Eiskunstlauf

Wie ein Berliner Trainer eine Olympia-Hoffnung formte

Alexander König ist der Mann hinter dem deutschen Eiskunstpaar Aljona Savchenko und Bruno Massot. In Pyeongchang greift es nach Gold.

Trainer Alexander König (l.) mit seinen Athleten Aljona Savchenko und Bruno Massot in der Gangneung Ice Arena

Trainer Alexander König (l.) mit seinen Athleten Aljona Savchenko und Bruno Massot in der Gangneung Ice Arena

Foto: dpa Picture-Alliance / Peter Kneffel / picture alliance / Peter Kneffel

Pyeongchang.  Er steht hinter der Bande, schaut, was sich auf dem Eis tut. Im Sekundentakt wechselt die Gemütslage, von Anspannung hin zur Erleichterung. Oder auch Enttäuschung, je nachdem, wie die Elemente aussehen, die Aljona Savchenko und Bruno Massot gerade zeigen. Von seinem eigenen Verständnis her ist das eigentlich kein passender Job für Alexander König. Auf andere angewiesen zu sein bei der Bewertung seiner Arbeit, das mag er gar nicht.

König braucht also Ausgleich. „Ich bin so ein Macherfritze“, sagt der 51-Jährige. Seine Hauptaufgabe als Eiskunstlauftrainer empfindet er „nicht so unbedingt männlich“. Viel zusehen, warten, hoffen. „Männer müssen etwas schaffen, da muss etwas fertig sein“, sagt er. Deshalb malt und zeichnet er, deshalb schreibt er. König stellte schon Bilder aus, er hat ein Kinderbuch veröffentlicht. Derzeit studiert er und möchte einen Abschluss als Mediator erwerben. „Da kann man was fürs Leben lernen“, so König. Und für die Arbeit mitnehmen. Schließlich muss er viel reden, auf zwei Menschen eingehen.

Diese Aufgabe hat es in sich, mit Savchenko und Massot bildet er eine multinationale Kombo. Sie kommt ursprünglich aus der Ukraine, er aus Nordfrankreich, beide starten aber für Deutschland. „Da prallen Welten aufeinander. Als ost- und westdeutscher Bürger habe ich Verständnis für beide Richtungen entwickelt“, sagt der Trainer. Zu unterschiedlichen Muttersprachen gesellen sich gegensätzliche Mentalitäten. Sie wurde mit viel Disziplin sozialisiert, er erlebte viel laissez faire. „Das war oft ein Thema am Anfang, dass man die Unterschiede wahrnimmt und nicht schlecht redet, sondern etwas Positives daraus macht, es als Gewinn herausstellt, das ist uns im Laufe der Jahre gut gelungen“, findet König, der viel Ruhe und Selbstbewusstsein ausstrahlt. Die Erfolge geben ihm recht.

Die Sportart Eistanzen mit dem Paarlauf verknüpfen

Pyeongchang soll nun die endgültige Bestätigung werden. Die Olympischen Spiele stellen das große Ziel einer vierjährigen Zusammenarbeit dar. Zum Aufwärmen für den Paarlauf liefen Savchenko/Massot bereits das Kurzprogramm im Teamwettbewerb, der am Sonntag fortgesetzt wird. Ein Ausrutscher beim dreifachen Wurf-Flip trübte den Eindruck, Savchenko hatte sich noch jetlag-geplagt im Anlauf vertan und für den Axel vorbereitet. So wurde es die drittbeste Kurzkür. Wenn der Paarlauf am Mittwoch beginnt, genügt vor allem Savchenko kein dritter Platz mehr. Zweimal gewann sie mit Robin Szolkowy bereits Olympiabronze, ihr Traum glänzt golden.

Spätestens mit der Kür beim Grand-Prix-Finale in Nagoya Mitte Dezember gewann dieser Traum an Realität. Mit 157,25 Punkten sprangen ein Weltrekord in der Kürwertung und der Sieg heraus. „Das war eine riesengroße Geschichte für mich. Das gab mir eine wirklich geile Genugtuung für die vielen Stunden, Minuten und Sekunden, die wir an dem Programm gefeilt haben“, erzählt König. Sein Anteil daran ist groß. „Der Trainer hat mir die Freiheit gegeben, mich frei zu fühlen und zu machen, was ich eigentlich kann. Er hat mir den Raum gegeben, wirklich meinen Traum zu verfolgen“, sagt Savchenko.

Diese Freiheit besteht darin, das Künstlerische hervorzuheben. Der Paarlauf hat sich verändert in den vergangenen Jahren. Zum einen gibt es mehr Mut zum Risiko mit Vierfachwürfen, auch der schwierige dreifache Wurfaxel, den Savchenko/Massot im Repertoire haben, gehört in diese Kategorie. Mit ihrer Kreativität allerdings setzten Savchenko/Massot einen Trend. „Wir wollten die Sportart Eistanzen mit dem Paarlauf mehr verknüpfen“, so König, dessen Paar mehr eine Art Shownummer präsentiert als ein klassisches Paarlauf-Programm und immer mehr Nachahmer findet.

Der 51-Jährige will ein Buch über seine Arbeit schreiben

Beide Charaktere dabei zusammenzuführen und ein homogenes Paar aus ihnen zu machen, hielt für König schwierige Momente bereit. Nach fünf Weltmeistertiteln mit Robin Szolkowy suchte Savchenko 2014 ein völlig neues Umfeld, ging von Chemnitz nach Oberstdorf, wo der Berliner König seit acht Jahren lebt. König bekam einen Star und ein Sternchen, denn Massot war bis dahin ein unbeschriebenes Blatt. „Bruno hat es verstanden, mehr und mehr auf Aljona einzugehen, sich bemüht, sie zu verstehen. Das war seine schwerste Aufgabe in den ganzen Jahren“, so der Trainer, der spürte, dass es dem Franzosen schwer fiel zu akzeptieren, dass Savchenko sportlich weit vor ihm steht.

Sogar mit einem Psychologen arbeitet König, einst selbst dreimal Olympiasiebter im Paarlauf, um beide optimal vorzubereiten. „Aljona denkt, sie hat alles fest im Griff. Bruno denkt ähnlich.“ Sie wollen keinen Psychologen, also nimmt König die Sachen auf und vermittelt sie an die Sportler, bei denen er immer wieder feststellt, dass sie empfänglich dafür sind. Solche Geschichten notiert er sich, sammelt Material in Wort und Bild, genauer Zeichnung, wenn er mit den beiden unterwegs ist. Längst hat er genug zusammen, um ein weiteres Buch zu schreiben. „Meine frühere Deutschlehrerin würde sich wundern, die war nicht so zufrieden mit mir“, erzählt König. Das Buch soll wieder für Kinder sein, die Story wird sich um die vier Jahre mit Savchenko und Massot drehen.

Vielleicht liefern Olympia und die folgende WM die abschließende Episode dieser Geschichte. Savchenko ist 34 Jahre alt, es könnten ihre letzten großen Auftritte werden. Für Alexander König steht bisher nur fest, dass er nach der Saison zurück nach Hause nach Berlin zieht. Und erst einmal sein Studium beendet. Damit er auf jeden Fall etwas schafft.