DFB-Pokalendspiel

Fredi Bobic: „Das Finale hat eine eigene Magie“

Fredi Bobic über die Chancen als Außenseiter gegen den FC Bayern und die gesunde Streitkultur, die er mit Trainer Niko Kovac pflegt

Fredi Bobic, Vorstand Sport bei Eintracht Frankfurt, freut sich auf das Endspiel um den DFB-Pokal gegen Bayern München,

Fredi Bobic, Vorstand Sport bei Eintracht Frankfurt, freut sich auf das Endspiel um den DFB-Pokal gegen Bayern München,

Foto: Frank Lehmann

Berlin.  Vor dem DFB-Pokalfinale zwischen Bayern München und Eintracht Frankfurt am Sonnabend (20 Uhr, Olympiastadion) stattete Fredi Bobic (48), Vorstand Sport in Frankfurt, der Berliner Morgenpost einen Besuch ab. Bobic sprach über die nationale Dominanz des Rekord­meisters, über das erste Finale für Kevin Boateng und die ­Stadion-Diskussion in Berlin.

Wieviel ­Verständnis hat der ehemalige Nationalstürmer Fredi Bobic für den Rücktritt von Sandro Wagner aus der National­mannschaft?

Fredi Bobic Ich halte Sandro Wagner für einen sehr guten Stürmer, der eine starke zweite Hälfte seiner Karriere hinlegt. Sandro hat drei gute Saisons gehabt. Ich verstehe die Enttäuschung. Aber ich hätte Sandro gewünscht, dass er noch ein paar Tage drüber geschlafen hätte, ehe er sich äußert. Ich finde die Rektion zu schnell. Ich finde es nachvollziehbar, dass Joachim Löw Mario Gomez mitnimmt. Klar sind solche Entscheidungen für den Spieler hart. Aber mit 30 Jahren hätte Sandro noch einige Länderspiele spielen und das eine oder andere Turnier mitnehmen können. Deshalb verstehe ich nicht, dass er sagt: Ich spiele nie wieder für Deutschland.

Was traust Sie der deutschen Mannschaft bei der WM in Russland zu?

Als Weltmeister ist es das Ziel, den Titel zu verteidigen. Joachim Löw hat so viel Erfahrung, der Kader ist stark - das Halbfinale ist immer drin. Für den ganz großen Wurf braucht es bei so einem Turnier immer auch ein Quäntchen Glück.

Unmittelbar vor dem Pokalfinale Bayern gegen Frankfurt hat die Eintracht als Trainer für die neue Saison den Österreicher Adi Hütter bekanntgegeben. Konnte Frankfurt somit von den vier Wochen Zeitvorsprung profitieren, die der FC Bayern der Eintracht verschafft hat, indem der Wechsel von Niko Kovac zum Rekordmeister bereits im April bekannt wurde?

Als Verein ist ein Trainer-Scouting ein fortlaufender Prozess, auch, wenn man einen Trainer hat. Wer ist auf dem Markt, wie ist der Weg, wer fällt einem auf? Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man die Informationen braucht. Adi Hütter hatten wir schon lange im Auge. Er war in Österreich Meister mit Red Bull Salzburg, mit den Young Boys Bern in der Schweiz. Das wichtigste war der sehr gute Eindruck, den wir von Adi Hutter im persönlichen Gespräch gewonnen haben.

Beim Pokalfinale kreuzen sich Ihre Wege mit Uli Hoeneß: Wie muss man sich die Atmosphäre vorstellen, nachdem Sie den Bayern schlechten Stil vorgeworfen hatten. Und nachdem Uli Hoeneß geantwortet hatte: „Wir haben mit unserer Kritik Fredi Bobic zur Räson gebracht“

Wir begegnen uns, etwa beim offiziellen Bankett am heutigen Freitag. Für mich ist der Vorgang abgeschlossen. Ich habe als Vertreter von Eintracht Frankfurt einige Dinge klargestellt. Die Reaktion von den Bayern kam, die Gegenreaktion auch. Für mich ist das erledigt.

