Vor ziemlich genau einem Jahr klingelte bei Jared Goff (23) an einem Donnerstagnachmittag das Telefon. Der Quarterback der Los Angeles Rams versuchte nach einer enttäuschenden Debütsaison als Football-Profi mehr schlecht als recht die ersten Urlaubstage zu genießen, als er schon wieder von seinen Vorgesetzten hörte. Sie baten ihn, zum Vereinsgelände zu kommen. Man hätte da einen potentiellen Trainerkandidaten im Haus und Goff, der wichtigste Spieler im Kader, solle doch bitte kurz mit dem Mann reden. Das Gespräch fand dann auch statt, es dauerte weit länger als angedacht, und als Goff den Konferenzraum verließ, sagte er später zu seinen Bossen: „Ich hoffe, wir verpflichten den Mann. Ich will nämlich nie wieder für jemand anderen spielen.“

Die Rams erfüllten Goff den Wunsch und gingen ein großes Wagnis ein. Denn der Mann, mit Namen Sean McVay, war am Tag seiner Vertragsunterschrift gerade 30 Jahre alt und wurde dadurch zum jüngsten Cheftrainer in der Geschichte der National Football League (NFL).

McVay war mit 24 Jahren ein Frühstarter im Trainergeschäft

Die umsatzstärkste Sportliga der Welt wird traditionell dominiert von älteren Männern. Das Durchschnittsalter für Head Coaches, wie es in den USA heißt, liegt in der NFL bei 51,9 Jahren. Anders als im Fußball, wo junge Trainer wie Julian Nagelsmann oder Domenico Tedesco längst akzeptiert sind, fallen Männer vom gleichen Alter in der NFL unter die Kategorie Exoten.

Erfahrung ist alles in einer Liga, deren 32 Teams zum Großteil weißen Milliardären im Rentenalter gehören. Junge Trainer müssen sich in diesem System erst hochdienen, ehe sie einmal von einem Assistenzjob zum Chef aufsteigen. McVay ist genau diesen Weg gegangen, weil ihm aufgrund seiner geringen Körpergröße von 1,79 Meter eine Spielerkarriere versagt bleib und er früh als 24-Jähriger mit dem Trainerjob begann. Dennoch war die Skepsis in der Liga riesengroß, als die Rams sich entschlossen, ihn zu ihrem Coach zu machen.

Erstmals seit 2004 ist das Team wieder im Play-off

Nach einer kompletten Vorrunde zweifelt niemand mehr an McVay. Aus einem der schlechtesten Teams hat er binnen weniger Monate einen Titelkandidaten gemacht. Zum ersten Mal seit 2004 nehmen die Rams wieder am Play-off teil, wo sie in der ersten Runde in der Nacht vom Sonnabend zu Sonntag auf Vorjahresfinalist Atlanta Falcons treffen (2 Uhr/ProSieben). Das Team zeigt unter McVay, passend zur Heimatstadt, die aufregendste Show im American Football. Keine der 32 Mannschaften erzielte in der regulären Saison mehr Punkte (29,9) im Schnitt. Quarterback Goff brilliert endlich, und Running Back Todd Gurley ist von keiner Verteidigung aufzuhalten. Ein Jahr zuvor waren die Rams in der Offensive mit 14 Zählern noch abgeschlagen Letzter. Auch deshalb wird McVay in den kommenden Tagen mit großer Wahrscheinlichkeit die Auszeichnung als Trainer des Jahres in der NFL erhalten.

„Für einen, der so jung ist, ist das wirklich beeindruckend“ sagt John Schneider, der Sportdirektor der Seattle Seahawks, die gerade von den Rams als Divisions-Sieger entthront wurden. In Seattle hat Pete Carroll das Sagen, mit 66 Jahren ist er der älteste Trainer der Liga. Ähnlich wie im Fall von Julian Nagelsmann ist es bei McVay vor allem die Fachkenntnis, mit der er seine zum Teil älteren Spieler beeindruckt. Ihm geht es in den Besprechungen stets darum, das „Warum“ hinter all den Spielzügen und Aktionen zu erklären, also den Sinn und die Erfolgsaussichten, was passieren kann, wenn etwas genau so ausgeführt wird wie er es vorgibt. Mit dieser Methode gewann der junge Pep Guardiola am Beginn seiner Trainerkarriere im Fußball die Stars des FC Barcelona für sich.

Rams könnten ein Vorbild für andere NFL-Teams werden

Genau so perfektionistisch wie der Spanier begreift McVay seinen Beruf. Immer selbstkritisch, immer bestens vorbereitet. Wochentags steht er für gewöhnlich gegen drei Uhr in der Nacht auf, um Spielzüge und Strategien passend zum nächsten Gegner zu entwerfen. Mit wie viel Selbstvertrauen er ausgestattet ist, zeigte sich, als er die Stelle des Defensive Coordinators in seinem Trainerstab mit Wade Phillips besetzte. Phillips, 70 Jahre alt, ist eine Trainerlegende und Super-Bowl-Sieger. Also jemand, der durchaus Gründe gehabt hätte, McVay als Grünschnabel nicht ernst zu nehmen. Dass Phillips die Stelle antrat, obwohl sein neuer Chef 40 Jahre jünger war und beide sich abgesehen von ein paar Vorgesprächen nicht kannten, verdeutlicht, welche Wirkung McVay bei seinen Mitmenschen hinterlassen kann.

Nachdem in den vergangenen Tagen einige Trainerstellen in der NFL frei geworden sind, könnten nun andere Klubbesitzer nachziehen und einem jungen Trainer das Vertrauen schenken. In Los Angeles feiern sie sich längst für diesen Schritt. Im Stadion tragen die Fans T-Shirts mit der Aufschrift „McVay is the Way.“ Frei übersetzt: Mit McVay auf dem richtigen Weg.