Wenn es nach Marco Gebhardt geht, gibt es ein Fußballfest. „Das wird ein Riesenderby“, sagt der Trainer von Oberliga-Aufsteiger Blau-Weiß 90, „wir sind alle richtig elektrisiert.“ Kein Wunder, erstens kehrt der Traditionsklub nach 26 Jahren Abstinenz auf die überregionale Bühne zurück, und dann beginnt die Saison auch noch mit jenem brisanten Duell, dem der Hauptstadt-Sport schon lange entgegenfiebert: Blau-Weiß gegen Tennis Borussia – zwei der ganz großen Namen im kleinen Berliner Fußball.
Rund 1000 Zuschauer werden am Sonntag (14.30 Uhr) an der Mariendorfer Rathausstraße erwartet, darunter etliche Legenden beider Lager. Von denen gibt es schließlich reichlich, immerhin spielte sowohl Blau-Weiß (1986/87) als auch TeBe (1974/75, 1976/77) einst in der Bundesliga. Erfolge, die über die turbulenten Jahrzehnte, die beide Klubs hinter sich haben, zwar stark verblasst, aber keineswegs vergessen sind.
Zum Saisonstart hofft der Klub auf rund 1000 Zuschauer
Das bislang letzte hochklassige Liga-Duell der Westberliner Granden liegt lange zurück. Vor 33 Jahren kreuzten sich die Wege in Liga zwei. Das Hinspiel gewann Blau-Weiß klar mit 4:0, im Rückspiel am letzten Spieltag siegte TeBe 2:1. Ändern sollte das nichts mehr. Aufsteiger Blau-Weiß stürzte sich ins Abenteuer Bundesliga, TeBe hingegen musste den Gang in die Drittklassigkeit antreten.
Aktuell sind die Vorzeichen andere. Der große Favorit dieser Spielzeit kommt aus dem Mommsenstadion, nach Platz zwei im Vorjahr hat TeBe endgültig die Parole Aufstieg ausgegeben. „Dieser Verein ist mit seinem Umfeld und seinen Fans in der Oberliga nicht richtig aufgehoben“, sagt der neue Trainer Dennis Kutrieb, „wir gehören in die Regionalliga.“ Auch er kann es kaum abwarten, seine Spieler von der Kette zu lassen. „Sie haben in der Vorbereitung bei der Hitze ganz schön viel Schweiß vergossen“, erzählt der Nachfolger des abgewanderten Thomas Brdaric, „da hat man fast schon Mitleid bekommen. Jetzt freuen wir uns, dass wir um den Aufstieg spielen können.“
So klar, wie man meinen könnte, sind die Rollen zwischen Favorit und Liga-Neuling allerdings nicht verteilt. Denn Blau-Weiß ist kein gewöhnlicher Aufsteiger. Die Oberliga soll nur eine Durchgangsstation sein.
Bislang geht der Masterplan der Mariendorfer auf
Schon vor zwei Jahren hatte Vereinspräsident Michael Meister einen Masterplan vorgelegt, um dem schlafenden Riesen neues Leben einzuhauchen. Ziel ist mindestens die Regionalliga, im Idealfall Liga drei. Bislang befindet sich Blau-Weiß auf Kurs. Unter der sportlichen Führung von Ex-Profi Gebhardt (45) hat die stetig verbesserte Mannschaft einen glatten Durchmarsch mit zwei Aufsteigen hingelegt. Kutrieb ist deshalb gewarnt. „Die werden in ihrem ersten Oberligaspiel sicher ein Zeichen setzen wollen“, sagt der TeBe-Coach, „aber wir sind darauf vorbereitet.“
Vorbereitet haben sich auch Gebhardt und Co., schließlich warten in der fünften Liga ganz neue Herausforderungen. Zehn Akteure gingen im Sommer, dafür tragen jetzt acht neue das Blau-Weiß-Trikot. „Wir haben ein bisschen frisches Blut geholt“, sagt Gebhardt, „vor allem junge Talente.“ Innenverteidiger Maximilian Stahl (21, kam von TeBe) und Stürmer Fabian Engel (22, SC Staaken) bringen Oberliga-Erfahrung mit, Innenverteidiger Louis Stüwe (25, VSG Altglienicke) schnupperte sogar schon Regionalliga-Luft.
Rundum zufrieden war der Coach mit der Vorbereitung trotzdem nicht. „Die Eingewöhnung braucht immer etwas Zeit“, sagt er, „das ist ein Prozess.“ Am meisten schmerzte jedoch die Verletzung von Offensiv-Zugang Pascal Wedemann, der mit einer schweren Knöchelverletzung lange ausfällt.
Der nächste Durchmarsch scheint nicht utopisch
Egal mit welchem Personal, Blau-Weiß wird sich umstellen müssen. Nach einem Berlin-Liga-Jahr mit nur einer Niederlage dürften die Zeiten der Dominanz vorbei sein. „Wir werden auch mal in Rückstand geraten oder verlieren“, ahnt Gebhardt, „aber damit müssen wir umgehen können.“
Nicht wenige Beobachter trauen dem Team das zu. Blau-Weiß wird aktuell stärker eingeschätzt als die Stadtrivalen Hertha Zehlendorf, Staaken und Hertha 06, gilt hinter TeBe und Lichtenberg 47 als Kandidat für das Spitzentrio. Eine Erwartungshaltung, von der sich Gebhardt nicht beeindrucken lässt. „Druck verspüre ich, wenn ich auf die Toilette muss“, sagt er trocken.
Seinen Spielern hat er eine alte Jürgen-Klopp-Maxime eingeimpft, nämlich dass die Lust aufs Gewinnen größer sein muss als die Angst vor dem Verlieren. Klingt nach Attacke. Und nach Fußballfest.



