Berliner Champions

Wenn das Banale zum Problem wird

Lisa Jahn ist eine von wenigen Frauen, die den Umstieg vom Kajak zum Canadier gewagt hat. Das war eine große Herausforderung.

Kanutin Lisa Jahn am Landesleistungszentrum in Grünau.

Kanutin Lisa Jahn am Landesleistungszentrum in Grünau.

Foto: Amin Akhtar

Berlin.  Die Aufgabe klang simpel: Als Lisa Jahn vor 18 Monaten das erste Mal in einem Canadier saß, sollte sie einfach 60 Minuten lang auf dem Wasser sein und dabei so lange wie möglich im Boot bleiben. „Ich habe zehn Minuten geschafft“, erinnert sie sich. „Und ich bin immer nur Kreise gefahren, denn steuern konnte ich ja noch nicht.“

Der Canadier gilt als die anspruchsvollere der beiden Kanuklassen; das Boot ist deutlich schmaler als ein Kajak und entsprechend schwer in Balance zu halten. Es gibt auch kein Ruder – gesteuert wird durch ein Eindrehen des Ruderblattes am Ende des Schlags, den sogenannten Steuerschlag. „Das Geradeausfahren, eigentlich ja das Banalste der Welt, ist beim Canadier deshalb mit das Schwierigste“, erzählt Lisa Jahn.

Bei Olympia 2020 in Tokio sind die Frauen zum ersten Mal am Start

Bis dahin hatte sie lediglich im Kajak gesessen. Zwar hatten ihr Trainer Lars Kober und sie schon 2011 kurz mit dem Gedanken gespielt, in den Canadier zu wechseln, weil ihre Leistungen damals stagnierten, doch die Idee wurde wieder verworfen. Weil Jahn auch im Kajak Erfolge feierte, unter anderem als U23-Weltmeisterin 2015 im Viererkajak. Und weil sie sich mit dem Gedanken auch nicht so recht anfreunden konnte. „Der Frauen-Canadier hatte den schlechten Ruf, dass es dort all diejenigen probieren, die im Kajak gescheitert sind“, erklärt Jahn.

Bis 2010 war der Canadier in Europa den Männern vorbehalten gewesen. Es hieß, dass die einseitige Belastung beim Paddeln einen Beckenschiefstand verursachen könnte, so dass die Frauen keine Kinder mehr bekommen können. Als sie dann endlich mitmachen durften, lästerten viele über technische Unzulänglichkeiten. Szenen wie bei der WM 2011, als es gleich mehrere Fahrerinnen minutenlang nicht schafften, sich in den Startschuh einzusortieren, taten ihr Übriges. Auch Lisa Jahn hat schon so manchen Spruch abbekommen. „Ich nehme das als Ansporn, um allen zu beweisen, dass Frauen sehr wohl auch Canadier fahren können“, sagt sie.

Nach Unstimmigkeiten mit dem Bundestrainer, der trotz ihrer guten Leistungen im Kajak auf andere Athletinnen setzte, hatte sie 2016 schließlich doch das Boot gewechselt. Im Canadier wollte sie sich ihren Traum von Olympia erfüllen. 2020 in Tokio kommen die Frauen erstmals zu olympischen Ehren, neu im Programm sind dann der C1 über 200 Meter und der C2 über 500 Meter. Dafür wurden zwei Männerstrecken gestrichen.

Verband arbeitet daraufhin, an die Weltspitze anzuschließen

Doch aller Anfang war schwer. Die Sportlerin vom Köpenicker SC war Dauergast beim Physiotherapeuten, weil auf einmal ganz andere Muskelgruppen beansprucht wurden. Zudem hatte sie Schmerzen im Knie, weil sie im Boot ständig darauf kniete. „Die Jungs haben gesagt: Irgendwann wird das taub, dann spürt man es gar nicht mehr.“ Ihr erster Wettkampf war gleich die nationale Qualifikation. Bei schwierigen Windbedingungen landete sie weit abgeschlagen am Ende des Feldes. „Als ich vom Wettkampf nach Hause fuhr, war mir das einfach nur peinlich. Ich habe gedacht, wie bescheuert ich sein muss, etwas aufzugeben, was ich zwölf Jahre lang perfektioniert hatte, nur um jetzt mit 22 noch einmal etwas ganz Neues zu machen.“ Als sie jedoch nur zwei Wochen später im nächsten Wettkampf als Dritte durchfuhr, war der Ehrgeiz geweckt. Anfang September 2017 gewann Lisa Jahn dann ihren deutschen Meistertitel im neuen Boot, den sie in diesem Jahr verteidigen möchte. Auch bei den Welt- und Europameisterschaften will die Köpenickerin vorn mitmischen.

Im nächsten Jahr geht es dann bereits um die Quotenplätze für die Olympischen Spiele. „Wenn die Entwicklung in Deutschland so weitergeht, können wir es schaffen“, sagt Lisa Jahn. Der Deutsche Kanu-Verband unternimmt derzeit große Anstrengungen, um im Canadier der Frauen international den Anschluss zu schaffen. So werden auch Athleten, die bislang nicht zum A-Kader gehören, in sämtliche Trainingsmaßnahmen eingebunden und gut umsorgt. Schließlich gibt es im Erwachsenenbereich bislang nur ein halbes Dutzend Frauen, die den Umstieg gewagt haben; beim Nachwuchs sieht es etwas besser aus. Sportlerinnen wie Lisa Jahn sind immer noch Pioniere.

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