Während seiner Zeit bei Hertha BSC ist Mitchell Weiser (23) nur höchst selten als Mann der Mitte aufgefallen. Zuverlässig beackerte er bisher die rechte Seite – meist als Außenverteidiger, je nach Bedarf auch als Offensivkraft. Ausdauernd und schnell, wendig und trickreich ist er an guten Tagen. Nur gab es davon in diesem Kalenderjahr noch nicht allzu viele. Weiser ist, auch aufgrund von Verletzungen, nicht in Bestform. Die Spiele in München und Leverkusen verfolgte er von der Bank, gegen Mainz wurde er nur eingewechselt. Macht 34 offizielle Minuten von 270 möglichen aus den vergangenen drei Spielen.
Um Weisers sportliche Resozialisierung voranzutreiben, denkt Pal Dardai über eine ungewöhnliche Maßnahme nach. Herthas Trainer testete den U21-Europameister als zentralen Mittelfeldspieler. Als solcher könnte Weiser am Sonnabend bei Schalke 04 (15.30 Uhr, Sky) zum Einsatz kommen. „Ich überlege, einen Achter oder Zehner zusätzlich dazuzuholen. Vielleicht Ondrej Duda, vielleicht Mitch“, sagte Dardai.
Nach dem unerwarteten Punktgewinn beim FC Bayern (0:0) sucht Hertha vor dem nächsten Auswärtsspiel seine Mitte. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Vladimir Darida in Gelsenkirchen ausfällt. Eine Nagelbettentzündung am Zeh macht dem Tschechen zu schaffen, sein Platz ist vakant. Als erste Option gilt Arne Maier, was allein deshalb überrascht, weil der nach auskurierter Krankheit erst seit Dienstag wieder mit der Mannschaft trainiert. „Mit Arne stehe ich ständig im Dialog. Er sagt, er fühlt sich sehr wohl. Wenn er richtig gesund ist, kann es sein, dass er zur Startelf gehört“, sagt Dardai. Dafür sprächen allein die Trainingsleistungen. „Arne war zehn Tage krank, aber von der Körpersprache und der Ausstrahlung her sieht es sehr gut aus, was er macht“, sagt Dardai.
Dass dessen Überlegungen um einen zuletzt geschwächten Spieler (Maier) kreisen und um einen, der eigentlich auf ganz anderen Positionen zu Hause ist (Weiser), zeigt auch Herthas kompliziertes Ringen um das eigene Zentrum. Eine zufriedenstellende Dauerbesetzung konnte Dardai in dieser Saison noch nicht finden. Auf der Position vor der Abwehr hat Herthas Trainer diverse Varianten ausprobiert. Darida mit Lustenberger, Darida mit Skjelbred, Skjelbred mit Lustenberger, Skjelbred mit Maier, Maier mit Lustenberger, auch Innenverteidiger Niklas Stark tauchte schon an der Seite verschiedener Partner auf.
Talent Maier kehrt ins defensive Mittelfeld zurück
Gegen Schalke werden mit großer Wahrscheinlichkeit Maier und Lustenberger die Doppelsechs bilden. Den Schweizer hält Dardai aktuell für den formstärksten seiner Mittelfeldspieler. „Gegen Bayern hat er ein riesen Stellungsspiel gemacht. Er liest und antizipiert, da ist er einer der Besten bei uns“, sagt Herthas Trainer. Lustenbergers Hoch drängt Per Skjelbred, in der Hinrunde fast immer gesetzt, auf die Bank. Beide zusammen stellt Dardai nur äußerst ungern auf, da wie gegen Mainz das Offensivspiel dann zu wenig Impulse aus der Mitte erhält. Überhaupt ein wunder Punkt beim Berliner Bundesligisten: Gemessen an den erzielten Treffern sind Herthas Mittelfeldspieler zwar die effizientesten der ganzen Bundesliga (14 Treffer), dafür geben sie aber die zweitwenigsten Torschüsse (105) ab. Nur der SC Freiburg kommt auf einen noch schlechteren Wert. Da stellt sich automatisch die Frage, wie viel mehr für Hertha in dieser Hinsicht möglich wäre, wenn die Mittelfeldspieler öfter zum Abschluss kommen würden.
Maiers schnelle Wiedereingliederung hat folglich nicht nur mit seiner positiven Körpersprache zu tun, sondern in erster Linie mit Fähigkeiten, die den restlichen Mittelfeldspielern bei Hertha abgehen. Der 19-Jährige besitzt einen angeborenen Zug zum Tor, er ist ein klassischer Box-to-Box-Player, wie die Engländer sagen. Also einer, der von Strafraum zu Strafraum spurtet. Weiser soll als unterstützendes Element hinzukommen. Vermutlich aber erst in Halbzeit zwei. „Man kann ein Spiel auch in der letzten halben Stunde gewinnen“, sagt Dardai, zumal Schalke die meisten Joker-Gegentore der Liga kassiert hat (acht). Nach Weisers möglicher Hereinnahme schwebt ihm ein 4-1-4-1-System vor: „Mit Mitch und Valentino Lazaro hätten wir dann gute Umschaltspieler.“
Dass Weiser auf seiner angestammten rechten Seite von Beginn an spielt, sieht Dardai nicht. Er sagt: „Pekarik und Leckie haben das in München sehr gut gemacht, es gibt keinen Grund, dort zu wechseln.“ Über Außen ins Team zu kommen, ist bei Hertha im Moment schwerer als durch die Mitte.

