Schach-Superhirn

Der Mann, der für Großmeister Fabiano Caruana vorausdenkt

Der Amerikaner Fabiano Caruana darf auch wegen seines ungewöhnlichen Sekundanten auf den Sieg beim Kandidatenturnier in Berlin hoffen.

Warum so nachdenklich? Fabiano Caruana liegt in Berlin in Führung

Warum so nachdenklich? Fabiano Caruana liegt in Berlin in Führung

Foto: Sebastian Reuter / Getty Images for World Chess

Berlin.  Rustam Kasimdschanow gilt als weltbester Schachsekundant. Diesen Ruf verdankt er der Schach-WM 2008, in Bonn tüftelte der usbekische Großmeister für Vishy Anand jene Eröffnungszüge aus, mit denen der Inder seinen Titel gegen Wladimir Kramnik verteidigte, weil der Russe geradewegs in Kasimdschanows Varianten lief.

Dreimal Weltmeister mit Viswanathan Anand

Anands Angebot kam damals überraschend. Mit 28 Jahren war er ja im besten Spieleralter. Mit 18 war er erstmals in der Schachbundesliga aufgefallen. Ein paar Jahre später übersiedelte er von Taschkent erst nach Solingen, dann nach Ruppichteroth bei Siegburg. Dort lebt er mit Frau und zwei Söhnen, wenn er nicht gerade mit Fabiano Caruana (25) unterwegs ist.

Nach drei gewonnenen Weltmeisterschaften mit Anand trainierte Kasimdschanow kurzzeitig die deutsche Nationalmannschaft, als diese 2011 als Außenseiter Europameister wurde. Im Kandidatenturnier 2014 sekundierte er Sergei Karjakin. Seit gut drei Jahren ist er Caruanas Trainer.

Andere Spieler wechseln Sekundanten und Trainingspartner häufig, um Neues zu lernen. Caruana hat lieber einen Vertrauten, auf den er sich verlassen kann. Abgesehen von Partien für seinen Bundesligaverein Baden-Baden arbeitet Kasimdschanow exklusiv für den Amerikaner. Der führt beim Kandidatenturnier mit sechs Punkten aus neun Partien. Am Donnerstag steht im Kühlhaus die womöglich vorentscheidende Begegnung mit dem Aserbaidschaner Schachrijar Mamedscharow an. „Unsere Arbeit bleibt großteils ungesehen“, erklärt Kasimdschanow.

Gemeinsam Yoga und ins Kino

Ständig müsse er das Repertoire seines Spielers auf aktuellem Stand halten. Eine Variante einer Eröffnung umfasse gut 10.000 Züge. Mal hundert Varianten, die in Caruanas Repertoire eine Rolle spielen, kommt man auf eine Million Züge, die sein Spieler im Kopf haben muss. „Die Vorbereitung wird immer schwieriger, weil die Menge des Wissens nur wächst.“ Fast täglich klicke sich Caruana am Computer durch endlose Zugfolgen.

Zusammen machen sie Yoga, gehen joggen, schwimmen oder auch ins Kino. „Ich bin kein Psychologe. Ich spreche Fabiano auch nicht auf Fehler an. Nur wenn ich denke, dass ihm etwas nicht aufgefallen ist.“ In der Sowjetunion sozialisierte Trainer übten oft Druck aus, „als ob der Spieler ihnen schulde, fehlerfrei zu spielen. Da ich selbst Spieler bin, weiß ich, wie schwer Schach ist“.

Höher als etwa Weltranglistenplatz 30 hat Kasimdschanow selbst es nie gebracht. Fehler am Brett brachten ihn ins Grübeln. „Fast alle Topspieler sind gut darin, mit einer Partie schnell abzuschließen. Fabiano kann das viel besser, als mir das je gelungen ist. Das Hollywood-Image vom emotional anfälligen Schachgenie trifft überhaupt nicht zu.“

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