Handball-WM

Michael Biegler – der Trainer, dem die Frauen vertrauen

Handball-Bundestrainer Michael Biegler über den Unterschied der Geschlechter und die Balance zwischen Provokation und Feingefühl.

Frauen-Bundestrainer Michael Biegler möchte auch bei der WM in Deutschland ausgiebig jubeln

Frauen-Bundestrainer Michael Biegler möchte auch bei der WM in Deutschland ausgiebig jubeln

Foto: dpa Picture-Alliance / sampics / picture alliance / Christina Pah

Leipzig.  Am Freitag starten die deutschen Frauen mit dem Spiel gegen Kamerun in die Handball-WM in Deutschland (18.45 Uhr, Sport1). Für Bundestrainer Michael Biegler wird das Turnier Höhepunkt und Schlusspunkt zugleich. Der 56-Jährige kehrt nach der WM als Trainer des SC DHfK Leipzig in die Männer-Bundesliga zurück.

Herr Biegler, warum sprechen Sie Ihre Spielerinnen eigentlich als Ladies an?

Michael Biegler: Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Ich wollte mich nicht vor die Mannschaft stellen und salopp „passt mal auf Mädels“ sagen. Das sind schließlich gestandene Frauen, die studieren, einen Beruf ausüben, eine Familie führen, Kinder haben und dennoch zweimal am Tag nicht weniger trainieren als die männlichen Profis. Da habe ich das Gefühl gehabt, mit derartigen Formulierungen nicht mit der nötigen Wertschätzung unterwegs zu sein. Deshalb habe ich mich als Anrede für Ladies entschieden.

Zuvor haben Sie viele Jahre Männer trainiert. Was ist anders bei Frauenteams?

Als ich vor 19 Monaten für das Projekt Heim-WM verpflichtet wurde, haben viele sicher die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und sich gefragt: Was machen die vom Verband denn jetzt? Kommen auf die Idee und holen einen, der 33 Jahre bei den Männern unterwegs war. Ich sehe da keinen Unterschied. Im Training schon mal gar nicht. Ich mache derzeit nichts anders als bei den Männern.

Und in der Ansprache?

Sicherlich mag es sein, dass ich eine etwas moderatere Ausdrucksweise an den Tag lege. Aber ganz ehrlich: Wenn ich 20 Minuten am Stück sprechen muss, dann kann ich auch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Es ist die gleiche Sportart, es gelten die gleichen Parameter. Das ist der Ansatz, den wir gewählt haben. Ich kann mich auch nicht wirklich verstellen. Ich nutze in den Besprechungen die gleiche Rhetorik und Intensität, wie ich es immer getan habe. Alles andere wäre auch unglaubwürdig und würde von den Spielerinnen schnell entlarvt werden.

„Ich war schon ein sehr seltsamer Frauen-Bundestrainer“

Die WM ist der Höhepunkt für den deutschen Frauen-Handball und für Sie der Schlusspunkt. Ein komisches Gefühl?

Nein, überhaupt nicht. So weit bin ich im Kopf auch noch gar nicht. Ich bin gerade komplett fokussiert, die Zeit ist einfach zu intensiv. Ich habe damals ja auch acht Wochen lang überlegt, ob ich das Angebot überhaupt annehme, weil ich im Frauenbereich nur sehr wenig Vorerfahrung hatte. Man muss sagen, dass ich deshalb teilweise schon ein sehr seltsamer Frauen-Bundestrainer war. Aber ich denke, es hat gepasst für dieses Projekt über 20 Monate.

Ihr Nachfolger steht bereits fest, es wird der Niederländer Henk Groener. Wieder ein Trainer statt einer Bundestrainerin.

Ich kenne Henk Groener persönlich. Fachlich ist das sicherlich eine sehr gute Wahl.

Klingt sehr diplomatisch. Und Ihre persönliche Meinung?

Persönlich bleibt es dabei: Ich bin der Meinung, dass eine Frau vielleicht mehr aus einer Frauenmannschaft herausholen könnte. In den jüngsten Jahren ist der Deutsche Fußball-Bund mit einem Frauen-Trainerstab ja sehr gut gefahren. Ich finde das bemerkenswert, und viele Dinge leuchten mir auch ein. Man muss eine Mannschaft in diesem Topbereich auch einmal ein bisschen provozieren, Reaktionen herauskitzeln und dann aber auch das Feingefühl entwickeln, wie bestimmte Spielerinnen oder Mannschaftsteile mit den Dingen umgehen, die im Training passiert sind oder gesagt wurden. Da fehlen mir persönlich die Berührungspunkte, das gebe ich ganz ehrlich zu. Ich bewundere alle männlichen Trainer im Frauenbereich, die das über viele Jahre meistern. Eine Frau hat meist einfach einen ganz anderen Zugang zu den Spielerinnen.

„Frauen-Handball ist überragend förderungswürdig“

Welche Bedeutung hat diese WM für den Handball der Frauen?

Sportdirektor Wolfgang Sommerfeld hätte mich nie zu diesem Projekt bewegen können, wenn es nur darum gegangen wäre, ein gutes Ergebnis zu erzielen. Und ich glaube, das ist auch der völlig falsche Weg. Wir haben immer wieder versucht, diese 20 Monate zu nutzen. Strukturen aufzubauen, uns bei den Männern bestimmte Dinge abzugucken. Beispielsweise die Eliteförderung, eine übergeordnete Trainings- und Spielphilosophie. Warum sollte das nicht auch bei den Frauen funktionieren? Da kann ein gutes WM-Ergebnis natürlich noch mal ein guter Anschub sein. Wir haben in diesen Monaten den Weg bereitet und auch schon einiges auf den Weg gebracht, ganz unabhängig vom Resultat der WM.

Am Ende zählen aber doch immer die Ergebnisse.

Natürlich, machen wir uns nichts vor. Das Turnier im eigenen Land ist zudem ein Aufmerksamkeitsmagnet, und deshalb möchte ich auch weiterhin für den Frauenbereich werben: Er ist aus meiner Sicht überragend förderungswürdig, wir haben sehr viele talentierte Spielerinnen in allen Altersklassen, die sehr fokussiert, lernfähig und motiviert sind. Die WM ist ein markanter Baustein auf dem Weg der weiteren Professionalisierung des Frauenhandballs.

Wie schätzen Sie Ihre Vorrundengruppe ein mit Kamerun, Südkorea, Serbien, China und den Niederlanden?

Es ist eine sehr heterogene Gruppe. Wir müssen stets neue Antworten finden, von einem auf den anderen Tag sehr schnell umdenken und uns neu einstellen.

Das Ziel ist das Erreichen des Halbfinals?

Nach den jüngsten Turnieren waren die Zielsetzungen nicht all zu hoch anzusetzen, und in 20 Monaten kann man ohnehin keine Wunder erwarten. Aber ich habe mit dieser offiziellen Zielsetzung auch kein Problem. Deutschland ist eine der führenden Handball-Nationen, und wenn wir ein Turnier im eigenen Land spielen, gehört es zum guten Ton, dass man mit hohen Ansprüchen hinein geht und das Ziel hat, nach Hamburg ins Halbfinale zu kommen.