den Nagel gehängt. Immerhin ist Gröschel mittlerweile 75 Jahre alt. Er wurde in Dresden geboren, nach der Wende siedelte er nach Hannover-Langenhagen über. Rund 1200 Siege hat er in seiner langen Trainerlaufbahn eingefahren. Eigentlich hätte er sich also mit gutem Gewissen in den Ruhestand verabschieden können. Doch dann kam Iquitos und Hans-Jürgen Gröschel startete als Senior noch einmal durch. „Ohne das Verständnis meiner Frau wäre das nicht möglich gewesen“, sagt er.

2015 wäre Iquitos beinahe gestorben

Längst hat sich Iquitos auch international einen Namen gemacht. Siebter war er 2017 beim prestigeträchtigen Prix de l’Arc de Triomphe in Paris; zudem startete er schon zweimal beim Japan Cup in Tokio, einem der höchstdotierten Galopprennen der Welt mit 120.000 Zuschauern. Dabei wäre das Pferd 2015 wegen einer Kolik fast gestorben. „Wir haben ganz schön gezittert“, sagt Mitbesitzer Werner Gerhold. Wegen des Zwischenfalls fiel damals auch der fest geplante Start bei Preis der Deutschen Einheit aus. Dieses Mal wäre alles andere als der Sieg eine Enttäuschung. „Wenn man das Feld betrachtet, ist er der Favorit. In Normalform müsste er diese Aufgabe lösen“, sagt Hans-Jürgen Gröschel. Anfang September bestätigte Iquitos seine Klasse als Dritter im Großen Preis von Baden-Baden hinter zwei Spitzengaloppern aus England.

In Hoppegarten dürfte dieses Mal Va Bank sein ärgster Rivale sein, der ihn im Juli in München schon einmal schlagen konnte. Das Rennen am Mittwoch könnte einer der letzten Auftritte von Iquitos sein. Laut Gerhold soll sich das Rennpferd wohl schon ab nächstem Jahr als Deckhengst verdingen, vermutlich im Ausland. „Wir würden gern das nächste Kapitel schreiben“, sagt er. Wie es danach für den Trainer Hans-Jürgen Gröschel weitergeht, ist offen. Ursprünglich hatte er, wenn Iquitos geht, endgültig aufhören wollen. Jetzt meint er: „Warten wir ab, was danach passiert.“ Anders als Werner Gerhold will Gröschel lieber keine Garantie abgeben.