Handball

Stefan Kretzschmar: "Man wird sich noch wundern"

Stefan Kretzschmar über Stärken und Schwächen des deutschen Handballs, fehlende Typen und das Ende seiner Talkshow.

Ein Mann mit eigenem Kopf: Stefan Kretzschmar

Ein Mann mit eigenem Kopf: Stefan Kretzschmar

Foto: Steffen Roth / Der Spiegel

Während die deutsche Nationalmannschaft sich auf zur Europameisterschaft in Kroatien machte, tourte Handball-Ikone Stefan Kretzschmar (44) durch Florida, ging auf Tuchfühlung mit Alligatoren und frönte seiner Leidenschaft für den US-Sport. Im Interview spricht der TV-Experte über die Nominierung von Bundestrainer Christian Prokop und das neue deutsche Selbstbewusstsein.

Herr Kretzschmar, wie ist es in den Everglades?

Stefan Kretzschmar: Wir machen eine Rundreise mit viel Sport. Für die Mädels ist das ein bisschen gewöhnungsbedürftig, aber für mich ist natürlich super, zur Prime Time Basketball oder American Football zu schauen.

Dieser Tage können Sie auch wieder die deutsche Nationalmannschaft im Fernsehen verfolgen. Werden Sie zur EM nach Kroatien fahren?

Im Idealfall komme ich zum Finalwochenende. Ansonsten schaue ich mir die EM klassisch vor dem Fernseher an.

Worauf werden Sie da besonders achten?

Ich schaue schon auf die Favoriten wie Frankreich. Ich will auch wissen, was Kroatien im eigenen Land macht. Dänemark ist interessant und auf Ungarn mit Ljubomir Vranjes als neuem Trainer bin ich sehr gespannt. Jede Mannschaft bei einer EM hat einen Standard, bei dem ich sage, das schaue ich mir gerne an. Es sind ja auch viele Spieler aus der Bundesliga dabei, deswegen hat man zu jedem Spiel einen Bezug.

Was trauen Sie der deutschen Auswahl bei der Mission Titelverteidigung zu?

Ich glaube schon, dass wir die drei Vorrundenspiele gewinnen, also auch gegen Mazedonien und Slowenien. Dann noch zwei Siege in der Hauptrunde bedeutet Halbfinale, das traue ich dem Team definitiv zu. Die Zeiten, in denen eine deutsche Mannschaft zu einem Turnier gefahren ist und denken musste: Hoffentlich verlieren wir nicht, die sind vorbei. Die Jungs wollen nicht weniger als den EM-Titel und mit der Einstellung treten sie auch auf.

Keiner lehnt sich mehr aus dem Fenster

Für den neuen Bundestrainer Christian Prokop, den Sie als Aufsichtsrat des SC DHfK aus Leipzig bestens kennen, ist es das erste Turnier. Mit der Nicht-Nominierung des EM-Helden Finn Lemke entfachte er Diskussionen. Wie sehen Sie das?

Ich finde es mutig, dass er sich so entschieden hat. Wenn man seine Spielphilosophie kennt, in der eine bewegliche Abwehr gefragt ist, ist das nicht überraschend. Und es ist ja nicht so, dass er irgendwelche Gurken eingeladen hätte.

Allerdings debütierten sowohl Rückraumspieler Maximilian Janke als auch Abwehrspezialist Bastian Roscheck, die beide unter Prokop in Leipzig spielten, erst vor einer Woche im Nationalteam.

Dagur Sigurdsson hatte 2016 in seinem Kader 14 EM-Debütanten. Wir müssen dem Trainer vertrauen. Er hat sich taktisch etwas dabei gedacht, auch in Bezug auf die Gegner der Vorrunde. In der Hauptrunde kommen voraussichtlich Dänemark, Spanien und Ungarn dazu. Ich kann mir gut vorstellen, dass er Lemke dann nachlädt. Es tut mir immer leid für die, die zu Hause bleiben, auch für Fabian Wiede von den Füchsen. Die Entscheidung, wer im rechten Rückraum agiert war sicher eine der schwierigsten. Aber eigentlich können wir ja froh sein, dass wir in Deutschland wieder so eine Auswahl haben.

An talentierten Handballspielern mangelt es nicht. Dafür fehle es an Typen mit dem Zeug zum Superstar, sagten Sie kürzlich im "Spiegel"-Interview. Woran liegt das?

Das ist eine generelle gesellschaftliche Frage. Wir machen häufig den romantischen Fehler, dass wir uns Zeiten und Persönlichkeiten zurück wünschen, die so heute gar nicht mehr funktionieren würden, auch wegen der Entwicklung der sozialen Medien. Da lehnt sich keiner mehr aus dem Fenster mit einer Aussage oder geht hart feiern, denn überall wartet eine Handykamera oder der nächste Shitstorm. Früher war ein Skandal nach zwei Tagen wieder vorbei. Heute geht das über Monate und das Internet vergisst nichts. Was ich mir dennoch manchmal wünschen würde, wäre ein bisschen mehr Humor und ein bisschen mehr Wortwitz vor der Kamera.