Sie werden vor Ihrer scharfen Kritik am Bayern-Vorgehen in der Kovac-Frage die Folgen der Kritik überdacht haben.

Das einzige, was ich nicht verstanden habe, waren die persönlichen Angriffe gegen mich. Ich habe bei den Bayern niemanden persönlich angegriffen, sondern das Vorgehen kritisiert. Das sollte man immer trennen. Auf die persönlichen Angriffe bin ich nicht eingegangen, weil der Fußballfan selbst sehr gut einzuordnen weiß, was da los gewesen ist. Mir ging es darum, meinen Klub, Eintracht Frankfurt, zu schützen.

Bundestrainer Joachim Löw, von Amts wegen zur Neutralität verpflichtet, sagte über das Pokalfinale, dass die Bayern es „sehr wahrscheinlich gewinnen werden“. Wurmt das?

Nein. Es ist doch normal, dass jeder, der sich im Fußball auskennt, sagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bayern das Finale gewinnen, ist sehr hoch. Wir wissen, dass wir der Underdog sind. Das waren wir letztes Jahr auch. Und haben bis zur letzten Sekunde Borussia Dortmund einen heroischen Kampf geliefert. Warum soll es uns dieses Jahr nicht gelingen, die entscheidenden Momente auf unserer Seite zu haben?

Faszination Pokalfinale: Hertha versucht seit 33 Jahren vergeblich das Endspiel zu erreichen. Frankfurt ist zum zweiten Mal binnen zwölf Monaten dabei: Drei Pokal-Tipps, an denen sich Hertha orientieren kann.

Klar, die würde Michael Preetz [Manager von Hertha BSC] gerne wissen (lacht). Du musst eine brutale Gier haben und zwar von der ersten Runde an. Jede Runde ist als ein Finale zu sehen. Egal, ob es gegen einen vermeintlich kleinen wie Schweinfurt oder einen großen Gegner wie Schalke geht. Auch hier brauchst du das Quäntchen Glück. Hertha hat ja gefühlt ewige Jahre kein Pokal-Heimspiel gehabt. Wenn du auswärts zu einem großen Bundesligisten gelost wirst, dann scheidest du auch mal aus. Ich habe bei unserer Mannschaft in diesem Jahr unheimlich stark die Gier gespürt. Weil alle, die letztes Jahr dabei waren, unbedingt wieder ins Olympiastadion wollten.

Was macht das Pokalfinale speziell?

Das Pokalfinale passt in dieses tolle Olympiastadion. Es ist der emotionale Höhepunkt der Saison, die Atmosphäre, 20.000 Zuschauer aus jedem Fan-Lager, was in Berlin drum herum passiert, die internationale Aufmerksamkeit. Ich glaube, das Finale wird dieses Jahr in 150 Länder übertragen. Das ist für jeden Spieler und sein Image, aber auch für den Klub eine Riesensache. Das Finale hat eine eigene Magie.

Kevin Boateng spielt sein erstes Pokalfinale.

Kevin ist wichtig für unsere Mannschaft. Er muss nicht immer der beste Spieler auf dem Platz sein, aber er hat die Persönlichkeit, die Mannschaft in die richtige Richtung zu führen. Er ist integriert und respektiert. Ich glaube so eine Akzeptanz wie bei uns, hat Kevin in Deutschland noch nie erlebt. Für ihn wird es ein sehr emotionales Spiel. Er steht zum ersten Mal im Pokalfinale und dann noch in seiner Geburtsstadt.

Der Vertrag von Kevin Boateng in Frankfurt läuft bis 2021. Trotzdem gab es Äußerungen, dass er sich erstmal auf diese Saison konzentrieren will. Kann es sein, dass das Pokalfinale das letzte Spiel für Kevin Boateng im Eintracht-Trikot ist?

