Deutsche Paddler setzen Standards, so ist man es gewohnt. Wenn die Athleten des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) alle vier Jahre bei den Olympischen Spielen in den Blickpunkt rücken, enttäuschen sie die Erwartungen so gut wie nie. Medaillen in hoher Zahl, darauf ist bei den Freibeutern der Regattastrecken eben Verlass.

Doch mitunter führt der internationale Verband unter dem Druck des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) kleine Änderungen ein, die den Großen der Branche eher ungelegen kommen. „Die Geschlechtergleichheit ist ein wichtiges politisches Ziel des IOC“, sagt DKV-Präsident Thomas Konietzko. Also wurden zwei Männerboote aus dem bisherigen olympischen Kanon heraus- und zwei Frauenboote in das Programm für Tokio 2020 aufgenommen. Im Canadier dürfen die Frauen erstmals im Zeichen der fünf Ringe mitpaddeln, im Einer über 200 Meter und im Zweier über 500 Meter.

Bei der an diesem Wochenende stattfindenden Weltmeisterschaft in Montemor o Velho (Portugal) rechnet der DKV in diesen Disziplinen nicht mit aufregenden Ergebnissen. „Die dynamische Entwicklung in diesem Bereich spricht dafür, diese Disziplinen einzuführen. Das Schlimme ist nur, dass Deutschland diese Entwicklung noch nicht mitbestimmt“, erzählt der Präsident – mit einem kleinen Lächeln fügt er hinzu: „Aber wir kommen näher.“ Mit Lisa Jahn, die 24-Jährige vom Köpenicker SC sitzt in beiden Booten, und mit Sophie Koch (20/Karlsruhe), die im C2 dabei ist.

Arndt Hanisch, der leitende Bundestrainer, sieht mit den beiden den Anschluss an die Weltspitze hergestellt. „Wir hoffen, dass sie die guten Ansätze, die sie bei der EM schon gezeigt haben, noch ausbauen können“, so Hanisch. Platz sechs im C1 und Platz vier im C2 bei den kontinentalen Titelkämpfen lassen sich sehen, sind im internationalen Vergleich aber nicht genug für die Ambitionen des deutschen Verbandes. Dass der überhaupt so hinterherhängt in diesen Disziplinen, liegt an deren Geschichte.

Kleinere Verbände wichen früher auf diese Rennen aus

Viele Entwicklungsnationen haben sich früh auf Boote fokussiert, die nicht olympisch sind. „Als wir noch gar nicht an die Canadier-Damen gedacht haben, haben die sich auf Nischen konzentriert, weil die im Programm der WM waren“, so Konietzko. Länder wir Kanada oder Chile wollten lieber eine WM-Medaille gewinnen, als in einem olympischen B-Endlauf anzukommen, weil die großen Nationen auf den olympischen Strecken dominieren.

Seit 2010 knien die Frauen mit dem Stechpaddel bei Weltmeisterschaften in den Booten. „Anfangs haben alle geschmunzelt“, gibt Hanisch zu. Die Technik hatte keine der Frauen besonders gut drauf, viele fanden nicht einmal den Weg in den Startschuh. „Mittlerweile ist es ein Wettkampf, es sieht aus wie Canadierfahren“, so der Bundestrainer. Als der DKV von der Aufnahme ins olympische Programm überrascht wurde, lenkte der Verband seine Aufmerksamkeit auch auf die Canadier-Frauen.

Mit Quer-Einsteigerinnen wie Lisa Jahn will man den Rückstand aufholen. Vor zwei Jahren wandte sich auf Jahn dem neuen Boot zu, weil sie im Kajak zu viel Konkurrenz vor sich hatte. „Sie hat eine Alternative gesehen. Lisa will zu Olympia, das ist ihre Antriebskraft“, sagt Jens Kahl, Sportdirektor des DKV. Weil die Strukturen nicht gefestigt und die Felder nicht homogen sind, ist es wohl nirgends leichter, Olympiamedaillen zu gewinnen als bei den Canadier-Frauen.

Übergang ist nicht einfach

Doch der Übergang vom Kajak in den technisch viel schwierigeren Canadier lässt sich nicht im Vorbeigehen erledigen. „Man braucht acht bis zehn Jahre, um einen kompletten Weltklasseathleten zu entwickeln“, erzählt Kahl. Nachdem die ersten Schritte getan seien, benötige man noch immer vier bis acht Jahre, um ein stabiles System für Canadier-Fahrerinnen aufzubauen, das schon an der Basis mit diesem Boot arbeitet. Bislang wurde, wie Kahl sagt, nur auf dem weitaus größeren Kajakbereich abgeschöpft.

Die Berlinerin Jahn musste sich die neue Technik in den vergangenen beiden Jahren hart erarbeiten. „Sie fährt am Anfang gut, aber wenn sie die Kräfte verlassen, sieht es ein bisschen ruckelig aus. Da sind noch große Reserven“, sagt Bundestrainer Hanisch. Bei der WM wird man das wieder beobachten können, doch selbst dort traut Hanisch den Canadier-Damen schon zu, die in die Ränge zu paddeln, die nächstes Jahr bei der WM nötig sind, um die Startplätze für Tokio zu sichern. Das bedeutet: unter die ersten Sechs. In Japan sollen dann selbst Medaillen kein unrealistisches Ziel sein. Lisa Jahns Ehrgeiz lässt die Führungsriege des DKV daran glauben.

Die Illusion, sich weiter in ihrer bequemen Frauen-Canadier-Nische ausleben zu können, die nimmt Konietzko den betreffenden Verbänden schon mal: „Wir werden noch ein bisschen daran knabbern, aber dann werden Nationen mit einer Philosophie, mit Wissenschaft und mit Strategie wieder vorn sein.“ Auf den DKV soll man sich eben verlassen können.