Die Zeit für die Show war ungünstig

Sie haben nun auch auf der Seite der Journalisten gestanden. Wie sehen Sie die Verantwortung der Medien vor dem Hintergrund, interessante Inhalte zu liefern, diese aber auch mit Sorgfalt zu behandeln?

Ich glaube, dass manche Journalisten sich ihrer Verantwortung gar nicht bewusst sind. Es werden teilweise Karrieren vernichtet mit irgendwelchen Schlagzeilen. Insgesamt sollte man sich überlegen, was mit dem Menschen passiert, über den man da schreibt. Dieses Verantwortungsgefühl haben einige Journalisten in Deutschland nicht und das finde ich bedenklich, weil sie die Macht haben, den Werdegang eines Menschen mit einer Schlagzeile zu beeinflussen. Das ist im Handball weniger ein Thema, weil wir – an dieser Stelle glücklicherweise – weniger in den Boulevardmedien stattfinden. So sind wir über jede Berichterstattung dankbar und froh, wenn so ein Großereignis wie die Handball-EM kommt und wir damit wieder ein bisschen mehr im Fokus der Öffentlichkeit stehen.

Mit dem Fernsehvertrag mit ARD und Sky ist der Bundesliga ein schöner Vermarktungserfolg gelungen. Sie hatten mit dem "Handball Talk" am Sonntag sogar ihre eigene Sendung. Die hatte allerdings nur 10.000 bis 30.000 Zuschauer im Schnitt und wurde nun abgesetzt. Wie geht es Ihnen damit?

Selbstverständlich bin ich darüber nicht glücklich, verstehe aber die Entscheidung von Sky. Da ist natürlich auch verletzte Eitelkeit von mir dabei, vor allem aber war ich überzeugt, dass das eine große Chance für den Handball war, die Verantwortlichen mal von einer anderen Seite zu zeigen. Ich glaube, dass die Zeit mit 17 Uhr nicht ideal war. Damit haben wir häufig gegen unser eigenes Produkt, die Livespiele der Champions League gesendet. Viele Handballfans haben sich das nach meinen Rückmeldungen erst später am Abend im Internet angeschaut. Diese Zahlen fließen aber nicht in die Quote. Insgesamt aber wird das Produkt Handball ja nach wie vor großartig dargestellt bei Sky. Ich habe meinen Vertrag auch noch bis 2021 und arbeite nun eben weiterhin als Experte. Und Ideen darüber hinaus habe ich immer.

Pekeler ist ein Genuss

Die EM 2016 hatte einen Boom ausgelöst, der aber alsbald wieder verflog, auch weil es bei der folgenden WM keine Fernsehbilder gab. Noch ist in vielen Köpfen gar nicht angekommen, dass die EM begonnen hat. Was muss passieren, damit die Welle der Handballbegeisterung erneut nach Deutschland schwappt?

Ich glaube, dass sich das von alleine einstellen wird. Nach dem Auftaktspiel und mit jedem Sieg und jedem weiteren Zeitungsartikel wird sich das steigern. Auch in den sozialen Medien wird sich das weiter verbreiten. Ich habe kürzlich meinen ersten Facebook-Live-Versuch gemacht. Das war ganz cool und hatte eine hohe Beteiligung. War natürlich auch ein brisantes Thema mit der Nominierung des Kaders. Ich werde das wahrscheinlich nach dem ersten Spiel noch einmal machen. Und die Diskussion, ob der Bundestrainer die richtigen Spieler nominiert hat, wird sicherlich weitergehen.

Wer glauben Sie, wird der Spieler sein, der bei dieser EM von sich Reden macht?

Das kann für mich jeder werden. Ich glaube, dass man sich noch sehr wundern wird, wer dem Spiel dort seinen Stempel aufdrücken wird. Es kann auch in jedem Spiel ein anderer sein, wie wir ja bei der EM 2016 gesehen haben. Ich finde, dass Julius Kühn einen großen Sprung gemacht hat. Um das Torhütergespann Silvio Heinevetter und Andreas Wolff brauchen wir uns keine Gedanken machen, das sind zwei großartige Keeper. Ich glaube, dass Uwe Gensheimer der beste Linksaußen der Welt ist und das auch wieder zeigen wird. Wenn ich Hendrik Pekeler sehe bei den Rhein-Neckar Löwen, ist das ein Genuss. Kai Häfner ist für den Aufschwung von Hannover mit verantwortlich. Philipp Weber (Leipzig) hat im letzten Test gegen Island im Angriff überragend gespielt. Diese Liste könnte ich endlos weiterführen. Wir sind wahrscheinlich die am wenigsten ausrechenbare Mannschaft des Turniers.

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