Felix Neureuther hat ein Faible für Kurzvideos entwickelt, die er im Internet veröffentlicht. In einem Beitrag ist er neulich früher als erwartet, aber immer noch in voller Skimontur gekleidet, in die Wohnung in Garmisch-Partenkirchen hereingeschneit.

Der Saisonauftakt des Slalomspezialisten in Sölden war ausgefallen, seine dünnen Ist-denn-keiner-da-Rufe, die Freundin Miriam Gössner und Töchterchen Matilda galten, ließen den Betrachter schmunzeln.

Am Sonntagmorgen postete Neureuther wieder ein Filmchen. Er lächelte kurz, doch seine Gehhilfen verkündeten nichts Gutes. Der 33-Jährige humpelte aus einem Krankenhaus im US-Skiort Vail, wo die besten Kniespezialisten der Welt nach einer MRT-Untersuchung eine niederschmetternde Diagnose gestellt hatten, schaute in die Kamera und sagte: „Bye, bye Kreuzband. Bye, bye Beaver Creek – ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr.“

Der Deutsche Ski-Verband ist geschockt

Neureuther ist seit Jahren Deutschlands bester Skifahrer. Selbst wenn der Traum von Olympischen Spielen zerplatzt – den letzten wohl, denn 2022 in Peking wäre er beinahe 38 Jahre alt –, bleibt der sympathische Partenkirchener vorbildlich zuversichtlich.

Dabei ist das Kreuzband, das sich Neureuther bereits am Sonnabend bei einem Trainingssturz in Copper Mountain im linken Knie gerissen hat und das Anfang der Woche nach der Rückkehr nach München operiert werden soll, für den Deutschen Ski-Verband (DSV) eine Katastrophe.

Neureuther galt neben Viktoria Rebensburg als einzig ernstzunehmender Medaillenanwärter für die Winterspiele in Pyeongchang. Außerdem hat er mit dem Weltcupsieg in Levi einen glänzenden Start in den Olympiawinter erwischt. „Ich habe gebraucht, um das zu verarbeiten“, sagte DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier über die Verletzung, „das trifft uns hart.“

Dass nun Felix Dopfer oder Linus Straßer in Pyeongchang im Slalom aufs Podest fahren, ist beinahe so wahrscheinlich wie ein Händeschütteln von Donald Trump und Kim Jong-Un bei der Eröffnungsfeier in Südkorea. In seiner Karriere hat sich Neureuther häufig durchbeißen, zurückkämpfen müssen. Anfangs, um als er selbst und nicht als Sohn von Rosi Mittermaier und Christian Neureuther wahrgenommen zu werden.

Ab jetzt viel mehr Zeit für Töchterchen Matilda

Sein Talent, sein Skigefühl hätten 2014 in einer Olympiamedaille münden sollen, doch Neureuther verursachte bei der Fahrt zum Flughafen einen Unfall: Schleudertrauma auf der A95, Einfädler auf der Piste in Sotschi. Trotz lädiertem Rücken gewann er 13 Weltcuprennen, im vergangenen Frühjahr holte er Bronze bei den Weltmeisterschaften in St. Moritz. Nun wieder ein schwerer Rückschlag. Ihm sei, so sagte er, „sofort klar gewesen, dass es mich schlimmer erwischt hatte“.

Womöglich lässt der Austragungsort der 23. Winterspiele Neureuther mit dem Schmerz besser zurechtkommen. Für ihn bedeutet Glück nicht Gold, Silber oder Bronze in Pyeongchang. Deutlich wie kein anderer deutscher Wintersportstar sprach er öffentlich von Boykott-Gedanken. Für ihn zählen Gesundheit und Familie. Positiv betrachtet, sagte er in einem weiteren Video, im Krankenbett aufgenommen, „kann ich jetzt sehr viel Zeit mit meiner kleinen Tochter verbringen“. Matilda aufwachsen zu sehen, dazu hat Felix Neureuther in diesem Winter viel Zeit.