Mittlerweile müsste Markus Rehm es doch fast gewohnt sein. Dass sein letzter Sprung nochmal richtig weit gehen kann. Trotzdem schaute der Para-Weitspringer am Sonnabend ungläubig in die Grube des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks: 8,48 Meter im sechsten Versuch, Weltrekord. Einen Zentimeter weiter als seine alte Bestmarke, die der 30-Jährige Anfang Juli bei einem Meeting in Tokio aufstellte – natürlich im letzten Versuch. Dass der Athlet vom TSV Bayer Leverkusen mit dieser Weite in Berlin zum vierten Mal in Folge auch Europameister wurde, versteht sich von selbst.

„Ich wusste, da geht heute auf jeden Fall was“, sagt Rehm, „es war aber nicht einfach. Der Wind kam mal von vorne, mal von hinten und mal von der Seite.“ Mit seinem Weltrekord unterstrich Rehm seinen Wunsch nach einem gemeinsamen Start von paralympischen und olympischen Athleten einmal mehr. In seiner Startklasse kommt niemand an die Weiten ran, die Rehm springt. Auch Felix Streng nicht. Rehms Teamkollege aus Leverkusen landete mit persönlicher Bestleistung von 7,71 Metern hinter dem neuen Europameister. Silber und damit schon die dritte Medaille für den 23-Jährigen bei dieser EM. Nach Gold über 200 Meter, Gold mit der 4x100-Meter-Staffel und Silber im Weitsprung soll über 100 Meter heute noch einmal Gold folgen. Dass es im Weitsprung nicht für den Titel reichen würde, war Streng, der ohne rechten Unterschenkel geboren wurde, vorher klar.

Streng ist das neue Gesicht der deutschen Para-Leichtathletik

Doch der in Bolivien geborene Sprinter und Weitspringer gilt als das neue Gesicht der deutschen Para-Leichtathletik. „Er wird immer besser, eines Tages wird er mich vielleicht schlagen“, sagt Rehm, „die nächste Generation steht bereit.“ Dass Streng dort überhaupt steht, ist keine Selbstverständlichkeit. Para-Sportler wollte er nicht werden. 2012 soll Streng in der Schule eine Arbeit zum Thema Paralympics schreiben. „Nein, nein, damit will ich nichts zu tun haben. Mit diesem Behindertensport“, sagte Streng damals. „Ich hab mir dann Videos angeschaut, von Rehm und Heinrich Popow“, erzählt Streng. Er fährt nach Leverkusen, um für seine Arbeit zu recherchieren. Die Trainer dort sehen seine Veranlagung, lassen ihn sprinten und machen noch am gleichen Tag einen Termin im Sportinternat.

Als Streng wieder in seine Heimat nach Coburg fährt, hat er den Grundstein für seine Karriere gelegt. Nur drei Tage später zieht er nach Leverkusen. Vier Jahre später wird er in Rio Paralympicssieger mit der 4x100-Meter-Staffel. „Jetzt ist es meine Leidenschaft, ich hätte mir nichts Besseres erträumen können“, sagt Streng. Und er hat noch große Ziele, will über 100 und 200 Meter Weltrekord laufen. „Das sind Zeiten, die ich mir vorgenommen habe, die realistisch sind“, sagt er. Und wie das mit dem Weltrekord funktioniert, hat Streng ja am Sonnabend gesehen.