Tour de France

Rad-Profi Simon Geschke: „Ich spende meinen Gewinn“

Der Berliner Simon Geschke spricht über den Verkauf von Bartbalm unter seinem Namen und seine Ambitionen bei der Tour de France.

Vor Simon Geschke liegen drei harte Wochen in Frankreich

Vor Simon Geschke liegen drei harte Wochen in Frankreich

Foto: imago sport / imago/Geisser

Berlin.  Simon Geschke ist der markanteste Mann im Feld, mit seinem dichten Bart sticht er aus der Masse der bunten Trikots heraus. Geschke ist auch der einzige Berliner bei der Tour de France, schon zum sechsten Mal steht der 32-Jährige vom Team Sunweb bei der bedeutendsten Rundfahrt der Radprofis am Start. Mit der Morgenpost sprach er über seine ungewöhnlichen Seiten und seine Ambitionen bei der Tour.

Eine Tour de France ist immer eine haarige Angelegenheit, Herr Geschke. Aber da ist wohl niemand besser gerüstet als Sie, oder?

Simon Geschke : Wie bitte?

Sie vertreiben doch inzwischen Ihren eigenen Bartbalm, der schlicht Geschke heißt. Wind und Wetter in Alpen und Pyrenäen können Ihnen nichts mehr anhaben.

Mit der Geschichte sind wir ganz zufrieden bislang. Die hat jetzt bald einjähriges Jubiläum, nach langer Planung sind wir damit vergangenes Jahr in den Verkauf gegangen.

In einem großen deutschen Drogerieladen haben wir jüngst sechs verschiedene Anbieter für Bartöle und -wachse gezählt. Geschke fehlt. Ist Deutschland noch nicht bereit für die Bartpflege vom Profi?

Bisher läuft es in Deutschland leider noch ein bisschen schleppend, aber ein Radladen in Köln wird unser Produkt wohl bald ins Sortiment aufnehmen. In Belgien verkaufen es ein paar Läden, und der Vertrieb über die Homepage funktioniert sehr gut. Wir hatten schon Bestellungen aus den USA und El Salvador, also wirklich international.

Auf der Internetseite für den Geschke Bartbalm dreht sich viel um Radsport. Bart und Radfahren werden charmant und lustig verknüpft. Vertreiben Sie ein Szeneprodukt?

So fing es an. Dahinter stehe nicht nur ich, sondern auch eine Belgierin. Sie hat dieses Produkt erfunden, da ihr Mann einen Vollbart trägt und mit den Sachen, die er kaufen konnte, nicht zufrieden war. Sie ist Apothekerin und hat etwas zusammengemischt, das fand er toll. Beide sind begeisterte Radsportfans, wie viele Leute in Belgien. Sie haben mich bei der Tour gesehen und mir dann ein paar Wochen später bei einem Rennen in Belgien eine Probe als Geschenk überreicht. Ich fand es auch sehr gut. Dadurch ist der Bezug zum Radsport da, ebenso dadurch, dass wir es unter meinem Namen verkaufen. Aber Ziel ist es, es allgemein als Bartpflegeprodukt zu etablieren. Ich fände es schön, wenn es nicht nur als Radsportsouvenir aufgenommen wird.

Kennt man Sie in Belgien so gut, dass der Balm unter Ihrem Namen verkauft wird?

Radsport ist dort sehr viel größer als bei uns. Mit meinem Namen können, glaube ich, schon viele Radsportfans etwas anfangen. Das hat sich herumgesprochen, dass das Bartpflegemittel von dem Typen mit dem Bart ist. Da gibt es ja nicht so viele im Feld.

Verfolgen Sie diese Idee als etwas, das auch nach der Karriere eine Rolle spielen kann?

Es sollte für mich nie ein zweites Standbein werden. Trotzdem wäre es schön, wenn es so gut aufgenommen wird, dass es sich dahin entwickelt. Erst einmal haben wir es mehr oder weniger aus Spaß gemacht. Mal sehen, wie es weiter geht. In jedem Fall ist es eine runde Sache, denn ich spende meinen Teil des Gewinns komplett an Organisationen, die die Radsportvereine deutschlandweit unterstützen.

Der Bartbalm ist etwas Ungewöhnliches. Dazu ernähren Sie sich vegan, was auch nicht alltäglich ist. Sind Sie ein Mann für das Außerordentliche?

So würde ich mich gar nicht bezeichnen, na vielleicht ein bisschen. Mit dem Balm die Idee fand ich einfach gut, wir haben probiert, etwas Witziges daraus zu machen. Als Sportler beschäftigt man sich auch immer viel mit Ernährung. Da bin ich auf Studien gestoßen, die sehr interessant waren. Ich habe mich informiert und wollte es mal probieren, vegan zu leben.

Professioneller Ausdauersport und vegane Ernährung, wie schwierig ist das?

Ich muss sagen, dass ich es mir schwerer vorgestellt habe. Dadurch, dass man als Leistungssportler ohnehin sehr auf seine Ernährung achtet, bin ich sehr gut versorgt. Man muss sich eigentlich nur andere Eiweißquellen suchen. Aber das ist keine Kunst. Es gibt ja nichts, was es nicht auch über pflanzliche Ernährung gibt.

