Der Ort hat etwas Ernüchterndes: eine asphaltierte Fläche, umrahmt von einem heruntergekommenen Zaun, an dem ein Banner baumelt mit der Aufschrift „Hier günstig Parken, Tageskarte sechs Euro“. Links davon stehen große Baukräne, auf dem vom Regen aufgeweichten matschigen Boden sollen ein Hotel, Büroräume und Studentenwohnungen entstehen. Rechts davon weisen Plakate auf einen luxuriösen Gebäudekomplex für kreatives Wohnen und Arbeiten hin.

Das ist der Geburtsort des deutschen Handballs. Vor hundert Jahren stand hier in der Alexanderstraße 41 in Mitte ein Lehrervereinshaus. Hier legte der „Ausschuss für Frauen- und Mädchenturnen des Berliner Turnraths“ am 29. Oktober 1917 zum ersten Mal die Regeln für den ab da offiziell als Handball bezeichneten Sport fest.

Berlin als bedeutender Handball-Ort

Im Gegensatz zu seinem Geburtshaus hat der deutsche Handball den Zweiten Weltkrieg und etliche Umbauarbeiten in den vergangenen Jahrzehnten überlebt, vor allem dank der Leidenschaft unzähliger Sportler, Fans und Funktionäre sowie der Fähigkeit zur Veränderung. Wenn die Handball-Familie mit dem Doppel-Länderspiel der Männer (gegen Spanien, 14.30 Uhr/ARD) und Frauen (gegen die Niederlande/17.30 Uhr) an diesem Sonntag in der Max-Schmeling-Halle den Abschluss des Jubiläums „100 Jahre Handball“ feiert, dann zelebriert sie einen Sport, der unzählige Helden hat.

Einer der Pioniere war der Berliner Turnfunktionär Max Heiser, der Handball zunächst als reine Frauenvariante konzipierte. Damals war jeder körperliche Angriff auf den Gegner verboten. Auf größeres Interesse stieß Handball erst, als der Sportlehrer Carl Schelenz ein körperbetontes, männliches Kampfspiel daraus machte. Berlin blieb ein bedeutender Ort, sei es beim Olympiasieg 1936 im Feldhandball oder bei der WM im Hallenhandball 1974, als die BRD beim Finale in Ost-Berlin nur Zuschauer war und Neunter wurde.

Hanning bringt die Handball-Euphorie zurück nach Berlin

Einer, der den Sport in Berlin durch Höhen und Tiefen begleitet hat, ist Diethard Finkelmann. Der heute 76-Jährige trat mit 13 Jahren den Reinickendorfer Füchsen bei und hält dem Klub seither die Treue. „Ich war und bin immer ein Fuchs“, sagt er. Finkelmann gewann WM-Gold im Feldhandball, der letzte internationale Wettbewerb, bevor der Sport der Hallenvariante weichen musste. Als Sportler erlebte er die Rivalität mit dem BSV 92, heimliche Treffen mit dem DDR-Team und zwischen 1981 und 1985 als Funktionär eine Zeit, in der die Füchse zur deutschen Spitze gehörten.

In einer Zeit, in der viele Akteure den Wechsel in die Inselstadt West-Berlin scheuten, hatte der damalige Klub-Mäzen Willi Bendzko viel Geld investiert, zog sich aber in der Saison 1985/86 in Ermangelung des ganz großen Erfolges, der Deutschen Meisterschaft, zurück. Die Füchse stürzten in die Regionalliga ab, Berlin verschwand vorübergehend von der Handball-Landkarte. Erst Bob Hanning, der 2005 als Geschäftsführer herkam, hauchte der deutschen Hauptstadt wieder Handball-Euphorie ein. Die Füchse entwickelten sich mit dem Grundbaustein einer nachhaltigen Jugendarbeit zu einem der Spitzenteams in der Bundesliga.

8000 Fans feiern „Bad Boys“ in der Schmeling-Halle

Gleichermaßen lockte Hanning als Vizepräsident Leistungssport im Deutschen Handball-Bund auch die Nationalmannschaften nach Berlin zurück, unter anderem für die WM 2019 im eigenen Land. Während die deutschen Handballer nach ihren WM-Triumphen von 1978 ohne Empfang aus den Bussen in Hamburg gestiegen und 2007 von mehr als 30.000 Menschen auf dem Kölner Rathausplatz bejubelt worden waren, gelang es Hanning, nachdem der Sport zwischen 2007 und 2016 mal wieder durch ein Tal geschlittert war, nach dem überraschenden EM-Titel von 2016 in der Schmeling-Halle 8000 Zuschauer zu vereinen, um die „Bad Boys“ zu feiern.

Wenn das Team an diesem Sonntag am selben Ort antritt, um das EM-Finale von 2016 gegen Spanien zu wiederholen, baumelt Finkelmanns Trikot mit der Nummer drei noch immer unter der Hallendecke. Es erinnert an die alte Zeit, in der die Athleten sich aus purer Leidenschaft in der Halle getroffen haben. „Zweimal pro Woche, nicht zweimal pro Tag“, sagt Finkelmann. Sie alle waren Amateure. Wenn er von der damaligen Zeit spricht, einer Zeit, die von Freundschaft und Zugehörigkeit geprägt war, schlagen die Lachfalten um seine Augen fröhliche Furchen. „So eine Mannschaftssportart ist das Schönste, was es gibt“, sagt er. Die Regeln des Spiels mögen sich verändert haben, die Athletik und Professionalität, auch die Stimmung in den Hallen, die der zunehmenden Kommerzialisierung Tribut zollt – Umbauarbeiten wird es auch weiterhin geben. Der deutsche Handball aber hat jetzt wieder einen Platz in Berlin.