Handball-WM

Jenny Karolius - Virtuos am Ball und der Luftgitarre

Die Berlinerin Jenny Karolius hat Rhythmus im Blut und will bei der Handball-WM das Halbfinale erreichen.

Jenny Karolius musste im Spiel gegen Kamerun vollen Körpereinsatz zeigen.

Jenny Karolius musste im Spiel gegen Kamerun vollen Körpereinsatz zeigen.

Foto: Sascha Fromm / TA

Berlin.  Die eine hat Haare wie Rapunzel, die nächste würde gern ein Mini-Schwein als Haustier besitzen, und die andere ist leidenschaftliche Verfechterin eines Mittagsschlafes. Anna Loerper, Kapitän der Handball-Nationalmannschaft, hat über ihre Teamkolleginnen so einige kuriose Details zu berichten. Neben einem Vulkan im Tor und einem Trainingsjunkie in der Abwehr wäre da auch noch eine große Luftgitarren-Virtuosin.

Ob das nun ein Talent ist, was Jenny Karolius bei der Heim-WM, die am Freitag gestartet ist, weiterhilft, bleibt abzuwarten. Ein bisschen Rhythmus im Blut, ein bisschen Rampensau, kann ja alles nicht schaden. Aber eigentlich hat sie da gar keinen Nachholbedarf. Die 31-Jährige hat alles, was es für eine gestandene Nationalspielerin braucht. Obwohl die Kreisläuferin erst vor eineinhalb Jahren in die DHB-Auswahl aufgenommen wurde, hat sie ihren Platz im deutschen Team schnell gefunden.

Ihre Handballkarriere startet beim Post SV Berlin

Das stellte die Berlinerin, die ihre Karriere 1995 beim Post SV Berlin begann, auch zum Auftakt der Gruppenphase am Freitagabend unter Beweis. Gegen Kamerun setzte sich das Team von Nationaltrainer Michael Biegler vor 6000 Zuschauern in der ausverkauften Arena Leipzig souverän mit 28:15 (12:7) durch. Jenny Karolius steuerte zwei Tore zum ungefährdeten Sieg bei.

Leipzig ist einer von sechs Spielorten, die für die WM in Deutschland ausgewählt wurden. Dass ihre Heimatstadt Berlin nicht dazuzählt, findet Karolius, die mittlerweile in Leverkusen lebt und spielt, schon ein wenig schade. „Gerade weil der Männerhandball hier ja sehr boomt“, sagt sie. Dass der Frauenhandball in Berlin nicht an die Erfolge der Männer anknüpfen kann, musste Karolius allerdings schon 2005 einsehen, als sie vom SV BVB 49 nach Markranstädt wechselte, um weiterhin in der Bundesliga spielen zu können.

WM-Aus für deutsches Rückraum-Ass

Die Begeisterung für das Heim-Spektakel ist trotzdem groß. „Das ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl, wenn alle für einen sind, wenn man schon in die Halle einläuft“, erklärt Karolius die für den Frauenhandball ungewohnte Atmosphäre. Für eine war das Vergnügen des Spektakels jedoch nur von kurzer Dauer. Bereits nach drei Minuten musste Rückraumspielerin Kim Naidzinavicius im Auftaktspiel gegen Kamerun nach einem Zusammenprall mit ihrer Gegenspielerin vom Feld getragen werden. Am Sonnabend bestätigte Trainer Biegler die Diagnose Kreuzbandriss im linken Knie. Naidzinavicius war eine der Ersten, die die körperbetonte Spielweise des Gegners zu spüren bekam. Jenny Karolius hatte vor dem Spiel befürchtet, dass es gegen Kamerun ungemütlich werden könnte. „Das ist einfach ein Gegner, der ganz anders spielt als die Mannschaften aus Europa. Sehr unorthodox“, erklärte sie.

Für Biegler, der schon in der Vorbereitung verletzungsbedingte Ausfälle kompensieren musste, ist das frühe Aus seines Rückraumstars kein Grund, vom vorgegebenen Ziel abzurücken „Wir halten daran fest, wofür wir 20 Monate lang gearbeitet haben“, sagte Biegler.

Das Ziel der Reise heißt Hamburg

Am Ende dieser 20 Monate soll der 15. Dezember stehen. Was für die einen ein ganz normaler Freitag ist, ist für die Handballerinnen das Ziel einer eineinhalb Jahre langen Reise. Damals, als Michael Biegler im April 2016 das Amt des Bundestrainers übernahm, war bereits klar, wohin diese Reise gehen soll. Nach Hamburg. Denn dort finden am besagten 15. Dezember die beiden Halbfinals statt. Jeden Tag erinnert der 56-Jährige seine Spielerinnen an das große Ziel.

„Das große Ziel“ – diese Rhetorik ist bei den Spielerinnen mittlerweile in den alltäglichen Wortschatz übergegangen. Für dieses gemeinsame Ziel arbeiten sie seit dem 11. November. „Wir haben alle dieses eine Ziel vor Augen und das packen wir alle zusammen“, sagte Karolius, die alle Flummi nennen, weil sie damals zu Beginn ihrer Handballkarriere wie ein kleiner Gummiball durch die Halle flitzte.

Am Sonntag geht es im zweiten Spiel gegen Südkorea (20.30 Uhr/Sport1). Einen Gegner, den es zu schlagen gilt, wenn das anvisierte Ziel nicht schon früh in weite Ferne rücken soll. Neben China und Serbien muss sich der Gastgeber auch mit Vize-Weltmeister Niederlande messen – für Jenny Karolius ein Mitfavorit auf den Titel. „Norwegen, Frankreich, Niederlande – ich denke schon, dass es in diese Richtung gehen wird“, sagt sie. Und wenn es doch vielleicht in die eigene Richtung geht, wird sich Jenny Karolius bestimmt auch nicht beschweren - und den Erfolg mit einem furiosen Luftgitarren-Solo feiern.