Lukas Kampa (31) hat vor dem Telefonat gerade erst seinen Mittagsschlaf beendet. Der Kapitän der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft war am Sonntag beim Ligaspiel der United Volleys gegen die SVG Lüneburg in Frankfurt als Zuschauer zu Gast. Nach dem Trip brauchte er eine kleine Erholung. Schließlich will der Vize-Europameister fit sein, wenn er am Mittwoch mit seinem polnischen Klub Jastrzebski Wegiel gegen die BR Volleys um den Einzug ins Play-off der Champions League kämpft (20 Uhr, Max-Schmeling-Halle). Nur der Sieger des finalen Gruppenspiels ist sicher in der K.o.-Runde.

Herr Kampa, ausgeschlafen?

Lukas Kampa: So pünktlich rufen nur deutsche Journalisten an. Bei einem polnischen hätte ich jetzt noch eine halbe Stunde länger schlafen können (lacht). Aber ja, ich bin fit und freue mich sehr auf das Spiel. Wir kommen auf jeden Fall nach Berlin, um zu gewinnen – wohl wissend, dass es nicht das gleiche Spiel sein wird wie das 3:0 im Hinspiel bei uns.

Erwarten Sie nach dem Trainerwechsel von Luke Reynolds auf Stelian Moculescu eine andere Berliner Mannschaft?

Ich hab schon bei der Auslosung gewusst, was uns für ein Spiel in Berlin erwartet – unabhängig davon, wer Trainer ist. Berlin ist zu Hause eine Macht. Man muss nur mal schauen, wen die in ihrer eigenen Halle in der Champions League schon alles besiegt haben. Ich denke, dass Stelian die Mannschaft taktisch sehr detailliert einstellen kann und Dinge sieht, die andere vielleicht nicht sehen würden.

Zum Beispiel Ihre Taktik im Zuspiel? In den Jahren 2008 bis 2010 haben Sie ja unter ihm in Friedrichshafen gespielt.

Vielleicht, aber das ist schon lange her. Ich hab auch mein erstes Länderspiel 2008 unter ihm gemacht. Meinen Durchbruch in Friedrichshafen hatte ich leider nicht so wie ich es mir damals erhofft hatte. Moculescu hat mir aber extrem geholfen, als mein nächster Klub Bottrop 2011 in finanzielle Schwierigkeiten geriet und mich quasi von einem auf den anderen Tag nach Italien vermittelt. Damit hat er einen wesentlichen Beitrag zu dem geleistet, wo ich heute bin. Das habe ich ihm nicht vergessen.

Ihr Klub entließ im Januar den früheren Berliner Trainer Mark Lebedew, nun steht der Italiener Ferdinando De Giorgi an der Seitenlinie. Was hat nicht gepasst?

Wir haben unnötig Spiele verloren, und die Erwartungshaltung im Umfeld war viel höher, nach unserer starken letzten Saison. Zudem hatten wir daran zu knabbern, zum ersten Mal Liga und Champions League parallel zu spielen. Gleichzeitig hat sich die Liga verstärkt, so dass wir mit unserer Leistung nicht mehr unter den ersten vier Teams, sondern unter den ersten sieben sind. Das alles hat dazu beigetragen, dass die Stimmung nicht mehr gut war, und da ist der Trainer natürlich als Erster in der Schusslinie.

Wie läuft es aktuell?

Gerade ist die Atmosphäre gut. Wir haben am Sonnabend in der Liga ein sehr wichtiges Spiel 3:0 gewonnen. Unsere Situation ist mit der der BR Volleys vergleichbar. Es ist ein Auf und Ab. In der Champions League haben wir uns bislang aber sehr gut geschlagen, dementsprechend wollen wir die Gruppenphase auch auf Platz zwei beenden.

Wann war eigentlich Ihr letztes Spiel in der Max-Schmeling-Halle?

Naja. Ähm. Das war das Spiel gegen Polen, als wir in der Qualifikation für die Olympischen Spiele 2016 verloren haben. Das ist natürlich keine schöne Erinnerung, aber auf der anderen Seite war es ein sensationelles Spiel in toller Atmosphäre. Dieses Mal werden wohl leider nicht 3000 polnische Fans anreisen (lacht). In der Schmeling-Halle habe ich mit der Nationalmannschaft aber schon einige besondere Spiele erlebt. Ich hoffe, dass da jetzt ein schönes Champions-League-Kapitel dazukommt.

Sie werden im Rahmen des Spiels als „Volleyballer des Jahres“ geehrt. Im vergangenen Jahr war das Volleys-Kapitän Robert Kromm. Der erste Sieg geht also an Sie an diesem Abend.

Ach, das ist für mich kein Kampf gegen andere. Das ist eine Auszeichnung der Fans. Robert hat sich das nach dem Champions-League-Final-Four in Berlin total verdient gehabt, er hat viel für Volleyball-Deutschland getan. Ich bin total dankbar und froh, dass Berlin den Rahmen zur Verfügung stellt.

Mit der Nationalmannschaft starten Sie im Juni in die Nations League. Die Liga, die sowohl bei den Männern als auch den Frauen aus 16 vom Weltverband ausgewählten Nationen besteht, ist ganz neu. Welche Vorteile bringt das für Deutschland?

Das ist für uns ein riesengroßer Schritt. Ohne diese Liga wären wir wieder in Gruppe drei der World League eingestiegen mit wesentlich schwächeren Teams. Der deutsche Verband um Präsident Thomas Krohne hat sehr gute Arbeit geleistet, uns dort hineinzubekommen. Es wird hart, denn es sind mindestens 15 Spiele in fünf Wochen mit unserem Kader, der jetzt nicht so üppig bestückt ist wie bei Polen oder Brasilien. Aber es ist sensationell für alle von uns, so viele hochklassige Spiele hintereinander zu haben. Das ist das Highlight des Sommers, da wir uns ja leider nicht für die Weltmeisterschaft qualifiziert haben.

Es gibt Teams wie Belgien, die besser platziert waren als Deutschland, aber nicht aufgenommen wurden. Ist das eine sportlich fair zusammengesetzte Liga?

Das ist sicher schwierig. Ich kann gut verstehen, wenn die damit nicht einverstanden sind und würde mich an Belgiens Stelle tierisch darüber aufregen. Ich kenne die einzelnen Kriterien nicht, aber sicherlich gibt es bei so einem Schnitt immer Verlierer. Für mich überwiegt natürlich das Positive, zum Beispiel, dass die internationalen Wettbewerbe bei Frauen und Männern endlich einen einheitlichen Namen haben. Ich hoffe dass das in Sachen Vermarktung auch eine rundere Sache wird und unsere Sportart weltweit voranbringt. Im Fußball kommt ja jetzt auch bald eine Nations League. Vielleicht sagen die Leute dann ja: Hey, das kennen wir doch schon vom Volleyball (lacht).

Haben Sie vor, noch länger im Volleyball-Mekka Polen zu bleiben?

Ein Jahr läuft mein Vertrag auf jeden Fall noch. Stand heute können wir uns auch gut vorstellen, noch etwas länger zu bleiben. Mein Sohn Jakob geht jetzt hier auch in den Kindergarten.

Also muss die Volleyball-Bundesliga noch etwas auf Sie warten?

Haha, in Frankfurt wurde ich das auch schon gefragt. Ein bisschen denke ich schon, wenn nichts total Unvorhergesehenes passiert.