Im Heck des Haas-Rennwagens vom Typ VF-18 steckt ein Ferrari-Triebwerk. Das ist stark und für gewöhnlich zuverlässig. Doch der wahre Antrieb für das jüngste aller Formel-1-Teams ist die Scham nach der Schande von Melbourne. Dem Außenseiter-Rennstall war es beim Saisonauftakt gelungen, die drei favorisierten Rennwagen von Mercedes, Ferrari und Red Bull Racing vor sich herzutreiben, und zwar im Wortsinn. Das neue Rennjahr hatte seine erste Sensation.
Aber eben nur so lange, bis es zum Reifenwechsel kam. Sowohl Kevin Magnussen als auch Romain Grosjean wurden von der Boxenmannschaft mit nicht richtig montierten Rädern losgeschickt und mussten aus dem Rennen genommen werden. Dafür gab es Geldstrafen, die aber zu verkraften sind – der Verlust der Punkte schmerzt mehr. Der Große Preis von Bahrain an diesem Wochenende gibt nun die Chance zur Wiedergutmachung. Eifrig wurden Boxenstopps geübt, und auch Aufgaben unter den Mechanikern neu aufgeteilt. Die Frage ist nur: Wie gut sind die Nerven, wenn es im Rennen an die Box geht?
Rennstallgründer Gene Haas kommt aus der Präzisionsmaschinenindustrie, da sind klemmende Radmuttern eigentlich nicht vorgesehen. „Aber das ist eben Racing“, sagt Teamchef Günther Steiner, ein Realo aus Südtirol, der die Härte des Renngeschäfts auch in das Stakkato seiner Worte übernommen hat: „Wir haben über den Winter einfach zu viel Arbeit in die Autokonstruktion stecken müssen, und wir haben zu wenig Boxenstopps trainiert.“ Deshalb wird das Ganze jetzt strategisch angegangen: Fehler erkannt, Ursache analysiert, Maßnahmen geändert und zusätzliche Übungsstunden angesetzt. Dass im System Haas prinzipiell alles in Ordnung ist, zeigen die Gesten direkt im Albert Park: Sowohl Grosjean als auch Magnussen, obwohl der vielleicht größten Chancen ihrer Karrieren beraubt, sind schnurstracks hinter die Garagen marschiert, wo die untröstlichen Mechaniker saßen, und haben die Männer getröstet.
Kundendaten helfen der Scuderia bei Entwicklung
„Ich scheide lieber als Fünfter aus, als auf Platz 15 ins Ziel zu kommen“, sagt Grosjean. „Im Rennsport geht es auch um die Menschen“, referiert Steiner, „und wir können trotzdem stolz darauf sein, was wir geleistet haben. Ein gutes Resultat in Bahrain – und Melbourne ist vergessen.“
Aber es ist nicht so, dass Haas nur sich selbst jagt. In der Formel Neid gibt es auch einige etablierte Rennställe, die dem US-Unternehmer an den Kragen wollen. Denn Gene Haas, der Selfmade-Milliardär, betreibt sein Team so wie seine anderen Firmen: mit höchster Effizienz. Weshalb er mit seinen gut 200 Mann im Rennstall auch nur ein Bruchteil des branchenüblichen Personalbudgets ausschöpft: Die Top-Teams haben über 1000 Mitarbeiter, der Mittelstand von 400 an aufwärts. Weshalb er früh eine Liason mit Ferrari eingegangen ist, und nicht nur die Motoren leiht, sondern auch das Know-how und manche Teile. Sofern es das Reglement erlaubt. Denn eigentlich will die Formel 1 keine Semi-Werksteams haben – aus Gründen der Konkurrenz und der Unabhängigkeit. Schon macht Häme die Runde. Gegner McLaren spricht nur noch von „Faas“, Fernando Alonso von einem „Replica-Ferrari“. Das klingt doch sehr nach Hass auf Haas.
Dennoch ist der Vorwurf vom rasenden Copy-Shop ein Modell, in dem die Formel-1-Macher und –vermarkter die Zukunft ihrer Branche erkennen, zumindest ein bisschen. Die zum Teil absurd hohen Kosten für Aerodynamik und andere Entwicklungen können durch solche Leasingmodelle am schnellsten in den Griff bekommen werden. Da die Formel 1 aber auch ein Haifischbecken ist, mahnen die Übernahmegegner vor Szenarien, in denen solch abhängige Teams dann auch auf der Rennstrecke irgendwann nach der Pfeife des Lieferanten tanzen und Schützenhilfe leisten müssten. Die Sorge hatte man bei Red Bull und dem Talentschuppen Toro Rosso auch, sie hat sich aber – außer bei Abstimmungen in Teamsitzungen – nicht bestätigt. Und auch das Sauber-Team, das nach Willen des Fiat-Chefs Sergio Marchionne unter der Nennung Alfa Romeo antritt, wird dort kaum gegen seinen Leasinggeber Ferrari argumentieren, obwohl sich die Schweizer gerade auf ihren Status als unabhängiger Rennwagen-Konstrukteur viel einbilden.
Zudem ist das Hauptunterscheidungsmerkmal der modernen Formel 1 die Aerodynamik, und bei dieser sind die Rennwagen von Ferrari und Haas in einigen Punkten höchst unterschiedlich. Was natürlich nicht ausschließt, dass die Daten vom Kundenrennstall an das Werksteam weitergegeben werden, womit Sebastian Vettels Team die doppelte Entwicklungsgeschwindigkeit im Kampf gegen Mercedes hätte, das mit Force India und Williams nur ein reines Motorenleasing betreibt. Es wäre also ein echtes Geschäft auf Gegenseitigkeit.


