Premier League

So funktioniert Pep Guardiolas geheime Weltherrschaft

Manchester City dominiert in England und stärkt sein Imperium langfristig mit Zweitklubs in Spanien, Uruguay, USA, Australien und Japan.

Pep Guardiola jubelt oft über Siege von Man City, der Tabellenvorsprung beträgt bereits zwölf Punkte

Pep Guardiola jubelt oft über Siege von Man City, der Tabellenvorsprung beträgt bereits zwölf Punkte

Foto: DARREN STAPLES / REUTERS

Girona/Manchester.  So schnell hatte offenbar selbst Pep Guardiola (46) mit dieser positiven Entwicklung nicht gerechnet. „Mal ehrlich, das ist doch nicht real, was wir gerade erleben“, sagte der Trainer von Manchester City. In nationalen Wettbewerben ist sein Team seit 28 Spielen ungeschlagen. In der Premier League haben „The Citizens“ zur Saisonhälfte zwölf Punkte Vorsprung auf den Zweitplatzierten Manchester United. Längst muss der Katalane, der noch im Sommer das erste Trainerjahr ohne Titel erklären musste, Fragen beantworten, ob City in diesem Jahr vier Titel gewinnt. „Das wird nicht passieren. Natürlich nicht“, entgegnet Guardiola tapfer der Euphorie.

Die Zurückhaltung ist mental ja auch hilfreich, scheint sonst aber kaum noch gerechtfertigt. Dank der Klubbesitzers aus Abu Dhabi hat Guardiola den fünftteuersten Kader weltweit zur Verfügung, bei Bedarf kann er jederzeit verstärkt werden. Und anders als die bisherigen Platzhirsche legte sich der Goliath aus Manchesters auch noch ein paar hilfreiche Davids zu. Erst im Sommer hatte die City Football Group (CFG) gut 44 Prozent der Klubanteile des spanischen Erstliga-Aufsteigers CF Girona übernommen.

Zentren für Spielerakquise und Entwicklung auf fünf Erdteilen

Den läppischen Kaufpreis von 3,5 Millionen Euro hatte CFG-Geschäftsführer Ferran Soriano, ein alter Gurdiola-Bekannter, noch zu Zweitligazeiten ausgehandelt. Er hatte Girona seit Jahren verfolgt, er kennt sich aus in der Gegend. Seine Heimatstadt Barcelona ist ja auch nicht weit. Mit 33 hatte er eine Beraterfirma mit 500 Mitarbeitern aufgebaut, mit 36 gehörte er als Finanzchef des FC Barcelona zur Reformerriege, die unter Präsident Joan Laporta das regionale Heiligtum zur globalen Fußballmarke ausbaute. So viel starke Charaktere waren in diesem Team, das letztlich alle aneinandergerieten, einige wie der heutige Präsident Bartomeu und Laporta sind bis heute tief zerstritten.

Soriano verließ 2008 den Klub und wurde Manager der Fluglinie Spanair. Wenn Laporta zu jener Zeit sein Barca gern als Marke wie „Disney oder Coca Cola“ anpries, dann standen dahinter Sorianos Visionen. Doch in letzter Konsequenz ließen sich diese bei Barca nicht umsetzen, dafür ist der mitgliedergeführte Verein dann doch zu traditionell. Sorianos größtes Projekt begann, als er City von seiner Idee überzeugte, ein globales Fußball-Unternehmen aufzubauen. Am 1. September 2012 fing der Katalane beim Verein der Herrschaftsfamilie von Abu Dhabi an. Zwei Tage später hatte er für 100 Millionen Dollar Aufnahmegebühr in die amerikanische Liga ein Franchise in New York gegründet. Heute gehören der CFG ganz oder in Teilen sechs Klubs auf vier Kontinenten, die über 250 Profifußballer und -fußballerinnen beschäftigen.

Wie Beiboote gruppieren sich Citys Zweitklubs um das Mutterschiff

Die Vorteile sind offensichtlich. Girona, das nicht mal über ein eigenes Trainingsgelände verfügt, konnte plötzlich Teile seiner Saisonvorbereitung auf der als weltweit führend geltenden Trainingsanlage in Manchester durchführen. Und es hat fünf Leihspieler seines neuen Muttervereins im Kader, junge Talente, die dieser teuer eingekauft hat und für die Anforderungen eines Champions-League-Klubs polieren will. Als er in der Vorweihnachtswoche mit Pere Guardiola – dem Bruder von Manchester-Trainer Pep und ebenfalls mit 44,3 Prozent ausgerüsteten Miteigentümer – auf der Jahresversammlung auftrat, erwähnte Soriano nicht nur das Ziel, „die Nummer zwei in Katalonien zu sein“. Er erklärte auch, Girona partizipiere „100-prozentig an unserem weltweiten Klubnetz. Die Integration ging sehr schnell.“

