Als es drei Tage nach dem großen Triumph an der Tür zu seinem Hotelzimmer klopfte, wusste Ben Johnson, dass er sich von der jüngst gewonnenen Goldmedaille wieder trennen muss. Ein herber Verlust für den kanadischen Sprinter, der am 24. September 1988, genau vor 30 Jahren, bei den Olympischen Spielen in Seoul vom schnellsten Mann der Welt in nur 68 Stunden zum ausgestoßenen Dopingsünder wurde.

Denn der damals 26-Jährige verlor in diesem Moment nicht nur seine Medaille. Er verlor die Glaubwürdigkeit, die Integrität und viele Leichtathletik-Fans den Glauben an den sauberen Sport. Und das obwohl Johnson davon überzeugt war, dass er für das, was kurz vorher die Sportwelt erschütterte, gar nicht verantwortlich war.

Wada erkennt Handlungsbedarf in Sachen Doping

Bis heute hat der 56-Jährige diesen Fehltritt nicht eingesehen, seine Schuld nicht eingestanden. Es waren doch die anderen, die ihm schaden wollten. „Es gibt nur eine Möglichkeit, dass Ben Johnson scheitert: wenn sich jemand einmischt und alles kaputt macht“, sagte der Kanadier dem Schweizer „Magazin“: „Wie in Seoul: Sie konnten mich nicht schlagen, also taten sie, was nötig war, um mich zu stoppen.“ Was Johnson nicht sagte: Gestoppt hat sich der neben Lance Armstrong berühmteste und berüchtigteste Dopingsünder der Sportgeschichte vor allem selbst.

Und doch hatte sein Sündenfall etwas Gutes. Der größte Doping-Skandal Olympias führte gegen Ende der Anabolika-Hochzeit zu einem Umdenken – spätestens seitdem wird der zuvor nicht ganz so ernst genommene Kampf gegen Betrüger professioneller geführt. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erkannte Handlungsbedarf und dank effektiverer Testmethoden wurden herausragende Ergebnisse plötzlich Mangelware. Es war der dringend benötigte Wendepunkt. „Doping war natürlich vorher auch immer schon ein Thema, aber durch den Fall Ben Johnson wurde eine weltweite öffentliche Aufmerksamkeit erzeugt, die man vorher in der Form noch nicht erlebt hat“, sagte Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag. Schließlich war Johnson in der olympischen Königsdisziplin gestartet.

Sechs der acht Finalsprinter von Seoul waren gedopt

Am 24. September 1988 schaute die Sport-Welt nach Seoul, auf das olympische 100-Meter-Finale. Es sollte ein Jahrhundert-Rennen werden, der Kampf zwischen den ewigen Rivalen Carl Lewis und Ben Johnson. Hier der elegante US-Superstar, dort der bullige Kanadier. Zwei Athleten auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Eine Konstellation, wie sie der Sprint selten zuvor und auch danach kaum mehr sah. Selbst Usain Bolt hatte in den Jahren seiner Rekordläufe keine ebenbürtigen Gegner. Ebenbürtig war allerdings auch Lewis in Seoul nicht. Die Bilder sind ins kollektive Sportgedächtnis eingebrannt: Wie Johnson seinen mit Anabolika vollgepumpten Körper aus dem Startblock wuchtete. Wie er schon nach wenigen Schritten einen Meter zwischen sich und den Rest des Feldes bringen konnte. Wie er in der Fabelweltrekordzeit von 9,79 Sekunden bereits jubelnd über die Ziellinie trudelte.

Johnson hatte schon vorher getönt: „Sobald der Startschuss fällt, ist das Rennen vorbei.“ Er sollte recht behalten. Lewis musste sich mit dem zweiten Platz begnügen. Johnson war endgültig „Big Ben“. Der Größte. Und wenn es nach ihm ging, sollte das auch erst einmal so bleiben. „Diesen Weltrekord wird in den nächsten fünfzig Jahren niemand brechen“, prahlte Johnson nach seinem Rennen. Es war nur ein Irrtum in einer Reihe von vielen.

Einen Tag später analysiert das Anti-Doping-Labor in Seoul mehrere Urinproben. Dank einer neuen Methode konnte nun auch das Anabolikum Stanozolol nachgewiesen werden. Bei einer einzigen Probe ist das Ergebnis positiv. Es ist die von Johnson. „Es gab viele schwarze Tage. Die ganze Welt hat mich als Verlierer abgestempelt und als Betrüger, aber ich war nicht der einzige, der betrogen hat“, sagte Johnson. „Alle wussten es, aber ich war der einzige, auf den gezeigt wurde.“ Und tatsächlich wurden später sechs der acht Finalisten positiv getestet – alle bis auf die Amerikaner Calvin Smith und Lewis, dem daher die Goldmedaille zugesprochen wurde. Nicht nur für Johnson eine Farce: Lewis war vor Olympia positiv getestet worden, die Affäre aber wurde vertuscht. Und weil sich somit fast das gesamte Starterfeld mit unerlaubten Mitteln pushte, galt das Seoul-Finale bald als „The Dirtiest Race in History“, als dreckigstes Rennen der Geschichte.

Später engagierte er sich im Anti-Doping-Kampf

Natürlich waren Johnsons Muskelpakete das Ergebnis von Anabolika. Aber eben nicht von Stanozolol, sondern von Estragol. Und das habe man, so ist sich Johnsons Trainer Charlie Francis sicher, rechtzeitig vor Olympia abgesetzt. Der Sünder selbst ist bis heute davon überzeugt, dass es ein Vertrauter Lewis’ war, der ihm direkt vor der Dopingprobe Stanozolol in einem jener Biere verabreicht hatte, die die Abgabe der Urinprobe beschleunigen sollten. „Ich würde nicht so blöd sein, so etwas kurz vor einem olympischen Finale zu nehmen. Ich wurde positiv auf Stanozolol getestet, aber ich hatte etwas ganz anderes genommen“, so Johnson.

Trotzdem war „Big Ben“ erledigt. Nach zweijähriger Sperre lief er bei seinem Comeback 1991 nur hinterher, 1993 flog er erneut als Dopingsünder auf. Die Folge: eine lebenslange Sperre. Heute trainiert er in Toronto junge Sprinter, hat sich im Anti-Doping-Kampf engagiert. „Ich habe mir meine Schuld erlassen und versuche, die Dinge nun richtig zu machen“, sagte er. Es klang fast wie ein kleines Eingeständnis. Dass er damals vielleicht doch nicht alles ganz richtig gemacht hat.