Wie verlief Ihr Weg dorthin?

Wenn man sich über Massentierhaltung, über Milchproduktion und alles, was da dranhängt, informiert, bekommt man einfach eine andere Denkweise. Wie viele Medikamentenrückstände in den Tieren noch sind, wenn man sie isst. Das wollte ich alles nicht mehr so richtig mitmachen, aber auch erst einmal gucken, ob ich mich damit wohlfühle. Wenn man sich erst einmal gut genug damit beschäftigt, ist es schwierig, wieder zurückzugehen.

Man glaubt ja kaum, dass eine solche Tortur wie die Tour durchzuhalten ist ohne ein gutes Steak.

Es ist eine Umstellung, aber vom sportlichen Aspekt her war es für mich kein Rückschritt. Seit zweieinhalb Jahren mache ich das jetzt und bin seitdem schon ein paar dreiwöchige Rundfahrten gefahren. Bei uns im LKW haben wir jetzt immer Bohnen als Eiweißquelle mit dabei.

Manche Leute, die diesen Schritt vollzogen haben, sagen, sie fühlten sich besser ohne tierische Produkte. Wie ist es bei Ihnen?

Bei mir war der Übergang sehr sacht, weil ich auch vorher so gut wie keine Milchprodukte gegessen habe wegen der Laktose. Auf Kuhmilch verzichte ich schon sein zehn Jahren. Fleisch gab es nur sehr bewusst. Aber ich habe am Anfang schon einen Unterschied gemerkt, die Verdauung wurde besser. Dadurch habe ich besser geschlafen, auch weniger, nur sechs oder sieben Stunden, und war morgens sofort fit. Der Ruf der veganen Ernährung ist schlechter, als sie es tatsächlich ist. Da wird viel in Schubladen gesteckt.

Sie fahren nun wieder in Frankreich, bei der Tour. Im Vorfeld erlebten Sie eine interessante Parallele zu 2015.

Das stimmt, ja. Damals habe ich mir wie auch jetzt bei Tirreno-Adriatico das Schlüsselbein gebrochen.

Anschließend wurde 2015 Ihr erfolgreichstes Jahr mit einem Etappensieg bei der Tour. Ein gutes Omen also?

Wenn es danach geht, wird die Tour sehr gut. Aber trotzdem ist ein Schlüsselbeinbruch im März ärgerlich.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Formaufbau in den letzten Wochen?

Eigentlich sehr, ich habe ein bisschen probiert, die Handbremse quasi anzuziehen. Weil die Tour diesmal eine Woche später beginnt, wollte ich nicht zu früh in Form kommen. Was nicht so einfach ist. Denn die Tour geht bis Ende Juli, und für mich ist doch eher die zweite Hälfte interessant.

Wo genau liegt das Interesse?

Es kommt darauf an, wie wir allgemein im Team dastehen. Mein Hauptinteresse liegt natürlich wieder auf Ausreißergruppen, eigene Ergebnisse einzufahren wäre für mich wirklich ein Ziel. Aber nun haben wir mit Tom Dumoulin jemanden dabei, der in der Gesamtwertung vorn mitfahren kann. Hauptsächlich fahre ich also als Helfer für ihn. Wenn er in der zweiten Hälfte auf Podiumskurs ist, dann spielen meine eigenen Ambitionen keine Rolle mehr.

Wie überrascht sind Sie über Dumoulins Tour-Teilnahme? Da er den Giro gefahren ist, war sie ja lange nicht sicher.

Er hatte mir schon früh erzählt, dass er beides fahren will. Ich habe das schon zweimal gemacht, und ihm auch gesagt, dass es ein Spagat ist, bei beiden Rennen topfit zu sein. Andererseits ist jetzt dazwischen eine Woche länger Zeit, weil die Tour später beginnt. Er hat viel Talent, es würde mich nicht überraschen, wenn er wie beim Giro vorn dabei ist.

Wer an die Tour denkt, kommt automatisch auf die Frage, ob Seriensieger Chris Froome und Sky aufzuhalten sind. Sind sie?

Wir haben vielleicht nicht so ein starkes Team wie Sky, andererseits ist Froome auch den Giro gefahren. Es wird auch für ihn sehr schwer werden in den drei Wochen. Außerdem gibt es noch viele andere, die für den Toursieg in Frage kommen. Für uns geht es auch darum, Erfahrung zu sammeln, denn auf die Gesamtwertung sind wir bei der Tour noch nie groß gefahren. Das ist eine neue Situation. Wir wollen natürlich auch Etappen gewinnen etwa mit Michael Matthews. Wir müssen die Balance finden.

Die Salbutamol-Affäre um Froome, bei dem im vergangenen Herbst viel zu hohe Werte des Asthmamittels gemessen worden sind, ist nun offiziell beigelegt, es gibt keine Sanktionen. Was halten Sie davon?

Der Freispruch ist rechtens. Für uns Fahrer ist es schwierig, sich da einzumischen, weil wir die Hintergründe nicht kennen. Unser Job ist es, Rad zu fahren und als Erster die Ziellinie zu überqueren. Die Art und Weise, wie mit dieser Sache umgegangen worden ist, ist aber schlecht für unseren Sport.