Berliner Champions

Wie Turnen, nur im Galopp

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Philip Häfner
Julian Kögl hält Ronja Kähler auf Hengst Daytona

Julian Kögl hält Ronja Kähler auf Hengst Daytona

Foto: Daniel Kaiser / © Daniel Kaiser

Wie die Berliner Sportler Ronja Kähler und Julian Kögl den Sprung in die Weltspitze der Voltigierer schafften.

Berlin.  Bereits in der Bibel ist von der verführerischen Kraft des Apfelbaumes die Rede. Ein ebensolcher war es, der Julian Kögl dazu verleitete, sich das erste Mal auf ein Pferd zu setzen. Als er sieben Jahre alt war, stand am Rande der baden-württembergischen Kleinstadt, in der er aufwuchs, ein Apfelbaum. Doch die Früchte hingen so weit oben, dass Kögl nicht an sie herankam. Erst vom Rücken des elterlichen Pferdes aus war das Obst in Reichweite.

Heute vollführt Julian Kögl auf einem Pferd noch ganz andere Kunststücke, als Äpfel von einem Baum zu pflücken. Zusammen mit seiner Partnerin Ronja Kähler (15/VRG Schäferhof) bildet der 17-Jährige vom Reit-Club Grunewald eines der besten Voltigier-Duos der Welt. 2017 waren sie Vizeweltmeister bei den Junioren, ein Jahr zuvor wurde Kögl zusammen mit einer anderen Partnerin zudem Junioren-Europameister. Auch bei den am Mittwoch beginnenden Welttitelkämpfen in Kaposvár (Ungarn) zählen die beiden wieder zu den Favoriten.

Ursprung der Sportart beim Militär

Viele würden die Sportart fälschlicherweise mit Reiten gleichsetzen, sagt Kögl. Doch Voltigieren ist viel mehr als das. Kähler und er sitzen nicht nur auf dem Pferd: Sie stehen, knien oder hocken, lassen sich seitlich vom Tier herunterhängen oder zeigen auf seinem Rücken waghalsige Salti, Handstände und Hebefiguren. Das Pferd steht dabei nicht still, sondern bewegt sich an einer langen Leine, der sogenannten Longe, im Kreis herum. „Voltigieren ist Turnen und Akrobatik im Galopp“, sagt Ronja Kähler. Der Ursprung liegt wie bei vielen Pferdesportdisziplinen beim Militär – die Übungen gehörten vor allem im 17. bis 19. Jahrhundert zur Grundausbildung der Kavallerie und sollten Gleichgewicht, Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer der Soldaten schulen.

Daraus entwickelte sich später der Turniersport, der 1920 in Antwerpen sogar schon einmal olympisch war, damals allerdings noch unter dem Namen Kunstreiten. Heute bezeichnet man so eine Variante, bei der die Reiter im Sattel sitzen und das Pferd selbst bewegen, während beim klassischen Voltigieren ein Longenführer diese Aufgabe übernimmt. Beim Voltigieren gibt es keinen Sattel – die Pferde tragen lediglich einen Voltigiergurt mit zwei Handgriffen und Fußschlaufen sowie darunter eine Schaumstoffunterlage als Schutz. Gute Voltigierpferde müssten schwungvoll und doch gleichmäßig galoppieren können und eine gewisse Größe und Robustheit mitbringen, erklärt Kögl. Vor allem müssten sie stets gelassen bleiben, auch wenn auf ihrem Rücken herumgeturnt wird. Manche Pferde seien kitzelig, „da klappt es dann eher nicht“, sagt Kögl. Doch auch sonst könne es bis zu zwei Jahre dauern, ehe ein Pferd die Anforderungen wirklich beherrscht.

An der Longe erhält das Pferd die Kommandos

Das Pferd von Kögl und Ronja Kähler heißt Daytona, ist ein Niederländischer Warmbluthengst. Um das Tier nicht übermäßig zu belasten, können die beiden maximal zweimal 15 Minuten in der Woche mit Daytona trainieren. Die meiste Zeit wird auf einem Holzpferd oder Voltigierbock trainiert. Es gibt davon sogar eine elektrische Variante, bei der sich die Reitbewegung simulieren lässt. Auch ihren Longenführer haben Kögl und Kähler nicht immer bei sich, denn Lars Hansen wohnt in Bayern. Zu Hause in Berlin übernimmt diese Aufgabe oft Kögls Mutter Ute, die auch als Landestrainerin tätig ist.

Nur mit der Stimme, der Longe und durch Zeigen mit der Peitsche gibt der Longenführer dem Tier zu verstehen, wie schnell es gehen soll. „Wir müssen uns hundertprozentig darauf verlassen können“, sagt Kähler. Es gibt sogar Punkte dafür, wie sich das Pferd im Wettkampf präsentiert. Für die Wertung zählen ansonsten die Gestaltung des in dieser Altersklasse anderthalbminütigen Programms, die Schwierigkeit der Übungen und deren Ausführung, wobei letztere am meisten Gewicht hat.

Jungen sind in der Sportart immer noch Exoten

Es gewinnt also nicht derjenige mit den schwierigsten Übungen, sondern wer seine am saubersten ausführt. Drei Wettkampfdisziplinen gibt es: Einzel-, Doppel- und Gruppenvoltigieren, wobei die Gruppen aus bis zu acht Personen bestehen können, von denen sich nur immer maximal drei gleichzeitig auf dem Rücken des Pferdes befinden dürfen. Außer im Doppel treten Julian Kögl und Ronja Kähler im Einzel an; Kögl erreichte in diesem Jahr sogar Platz vier beim Preis der Besten in Warendorf und wurde auch in dieser Disziplin als Ersatzstarter für die EM nominiert.

„Männer sind beim Voltigieren immer noch die Exoten“, sagt Kögl. Zwar sei bei den besten Gruppen fast immer mindestens ein Junge dabei, und das Doppel wird teilweise strikt als gemischt-geschlechtliches Pas de deux ausgeschrieben. Im Breitensportbereich sind jedoch nur sehr wenige Männer der Versuchung erlegen.