„Schön, dass die Leute so fröhlich sind“, sagt Maximilian Schachmann – und grinst schelmisch. Im Hotel, knapp 40 Autominuten von Innsbruck entfernt, wohnt der deutsche Senkrechtstarter des Radsports Tür an Tür mit den feiernden Touristen, die bei Jodeleinlagen und Klängen aus dem Akkordeon den Alltag hinter sich lassen. Der 24 Jahre alte Berliner hatte noch keine Zeit zum Feiern. Nach der Goldmedaille mit seiner belgischen Mannschaft Quick-Step Floors zum Auftakt der Straßenrad-WM am Sonntag kann Schachmann am Mittwoch beim Zeitfahren das nächste Top-Resultat schaffen.
Die Experten sind sicher, dass der zweifache Vuelta-Etappensieger Rohan Dennis aus Australien und der Niederländer Tom Dumoulin, der Titelverteidiger und Gesamt-Zweite der Tour de France, den Sieg im Kampf gegen die Uhr unter sich ausmachen werden. Dahinter haben etwa zehn Fahrer die Chance auf Bronze. Auch Schachmann. „Aber auch ein Dumoulin kann mal einen schlechten Tag haben“, sagt der Deutsche, der seine Ambitionen dennoch zurückhaltend beschreibt: „Da will ich nicht zu hoch greifen.“
Sogar Toni Martin lässt sich Tipps vom 24-Jährigen geben
Bei der WM teilt er sich ein Zimmer mit dem neun Jahre älteren Tony Martin. Der aus Cottbus stammende Wahl-Schweizer schielt nach seinem überstandenen Wirbelbruch und vier WM-Goldmedaillen im Einzelzeitfahren in Innsbruck nach Bronze. Über den Aufstieg seines jungen deutschen Radsport-Kollegen, der beim Giro sowie der Deutschland-Tour jeweils eine Etappe gewann und noch Zeitfahr-Bronze bei der EM in Glasgow holte, kann auch Martin nur staunen. „Er ist eines der größten deutschen Talente. Aber ich bin mir auch nicht zu schade, ein paar Tipps von ihm zu holen“, sagt Martin.
Ohnehin verbinden zahlreiche Gemeinsamkeiten die beiden Radsportler. Einst fuhren sie in der Jugend beim Thüringer Energie Team, werden mit Jörg Werner vom selben Manager betreut und starten in der kommenden Saison in neuen Mannschaften. Während Martin ein Wechsel von Katusha-Alpecin zu LottoNL-Jumbo nachgesagt wird, ist der Zweijahres-Vertrag von Schachmann beim deutschen Rennstall Bora-hansgrohe unterschrieben. Dort soll Superstar Peter Sagan seinen Kontrakt vorzeitig bis 2021 verlängern. „Ich traue ihm zu, dass er innerhalb der nächsten fünf Jahre eine Grand Tour unter den Top Fünf beendet“, sagt Ralph Denk, der Manager von Bora-hansgrohe, über Schachmann. Er könne ein starker Rundfahrer werden, auch wenn mit Emanuel Buchmann bereits ein deutscher Klassement-Fahrer im Aufgebot steht. Das sei kein Problem, sagt Denk.
Beim Straßenrennen geht es auf fast 5000 Höhenmeter
Schachmann zeichnet sich trotz seiner erst 24 Jahre durch seinen Weitblick aus. „Ja“, sagt er auf die Frage, ob er sich schon auf die Zeit vorbereitet hat, wenn er nach seinen Erfolgen in diesem Jahr mal in ein Leistungstief rollen sollte. Schachmann hat sein Training akribisch dokumentiert. Darin steht auch, dass er im Höhentrainingslager neue Wege gegangen ist. „Wenn ich in ein Loch falle, ist es gut, diesen Plan wieder vor Augen zu haben“, sagt er.
Schachmann fühlt nach all den Triumphen dieser Saison eine Lockerheit, er hat auch keine Angst vor den Tiroler Bergen. Nach dem Zeitfahren wartet am Sonntag zum WM-Finale noch das schwere Straßenrennen mit fast 5000 Höhenmetern, verteilt auf 258 Kilometer. „Bis dahin habe ich drei Tage zur Regeneration. Das sollte reichen“, sagt der Berliner, der unabhängig von den Resultaten in jenen zwei Rennen feiern darf. Aber weder mit Jodeleinlagen noch zu Akkordeon-Musik. „So etwas ist eben Geschmackssache“, sagte er – und grinst schelmisch.