Wir gehen nicht davon aus, dass er sich verändern möchte. Aber Kevin und ich haben uns im vergangenen Sommer lange unterhalten. Ich habe ihm gesagt: Kevin, wenn du zu uns kommst, und nicht mehr glücklich bist, sag‘ mir Bescheid, dann reden wir darüber. Ich will Kevin nicht gehen lassen. Er fühlt sich mit seiner Familie wohl in Frankfurt. Ich bin der festen Überzeugung, dass Kevin auch kommende Saison und die danach für die Eintracht spielen wird.

Beide Trainer stehen im Fokus. Es ist das letzte Spiel für Bayern-Trainer Jupp Heynckes. Es wird das letzte Spiel für Niko Kovac als Trainer in Frankfurt, der in München Heynckes beerben wird. Wie sehr hat sich das Verhältnis Bobic/Kovac verändert durch die ­Ereignisse im April?

Jeder fragt mich jetzt, was kaputtgegangen ist zwischen Niko Kovac und mir. Das Verhältnis ist absolut in Ordnung. Wir kennen und schätzen uns. Wir haben sehr offene Worte, wenn wir diskutieren, auch wegen des Wechsels. Es gab da von beiden Seiten klare Meinungen. Aber das besprechen wir intern. Da steht aber nichts Persönliches zwischen uns. Wir beide wissen, wie Fußball funktioniert. Ja, es gibt Situationen, die für den einen oder anderen Beteiligten nicht so schön sind. Wir haben da eine gesunde Streitkultur.

Trotzdem hat der Manager geahnt: Wird so ein brisante Personalie öffentlich, dass der Trainer zum FC Bayern wechselt, kann das Eintracht Frankfurt, die nach 29 Spieltagen auf Rang fünf lag, um die Früchte der ganzen Saison bringen. Resultat: Vier Niederlagen in den letzten fünf Liga-Spielen.

Natürlich war mir das klar. Deshalb habe ich das öffentlich angesprochen: Das Problem war weniger, dass Niko Kovac uns verlässt, sondern der Zeitpunkt der Veröffentlichung. Das hat mir nicht gefallen. Wir hatten schwere Gegner, gegen Leverkusen, Bayern und Schalke kannst Du verlieren. Das einzige, was wir nicht erwartet hatten, war das 0:3 gegen Hertha.

Einspruch. Diese Aussage hätten die Morgenpost-Leser gern erklärt.

Da wurde ein Elfmeter verschenkt, wir bekommen drei Schüsse auf unser Tor und verlieren 0:3, wo wir längst den Sieg hätten klar machen müssen. Das Ergebnis ist dann der Grund, ob du in der Liga Siebter oder Achter wirst.

Das Pokalfinale wird mit Videobeweis gespielt. Macht der Videobeweis den Fußball gerechter?

Ich war ein großer Befürworter des Videobeweises und bin es eigentlich immer noch, aber meine Einschätzung schwankt je nach Gefühlslage. Das erste Halbjahr war eine Katastrophe. Es gab ein großes Durcheinander. Zur Rückrunde war es zwei, drei Monate herrlich. Man hatte das Gefühl, der Schiedsrichter ist der Chef auf dem Platz. Die letzten sechs, sieben Wochen hat es nochmal eine Wendung zum Negativen genommen. Mit engen Abseitsentscheidungen, ich hätte zum Beispiel das Tor, das der HSV gegen uns erzielt hat, nicht zurückgepfiffen.

Ein großes Problem war, dass die Zuschauer im Stadion nicht wissen, warum was entschieden wird.

Wir Manager haben darauf gedrungen, dass zur nächsten Saison die Information für die Zuschauer im Stadion kommt: Was ist los. Aus technischen Gründen kann man in der Kürze der Zeit keinen Videoclip einspielen. Aber die Schiedsrichter werden entweder über einen Call mit dem Stadionmikrofon informieren. Oder es wird auf der Videoleinwand eingespielt: Tor oder kein Tor wegen Abseits oder wie auch immer.

