Er hatte Nervenstärke bewiesen. Unter den Pfiffen tausender slowenischer Fans war Tobias Reichmann an den Siebenmeterpunkt gegangen. Er blickte zur Seite, sah dann nach vorn – und traf. 25:25 (10:15) hieß es im zweiten Spiel der deutschen Handballer bei der Europameisterschaft gegen Slowenien. Der Einzug in die Hauptrunde, die ab Freitag in Varazdin im Norden Kroatiens gespielt wird, ist geschafft. Nach einem wahren Krimi.
Dabei war kurios, wie der finale Siebenmeter überhaupt zustande kam. Sechs Sekunden vor Ende der Partie waren die Slowenen erneut in Führung gegangen. Schlusssirene, Jubel über ein vermeintliches 25:24. Doch die beiden Schiedsrichter aus Litauen – von Silvio Heinevetter, dem Torwart der Füchse Berlin, inbrünstig auf einen Regelverstoß der Slowenen hingewiesen – schauten sich noch einmal die letzten Sekunden der Partie auf Video an. Der Verdacht: Der deutsche Wiederanwurf von Paul Drux am Mittelkreis war behindert worden.
Nach endlosen Minuten dann das Urteil: zu geringer Abstand, Rote Karte für Sloweniens Blaz Blagotinsek, Siebenmeter für Deutschland. Um seinem Unmut darüber zu dokumentieren, stellte sich Sloweniens Trainer Veselin Vujovic ins Tor. Doch Reichmann ließ sich von der Provokation nicht irritieren. Er wechselte kurz Blicke mit Uwe Gensheimer, dem eigentlichen Spezialisten vom Punkt. „Ich hatte mich ganz gut gefühlt und die Verantwortung dann auf mich genommen“, sagte Reichmann, der 29-jährige Rechtsaußen aus Melsungen. „Das war glücklich, aber extrem wichtig.“ Der Europameister sichert sich einen Punkt nach Videobeweis. Die Slowenen legten Protest gegen die Entscheidung ein.
Ein wichtiger Punkt für das Selbstvertrauen
Das Unentschieden war nicht nur wichtig fürs Weiterkommen, sondern auch wichtig für das Selbstvertrauen. War Montenegro, der erste Gegner dieser EM, am Sonnabend beim 32:19 doch kein Maßstab gewesen. Nun war der Gegner stärker, die Atmosphäre aufgeheizter. Die Aktionen der Deutschen wurden von Pfeifkonzerten begleitet. Mit unter den Ausgepfiffenen: Torwart Andreas Wolff, der sich gegen Montenegro noch mit einer Prellung am Fuß auswechseln lassen musste.
Klar war zu diesem Zeitpunkt, dass die Slowenen mächtig unter Druck standen: Nach der überraschenden Auftaktniederlage gegen Mazedonien (24:25) musste ein Sieg her. So begann das Team in weiß druckvoller, ging durch Borut Mackovsek 1:0 in Führung (4.). Die Deutschen taten sich schwer gegen die slowenische Abwehr, selbst in Überzahlsituationen. Was auch immer sie versuchten, sie fanden keine Lücken, leisteten sich viele Fehlpässe. Zwei vergebene Siebenmeter durch Gensheimer kamen in dieser Phase dazu. Und nicht zuletzt war es der slowenische Schlussmann Urban Lesjak, der das Prokop-Team zur Verzweiflung trieb. 17. Minute: 4:7. Kurz zuvor hatte der Bundestrainer eine erste Auszeit genommen, in der 23. Minute folgte die zweite. Ein Zeichen der Verzweiflung. „Wir haben einfach nicht die richtigen Lösungen gefunden”, sagte Prokop.
Auf einen mussten die Deutschen ohnehin besonders achten: Miha Zarabec vom deutschen Rekordmeister THW Kiel. Der Spielmacher ist mit 1,77 Meter einer der kleinsten Spieler im Turnier, aber er bewies mehrfach, dass er auch einer der schnellsten und beweglichsten ist. Drei Tore erzielte er alleine in der ersten Halbzeit. Die sonst so starke deutsche Abwehr – der kleine Mann spielte sie schwindelig. Auch Torhüter Wolff war nicht annähernd so sicher wie noch zwei Tage zuvor. In der 21. Minute ging Heinevetter ins Tor, da stand es 6:10. Die Wende folgte trotzdem nicht. Sechs Minuten später lagen die Deutschen mit sechs Treffern hinten, zur Halbzeit mit 10:15.
Kampfgeist hält den Europameister im Spiel
Hoffnung kam nach der Pause auf. Zweimal hintereinander war Rechtsaußen Patrick Groetzki erfolgreich, 12:15. Doch Slowenien hatte immer Antworten parat, schraubte den Abstand wieder nach oben. Egal ob Hendrik Pekeler traf oder Uwe Gensheimer. Immer wieder wurde auch auf der Gegenseite gejubelt, nach 41 Minuten stand es 15:18.
Und doch, der Kampfgeist riss nicht ab: Gensheimer und Reichmann brachten ihr Team wieder heran, 20:20. Es blieb spannend, als Gensheimer einen freien Wurf beim Stand von 21:22 weit am Tor vorbeihämmerte. 24:25 stand es beim Abpfiff, als die Diskussion mit den Schiedsrichtern begann – und Reichmann den Siebenmeter verwandelte.
Bester Werfer war erneut Gensheimer (sieben Tore). Im letzten Gruppenspiel am Mittwoch (18.15 Uhr, ARD) gegen Mazedonien (29:28 gegen Montenegro) ist eine Steigerung aber dringend nötig, will der Europameister mit ordentlicher Punkteausbeute nach Varazdin reisen.
Spanien und Dänemark in deutscher Hauptrundengruppe
Olympiasieger Dänemark und Vize-Europameister Spanien stehen als erste Gegner der deutschen Handballer bei der EM-Hauptrunde fest. Zwar verloren die Dänen am Montag überraschend gegen Außenseiter Tschechien mit 27:28 (16:15), können am letzten Spieltag der Gruppe D am Mittwoch aber nicht mehr von einem der ersten drei Plätze verdrängt werden. Spanien feierte mit 27:25 (12:13) gegen Ungarn den zweiten Sieg.

