Rad

„Wir sind noch keine Radsportnation“

Olaf Ludwig wurde 1988 Olympiasieger und gewann 1990 das Grüne Trikot bei der Tour de France. Zum deutschen Radsport macht er klare Aussagen.

Seit 21 Jahren hatte Olaf Ludwig nicht mehr auf einem Bahnrad gesessen – bis Donnerstag beim Sechstagerennen in Berlin

Seit 21 Jahren hatte Olaf Ludwig nicht mehr auf einem Bahnrad gesessen – bis Donnerstag beim Sechstagerennen in Berlin

Foto: dpa Picture-Alliance / Hendrik Schmidt / picture alliance / dpa

Berlin.  Wenn Legenden aufs Rad steigen, dann müssen natürlich auch Legenden den Startschuss geben. Sven Felski, Ex-Eishockeyprofi sowie ewiger Eisbär, und Torsten Mattuschka, Fußball-Veteran und Union-Idol, schickten am ersten Tag des Sechstagerennens im Velodrom etliche Sieger von einst auf eine kurze Reise in die Vergangenheit. Neben Silvio Martinello und Kurt Betschart fuhr auch Olaf Ludwig, Olympiasieger von 1988, Gewinner des Grünen Trikots bei der Tour de France 1990 und später Chef des Teams Telekom, mit im Pulk. Die Morgenpost sprach mit dem 57-Jährigen über alte Tage und neue Perspektiven.

Herr Ludwig, wann haben Sie zum letzten Mal auf einem Bahnrad in die Pedale getreten?

Olaf Ludwig: Das war vor 21 Jahren. Aber als die Einladung kam, hier zu fahren, habe ich gleich gesagt, dass ich noch ein paar Runden hinkriege. Trotzdem ist vor so einem Bahnrad schon Respekt da, das hat nun mal keine Bremse und ist definitiv etwas anderes als sein Straßenrad.

Was bedeutet Ihnen die Einladung?

In Berlin kam 1997 vieles zusammen für mich. Es war mein letztes Rennen in Deutschland und gleichzeitig der Auftakt für das Sechstagerennen im Velodrom. Das war damals noch eine größere Baustelle und sehr staubig. Aber nach einigen Jahren ohne Sechstagerennen in der Stadt hatten die Berliner eine große Sehnsucht danach, so entwickelte sich eine begeisternde Atmosphäre. Die, die damals dabei waren, sagten, dass es schwer werden würde, das noch zu toppen. Mit dem Sieg endete das Rennen für mich spektakulär, es wurde ein sehr emotionaler Abschied.

Damals war es noch ziemlich normal, dass die Stars der Straße auch auf der Bahn zu bewundern waren. Heute kommt das immer seltener vor. Für das Publikum ist das schade.

Der Unterschied ist schon groß zwischen Bahn und Straße, er wird auch immer größer. Weil die spezifischen Anforderungen einfach höher sind. Es gibt immer weniger Rennfahrer, die beides beherrschen, die es gelernt haben, auf der Bahn zu fahren. Und es gibt auch immer weniger Straßenprofis, die überhaupt die Freigabe erhalten, bei Sechstagerennen starten zu dürfen. Der Radsport hat sich sehr verändert.

Wie hat er sich generell entwickelt in Deutschland?

Wir haben ein tiefes Tal durchleben müssen, haben aber immer noch gute Rennfahrer. Was uns fehlt, ist einfach die Struktur für den Nachwuchs.

Sehen Sie mit den erfolgreichen Profiteams Bora und Sunweb, dass sich da etwas ändert?

Es gibt wieder ein Interesse. Das heißt aber noch lange nicht, dass wir wieder eine Radsportnation sind. Von einem Aufschwung kann man nicht sprechen. Die erfolgreichen Fahrer, die da sind, sind schon länger da. Die haben zur Hochzeit von Erik Zabel und Jan Ullrich angefangen, in Strukturen, wie etwa der U23 Thüringen Rundfahrt, die es heute gar nicht mehr gibt. Der Start der Tour de France in Deutschland im vergangenen Jahr hat zwar bei vielen ein Hurra auslöst. Doch für den Radsport hat das erst etwas gebracht, wenn irgendwo einer ist, der sagt, er erteilt eine Genehmigung für ein Nachwuchsrennen.

Nach vielen Jahren mit Doping-Schlagzeilen hat sich der Radsport davon gut erholt. Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund, dass mit Chris Froome ausgerechnet der erfolgreichste Fahrer dieser Tage nun positiv getestet wurde?

Ich glaube, in keiner Sportart wird so streng kontrolliert wie im Radsport. Das zeigt, dass das System funktioniert. Ich sehe keine Möglichkeit, dass er aus der Sache straffrei herauskommt.

Wie aktiv sind Sie selbst noch in den Radsport eingebunden?

In den Leistungssport bin ich nicht mehr involviert. Ich habe in Thüringen für den Verband ein Nachwuchskonzept geschrieben. Ansonsten organisiere ich Veranstaltungen, die unter das Credo fallen, Spaß am Radfahren zu vermitteln. Das sind Jedermann-Rennen, Familientouren, ich bin als Guide unterwegs, ich veranstalte Radreisen in Bulgarien unter dem Motto Fitness, Wellness, Land und Leute. Ich sitze also noch auf dem Fahrrad, ungefähr 4000 Kilometer im Jahr, aber ohne Computer und Leistungsmessung.