Im Fall des Pokalsieges startet Frankfurt in der Europa League. Mit Blick auf Auswirkungen der Doppelbelastung in dieser Saison beim 1. FC Köln: Wird dem Manager etwas blümerant zumute?

Das Beispiel vom Abstieg des 1. FC Köln sollte uns Traditionsvereine, die wir immer große Träume haben, etwas erden. Der Bundesliga-Klassenerhalt ist kein Selbstläufer. Aber eines ist auch klar: Sind wir in Europa dabei, werden wir mit voller Kapelle spielen. Das kann ich jetzt schon garantieren. Europa würde ich nie abschenken. Internationale Spiele sind nicht nur für den Verein und für die Fans schön. Die sind wichtig für die Reputation, aber auch für die Spieler, um sich weiterzuentwickeln.

Schadet die Bayern-Dominanz dem deutschen Fußball?

Das ist in der Spitze nicht gut. Man kann jetzt kritisieren: Die Dortmunder oder die Leipziger oder die Hoffenheimer, die müssten doch … nein, die machen auf ihre Art alle einen guten Job. Das Problem ist – ohne das den Bayern zum Vorwurf zu machen -, dass die Bayern über die Jahre der Konkurrenz so weit weggezogen sind, dass sie in der Lage sind, zumindest in Deutschland alle Topspieler zu bekommen. Die Leistung von Hoffenheim, Dritter zu werden, ist gar nicht hoch genug anzuerkennen vor dem Hintergrund, dass die Bayern ihnen drei deutsche Nationalspieler weggeholt haben. Trotzdem wird Hoffenheim nie ein Bayern-Jäger werden. Die einzigen, die die Bayern ins Wanken bringen können, sind vielleicht die Dortmunder, wenn sie alles richtig machen und Toptransfers tätigenhaben. Ich verstehe die Sorge von DFL-Chef Christian Seifert, dass wir es bald erleben, dass die Bayern zehn Mal in Folge Meister werden. Das ist nicht gut für die Liga. Aber wir haben eine interessante Liga in der Breite. Von Platz zwei bis 18 haben wir einen extrem spannenden Wettbewerb.

Niko Kovac hat von einer Ausstiegsklausel Gebrauch gemacht. Was ist das Learning für den Vorstand Sport bei der Gestaltung von Verträgen: Künftig nur noch ohne Klauseln?

Ob ein Trainer Ausstiegsklauseln hat oder nicht: Wenn er gehen möchte, geht er. In dieser Saison haben wir erlebt: Auch Spieler gehen, selbst, wenn sie keine Klauseln haben, da können die Dortmunder ein Liedchen von singen. Eigentlich ist es egal. Weil wir nicht Manchester United sind, die die Preise diktieren können. Wir müssen das eine oder andere machen. Auch wir, Eintracht Frankfurt, bekommen Spieler durch Ausstiegsklauseln. Das ist heutzutage in den Verträgen Normalität. Ob mit oder ohne Klausel: Wie sollen wir, Eintracht Frankfurt, Niko Kovac halten, wenn er sagt, er will zu Bayern München.

Es war zu lesen, dass Eintracht Frankfurt Interesse an Innenverteidiger Jordan Torunarigha von Hertha hat.

Die Diskussion gibt es ja länger. Wir kennen den Jungen, der Junge ist spannend. Ich habe das mal mit Michael Preetz besprochen. Hertha will ihn nicht abgeben, damit ist die Sache für mich erledigt.

In Berlin wird gerade intensiv das Stadion-Thema diskutiert.

Als ehemaliger Herthaner habe ich dazu eine klare Meinung. Ich liebe das Olympiastadion. Wenn es voll ist, hat es einen eigenen Geist, eine eigene Stimmung. Aber für Hertha wäre eine Arena in kleinerer, feinerer Atmosphäre die bessere Lösung. Ich fände es toll, wenn die Verantwortlichen von Hertha es mit der Stadt, mit dem Senat zusammen hinbekommen, im Olympiapark noch ein Fußballstadion zu bauen. Das würde Hertha richtig gut tun, auch den Fans.