Diplomat hätte er nie werden können. „Ich muss ehrlich sein“, das ist so ein Satz, mit dem Hans-Ullrich Wegner, den alle nur Ulli nennen in Box-Deutschland, seine ausschweifenden Kommentare gern einleitet. Und weil der 76-Jährige in diesen Tagen viele Kommentare geben muss, legt er auf ebendiese Ehrlichkeit großen Wert. „Unter diesen Bedingungen kann ich nicht weitermachen“, sagt er also auf die Frage, was denn nun werden solle, wenn sein Arbeitsvertrag mit dem in Hamburg und Berlin ansässigen Sauerland-Stall an diesem Sonnabend ausläuft. „Für Mittelmaß stehe ich nicht zur Verfügung.“

Worte sind das, die einschlagen wie die rechte Schlaghand seines langjährigen Vorzeigeschützlings Arthur Abraham. Profiboxen bei Sauerland ohne Ulli Wegner? Ohne den Mann, der mit seiner Reibeisenstimme seit 22 Jahren Anweisungen durch den Ring bellt, die ihn zum Liebling der Fans und zum „Diktator“ seiner Sportler haben werden lassen? Kaum vorstellbar. Und deshalb ist man in der Sauerland-Führungsetage auch längst noch nicht überzeugt vom endgültigen Abgang des Cheftrainers. „Mein Stand ist, dass Ulli mit Wilfried Sauerland verhandelt, wie es in Zukunft weitergeht“, sagt Geschäftsführer Frederick Ness (48).

Trotz Talenten wie Baraou vermisst er Zukunftsvisionen

Fakt ist: Mit Stallgründer Wilfried Sauerland (78), der seinen Lebensabend in Südafrika genießt, hat Wegner einst einen Vertrag auf Lebenszeit abgeschlossen. Der Patriarch, der seinen Söhnen Kalle (41) und Nisse (39) die Geschäfte übergeben hat, ist weiterhin Wegners wichtigster Ansprechpartner. Als im Vorjahr die Entlassung von Wegners Assistent Georg Bramowski drohte, schlug der Chefcoach, der auf seinen wichtigsten Helfer nicht verzichten wollte, den eigenen Abgang Ende Juni dieses Jahres vor. Man einigte sich darauf, Gespräche zu führen, wenn die Zeit gekommen wäre.

Nun, da es so weit ist, hat Wegner für sich entschieden, tatsächlich Schluss zu machen, zumindest als angestellter Chefcoach. „Zwei, drei Jahre könnte ich noch arbeiten. Aber so, wie es seit einigen Monaten läuft, gefällt es mir nicht mehr. Es gibt kein System, keine Struktur, niemand kann mir einen Plan für die kommenden Jahre aufzeigen. Aber im Leistungssport geht es nicht mit halben Sachen“, sagt er. Besonders missfalle ihm, dass es keinen festen Ansprechpartner mehr in Berlin und kaum noch Fachkompetenz in der Führungsriege gebe.

Tatsächlich hat sich Kalle Sauerland aus dem Deutschland-Geschäft des Stalls inzwischen komplett herausgezogen, seit er im vergangenen Herbst mit potenten Geschäftspartnern die weltweite Turnierserie „World Boxing Super Series“ erdachte und ins Rollen brachte. Sein Bruder, der kein Geschäftsführer, aber Gesellschafter ist, sollte die Lücke schließen. Da er jedoch in London lebt und nicht allzu gut Deutsch spricht, wird er von Wegner nicht als Partner auf Augenhöhe akzeptiert.

Freddy Ness, der zum 1. Juli die Geschäftsführung verlässt, seine Aufgaben aber vollumfänglich als Freiberufler weiterführen will, kann Wegners Vorwürfe nicht nachvollziehen. „Ulli spricht regelmäßig mit Wilfried Sauerland, so wie er es immer getan hat. Dass es bei uns keine Struktur und keinen Plan für die Zukunft gäbe, halte ich für Unsinn“, sagt er. Dass es „Umstrukturierungsmaßnahmen auf Verwaltungsebene“ gab – also Entlassungen – und man Mitarbeiter aufgrund von längeren Krankheitsausfällen habe ersetzen müssen, stimme. „Wir wollen das Personal wieder aufstocken. Aber die Abläufe stimmen, die Events sind ordentlich“, sagt er.

Dem deutschen Boxen geht es seit den Ausstiegen der öffentlich-rechtlichen Sender seit einigen Jahren nicht gut. Sauerland arbeitet derzeit mit dem Spartensender Sport1 zusammen und hat aktuell zehn deutsche Talente unter Vertrag. Dazu kommen Supermittelgewichtsweltmeister Tyron Zeuge, mit dem es dieser Tage allerdings rechtliche Probleme (und damit Trennungstendenzen) gibt, und Altmeister Abraham. Wegner und Bramowski sind als Trainer angestellt.

Auf Abrahams Kapriolen hat der 76-Jährige keine Lust

„Wir haben die besten jungen Boxer unter Vertrag und Geduld mit ihnen. Es bringt nichts, immer von der Vergangenheit zu reden, wir müssen das Beste aus der Gegenwart machen“, sagt Ness. Das Trainingsgym in Berlin bleibe erhalten, so wie es Wegner gefordert hatte, zudem habe man dem Chefcoach zuletzt eine Reihe an neuen Talenten zugeführt. „Wir vertrauen Ulli und wollen mit ihm weitermachen“, sagt Ness. Tatsächlich betreut Wegner mit Schwergewichtler Albon Pervizaj (22) und Weltergewichtler Abass Baraou (23) zwei Hoffnungsträger. „Ich wünsche mir, dass Herr Wegner weitermacht. Wenn nicht, bleibt er trotzdem eine wichtige Bezugsperson“, sagte Pervizaj. Das würde Wegner tatsächlich gern bleiben. „Ich will keinen der Jungs im Stich lassen. Aber wenn ich aufhöre, dann übernimmt Bramowski meine Arbeit“, sagt er. Nur dem bulgarischen Schwergewichtler Kubrat Pulev (37) habe er versprochen, ihn weiterhin zu betreuen. Auf Abrahams Launen dagegen habe er keine Lust mehr. „Er sollte sich einen neuen Trainer suchen, wenn er es wirklich noch einmal wissen will.“

Am Ende des Gesprächs sagt Ulli Wegner noch einen Satz, der ihm wichtig ist. „Trainer zu sein ist mein Leben, und man soll niemals nie sagen, aber so, wie es jetzt läuft, geht es nicht mehr.“ Ob das ein Ultimatum ist oder eine unumstößliche Entscheidung, werden die nächsten Wochen zeigen.