Wie Beiboote gruppieren sich Citys Zweitklubs in Spanien, den USA, Australien (Melbourne City), Uruguay (Atlético Torque) und Japan (Minderheitsbeteiligung bei Yokohama Marinos) um das Mutterschiff in Manchester, werden als Parkstation für Profis benutzt oder als Akquisezentrum für regionale Talente, die nach Fifa-Regularien unter einer gewissen Altersgrenze sowieso nicht nach Manchester wechseln dürften. „Wir globalisieren das Barca-Modell“ (der Eigenproduktion von Stars wie Lionel Messi), wird Soriano im „Guardian“ zitiert. „Global, aber lokal“, laute die Konzernstrategie.

Das Beispiel Uruguay

Soriano bezeichnet China als nächsten Sehnsuchtsort, zumal regierungsnahe Investoren aus Peking bereits mit 13 Prozent an der CFG beteiligt sind. Am Ende der Entwicklung sollen bis zu zwei, drei Klubs pro Kontinent zur Gruppe gehören. Wie minutiös seine Leute beim Vereinsscouting vorgehen, zeigt das Beispiel von Torque. Nach einer Analyse des südamerikanischen Marktes entschied man sich im Mai 2017 bewusst für einen Klub aus Uruguay, weil das nur drei Millionen Menschen umfassende, aber im Fußball so erfolgreiche Land die höchste Rate von exportierten Spielern pro Einwohner aufwies, mithin: die besten Chancen auf gute Transfergeschäfte. Außerdem reichen im kleinen Uruguay schon kleinere Investitionen und Know-How-Transfers für signifkanten Erfolg. Auf Anhieb stieg Torque nun erstmals in die erste Liga auf. Das nächste, keineswegs unrealistische Ziel ist die Teilnahme an der lukrativen Copa Libertadores, Südmerikas Champions League.

Positive Spillover-Effekte im klubeigenen Spielernetz sind auf vielfältige Weise zu erzielen. Der Australier Aaron Mooy beispielsweise wurde nach zwei starken Jahren bei Melbourne City für 750.000 Euro von Manchester gekauft und dann sofort nach Huddersfield verliehen. Als dem Klub des deutschen Trainers David Wagner dann der Aufstieg gelang, verpflichtete er den Spieler für neun Millionen Euro. Doch manchmal bewegen sich solche Insidergeschäfte auch am Rande des Erlaubten. In Australien verbot die Liga jetzt, Spieler nach einem Transfer ins Ausland direkt zurück nach Australien zu verleihen, weil City sich mit Geld aus Manchester so einen Wettbewerbsvorteil verschaffen kann.

Cleveres Geschäftsmodell gerät ins Visier der Verbände

Und sollte Girona (derzeit Platz zehn) den Europapokal erreichen, sind die Konflikte mit der Uefa programmiert: sie untersagt die Teilnahme von zwei Klubs mit demselben Eigentürmer. Ein ähnliches Problem gab es bei Red Bull.

Girona ist als Klub aus der starken Primera División ein Ausweitung von Citys Kampfzone. Entsprechend kritisch wird die Liaison von Behörden wie Konkurrenz beäugt, und wohl auch deshalb hält sich der sichtbare Einfluss von City in Grenzen. Das charmant-enge Montilivi-Stadion, wo derselbe Durchgang vor Spielbeginn als Teambereich, in der Halbzeitpause zur Vip-Verköstigung und nach Abpfiff als Interviewzone dient, ist so weit weg von einer glatten Coroporate-Welt, wie man es sich im heutigen Spitzenfußball nur vorstellen kann. Anders als New York, Melbourne und Torque trägt Girona bislang auch nicht die himmelblaue Trikotfarbe des Muttervereins spazieren, sondern agiert weiter im Rot-Weiß. Und im sportlichen Bereich beweist Aufstiegstrainer Pablo Machín bisher maximale Autonomie: von den fünf City-Leihgaben läuft nur Außenverteidiger Pablo Maffeo in der Stammelf auf.

Als erstmals aufgestiegener Klub mit bislang überschaubarer Fanbasis passt es dennoch ins Beuteschema. Es hat noch nicht so viel eigene Tradition, als dass man die größten Geschichten nicht zusammen schreiben könnte. Wie im Oktober beim 2:1 gegen Real Madrid.