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BMX-Profi Tünte will zu Olympia

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Philip Häfner
Hohe Kunst des Berliner BMX-Fahrers Daniel Tünte im Mellowpark. Und des Fotografen

Hohe Kunst des Berliner BMX-Fahrers Daniel Tünte im Mellowpark. Und des Fotografen

Foto: Moritz Nussbaumer / BM

Daniel Tünte fliegt mit seinem BMX-Fahrrad meterhoch durch die Luft. Für seinen Traum nimmt er auch schwere Stürze in Kauf.

Berlin.  Wochenlang hatte Daniel Tünte seinen Eltern in den Ohren gelegen. Er wollte so gern auch sein eigenes BMX-Fahrrad haben, genau wie die Jugendlichen, denen er vom Fenster aus dabei zuschaute, wie sie auf dem Schulhof nebenan ihre Tricks vorführten. Seine Eltern lehnten ab, sie hielten ihn noch für zu klein für solche Dinge. Also nahm er kurzerhand sein 16-Zoll-Kinderfahrrad und bewältigte eben damit den Parcours, den die Nachbarsjungen auf dem Schulgrundstück errichtet hatten. Fortan fuhr er fast jeden Tag über die Sandhügel, bis eines Tages der Rahmen seines Kinderrades den Belastungen nicht mehr standhielt und brach. Wieder bettelte Tünte bei seinen Eltern, sie mögen ihm doch endlich ein BMX-Rad besorgen.

BMX-Freestyle wird olympisch

Diesmal wurde er erhört. Inzwischen hatten auch sie begriffen, dass ihr Sohn es mit seiner BMX-Begeisterung wirklich ernst meint. Mittlerweile ist Daniel Tünte Profi und kann von seinem Sport leben. Mehrere Sponsoren unterstützen den 26-Jährigen. Sein großes Ziel ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio, wo BMX-Freestyle erstmals zum olympischen Programm gehören wird.

Für diesen Traum hat Tünte seine Prioritäten neu geordnet. Bis vor einem Jahr war er noch hauptsächlich in der Disziplin Street angetreten, bei der auf allem herumgefahren wird, was man auf der Straße findet. Das können Treppen sein, Geländer oder Bordsteinkanten, ja sogar Hauswände. Erst im vergangenen Sommer hatte Tünte seinen Ruf als Straßenkünstler untermauert, als er bei der „Simple Session“ in Estlands Hauptstadt Tallinn Vierter wurde, einem der größten Wettbewerbe weltweit. Die Videos, in denen er seine Tricks zeigte, wurden im Internet tausendfach geklickt. Trotzdem zog es ihn im Herbst 2017 weg von der Straße und hin zum Skatepark. Denn nur diese Disziplin wird in Tokio ausgetragen.

„Am Anfang war ich mir nicht sicher gewesen, ob ich das wirklich machen will. Aber dann habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir auch der Skatepark bereitet“, sagt der Neuköllner. Mit Anfang 20 war er zuletzt in dieser Disziplin angetreten, doch schnell zeigte sich, dass er offenbar nichts verlernt hatte. Schon bald feierte er auch auf dem Parcours erste Erfolge: Im Weltcup schaffte er es seitdem zweimal unter die besten 25 Fahrer. Zudem startete er im vergangenen Herbst auch bei den Weltmeisterschaften in China.

Es sieht spektakulär aus, wenn Daniel Tünte mit seinem Fahrrad meterhoch durch die Luft fliegt – teils kopfüber und ohne dabei die Hände am Lenker zu haben. Die schönsten Momente seien die, wenn man einen Trick derart ausreizt, dass es so aussieht, als ob man ihn mehr nicht schaffen würde, es dann aber doch noch gerade so hinbekommt. „Das gibt mir den größten Kick“, meint er. Eine gehörige Portion Mut und eine Prise Wahnsinn braucht es schon, um in dieser Sportart erfolgreich zu sein. Stürze gehören dazu, daher ist das Tragen eines Helmes eigentlich Pflicht. Als er noch jünger war, wagte sich Tünte dennoch einmal ohne Kopfschutz in den Parcours.

„Ich hatte vorher eine Pause gemacht und es danach einfach vergessen, ihn wieder aufzusetzen“, sagt er. Prompt fiel er auf den Hinterkopf und blieb bewusstlos liegen. Tünte hatte Schaum vor dem Mund, seine Augen waren seltsam verdreht. Später erfuhr er, dass er sich bei dem Sturz eine starke Gehirnerschütterung zugezogen hatte, die einen epileptischen Anfall auslöste. Trotzdem saß er nur eine Woche später schon wieder im Sattel.

Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen lässt sich Daniel Tünte nicht aufhalten. Es ist ihm auch egal, dass es unter den BMX-Fahrern nicht wenige gibt, die die olympische Premiere ihrer Sportart eher kritisch sehen, weil dadurch angeblich der ursprüngliche Charakter verloren gehe. „Sie befürchten, dass es dann eben nicht mehr Freestyle ist“, sagt Tünte. „Aber wer das nicht will, der muss es ja nicht mitmachen, sondern kann auch künftig an denselben Contests teilnehmen wie bisher.“ Natürlich weiß er auch, dass es für Tokio nur neun Startplätze gibt und die Qualifikation deshalb nicht leicht wird. Aber immerhin findet er in Berlin nahezu optimale Bedingungen vor.

Start beim Weltcup wichtiger als „Highway to Hill“

Die Anlage im Mellowpark in Köpenick ist schon jetzt eine der besten in Deutschland und wird durch den geplanten Bau des neuen BMX-Superparks in diesem Jahr zusätzlich aufgewertet. Bundestrainer Tobias Wicke ist ebenfalls in Berlin tätig; zudem fungiert Jens Werner, der Projektleiter des Mellowparks, als BMX-Freestyle-Koordinator im Bund Deutscher Radfahrer. „Daniel ist eines unserer Aushängeschilder“, meint Werner. Beim „Highway to Hill“-Festival am kommenden Wochenende, einem der größten Wettkämpfe hierzulande, muss der Lokalmatador allerdings passen.

Zeitgleich findet in Montpellier in Frankreich nämlich ein Weltcup statt, der für Tünte und die anderen Mitglieder des Nationalteams Priorität hat. „Es ist sehr wichtig, dass wir uns regelmäßig mit den besten Fahrern der Welt messen. Nur so erfahren wir, woran wir noch arbeiten müssen“, sagt er. Ein bisschen erinnert das an die Episode aus seiner Kindheit. Denn schon damals hat er ja irgendwann aufgehört, die Größeren einfach nur zu bewundern, sondern es ihnen lieber erfolgreich nachgemacht.